Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Klimawandel trifft vor allem die sozial Schwächsten

15.02.2007
Ein Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin untersucht die Einflussfaktoren, welche die Anfälligkeit (Vulnerabilität) von gesellschaftlichen Gruppen gegenüber den Folgen des Klimawandels bestimmen. In Entwicklungsländern sind nicht alle Menschen gleichermaßen betroffen: Die Folgen solcher Krisen werden vielmehr durch vorhandene soziale Ungleichheiten verstärkt.

Das Klima verändert sich, und menschliche Aktivitäten tragen in erheblichem Umfang dazu bei: Dies ist nach dem jüngsten Klima-Bericht der Vereinten Nationen, erarbeitet vom internationalen IPCC-Wissenschaftsgremium, eine nicht mehr zu bestreitende Feststellung. Doch wen trifft dieser Wandel am stärksten?

Schon ist von "Verlierern" und "Gewinnern" der klimatischen Veränderungen die Rede. Häufig wird darauf verwiesen, dass bestimmte Regionen der Erde unter dem Klimawandel am stärksten leiden werden. Dies gilt insbesondere für Entwicklungsländer in den tropischen Zonen, nicht zuletzt weil dort die Volkswirtschaften und die staatlichen Institutionen schwach ausgeprägt sind. "Die zentrale Frage müsste aber eigentlich lauten: Welche Personengruppen - und nicht welche Länder - werden von der Entwicklung besonders betroffen sein", betont Kristina Dietz vom Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin.

Die Wissenschaftlerin hat im Rahmen des Projektes "Global Governance und Klimawandel" soziale, politische und sozioökonomische Aspekte eines sich verändernden Klimas untersucht. Ihr Fazit: In den so genannten "betroffenen Ländern des Südens" verteilen sich die Folgen keineswegs gleichmäßig: "Vielmehr sind die Menschen, die schon bisher sozial besonders schlecht gestellt waren und gleichzeitig oft den geringsten politischen Einfluss besitzen, auch besonders verletzlich gegenüber den Folgen des Klimawandels."

Das Projekt richtet seine Forschung daher stärker auf jene Faktoren aus, welche die Anfälligkeit (Vulnerabilität) der Menschen gegenüber Krisen bestimmen, anstatt - wie gemeinhin üblich - vor allem die nationalen und volkswirtschaftlichen Konsequenzen zu untersuchen. Das Projekt "Global Governance und Klimawandel" ist Teil des Forschungsschwerpunktes "Sozial-ökologische Forschung" (SÖF), den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eingerichtet hat und seit 2001 fördert.

Kristina Dietz hat exemplarisch Untersuchungen in zwei betroffenen Ländern - Tansania und Nicaragua - durchgeführt und dabei Akteure und Betroffene auf verschiedenen Ebenen - international, national, regional, kommunal - befragt. Tansania gehört zu den ärmsten Nationen der Erde (Least Developed Countries, LDC); infolge des Klimawandels werden hier zunehmende Dürren im Landesinneren sowie Überflutungen an der Küste erwartet. In Nicaragua wird es voraussichtlich an der Pazifikküste trockener, während die Atlantikseite vermehrt unter Wirbelstürmen leiden wird.

In beiden Ländern sind, so stellte Kristina Dietz fest, die politischen Prozesse zur Anpassung und Abfederung des Klimawandels vorwiegend auf der nationalen Ebene angesiedelt: Klimapolitische Ansätze werden vorwiegend von der Zentralregierung nach internationalen Vorgaben gestaltet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei vor allem mögliche Auswirkungen in volkswirtschaftlich relevanten Sektoren, etwa in der Wirtschaft allgemein, dem Agrarsektor oder dem Energiesektor. Anpassungs-Strategien werden - wenn überhaupt - vor allem in technologischen Maßnahmen gesucht, zum Beispiel in moderner Bewässerungsinfrastruktur sowie im Einsatz von trocken-resistentem Saatgut oder chemischen Düngemitteln.

Die Untersuchung zeigt jedoch, dass derartige Strategien die ungleiche Wohlstandsverteilung sowie ungleiche Zugangsbedingungen zu sozialen Sicherungssystemen und Basisgütern, wie z.B. Wasserversorgung innerhalb dieser Länder noch vertiefen. So ist beispielsweise resistentes Saatgut teuer und nur sehr eingeschränkt für ländliche Kleinbauern und -bäuerinnen erschwinglich. Gleichzeitig haben arme und gesellschaftlich marginalisierte Bevölkerungsschichten schon auf der lokalen Ebene kaum Zugang zu den politischen Entscheidungsprozessen. "Geringe soziale Stellung und fehlende politische Einflussnahme sind in der Regel eng miteinander verknüpft", so Kristina Dietz. Diese Aspekte sollten daher nach ihrer Ansicht in der Vulnerabilitäts-Forschung eine größere Rolle spielen.

Zu dem SÖF-Projekt "Global Governance und Klimawandel" gehören vier weitere Forschungsperspektiven, die sowohl verschiedene Ebenen des politischen Prozesses als auch unterschiedliche Regionen der Erde im Visier haben. So erforscht ein Teilprojekt die Einflussmöglichkeiten und -kanäle unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessengruppen und Akteure auf die globale Klimapolitik. Ein weiteres Projekt untersucht die deutsche Politik zu erneuerbaren Energien in dem komplexen internationalen energiepolitischen Spannungsfeld. Die dritte Untersuchung richtet sich auf die Bedeutung verschiedener Formen von Bürgerbeteiligung auf der lokalen Ebene sowie Möglichkeiten und Bedingungen der Stärkung des öffentlichen Bewusstseins. Eine weitere Untersuchung konzentriert sich auf das individuelle Klimabewusstsein als wesentliche Voraussetzung für klimaschützendes Handeln.

Das gemeinsame Ziel des Forschungsprojektes ist es, über die Integration dieser verschiedenen, sich wechselseitig bedingenden Teilaspekte den Blick für die "Blinden Flecken" gegenwärtiger globaler Klimapolitik zu öffnen. Diesem Thema ist auch am 16. Februar 2007 eine internationale Fachtagung mit dem Titel "Blind Spots of Global Climate Governance" gewidmet, die das Projekt in Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung in Berlin ausrichtet.

Schwerpunkte der Tagung sind dabei der öffentliche Klimadiskurs und die Rolle der Medien, Gerechtigkeitsfragen aus einer Nord-Süd-Perspektive, Demokratiedefizite in der globalen Klimapolitik sowie Aspekte der Energiesicherheit im Spannungsfeld von Erneuerbaren Energien und Geostrategien. Abschließend sollen die zukünftigen Herausforderungen einer nachhaltigen Klimapolitik erörtert werden.

Folgende Forschungseinrichtungen sind an dem Projekt beteiligt:
- FU-Berlin, Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
- Zentrum für Technik und Gesellschaft (ZTG) an der TU Berlin
- Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin.
Kontakt:
Kristina Dietz
FB Politik- und Sozialwissenschaften
FU Berlin
Tel. 030-838-70710
krdietz@zedat.fu-berlin.de

Ralph Wilhelm | idw
Weitere Informationen:
http://www.globalgovernance.de

Weitere Berichte zu: Governance Klimapolitik Klimawandel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Auf der Suche nach Hochtechnologiemetallen in Norddeutschland
26.06.2017 | Jacobs University Bremen gGmbH

nachricht Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur
22.06.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie