Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tsunamis schon in der Vorgeschichte

28.09.2006
Spektakuläre Tsunami-Sedimente in Griechenland entdeckt - Geomorphologen wollen mittel- bis spätholozäne Riesenwellen anhand von Sedimentuntersuchungen rekonstruieren

Verheerende Tsunami-Wellen sind kein modernes Phänomen. Schon vor Jahrtausenden überrollten sie Küstengebiete - in Argentinien und Chile etwa, in Norwegen und Alaska, auf Hawaii oder in den Ländern des östlichen Mittelmeers - und zerstörten zum Teil ganze Siedlungsgebiete. Für die Untersuchung so genannter Paläotsunamis bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft einem Team von Geomorphologen des Fachbereichs Geographie der Philipps-Universität Marburg nun 160.000 Euro. Die Arbeitsgruppe um Dr. Andreas Vött und Professor Dr. Helmut Brückner wird sich insbesondere Tsunami-Ereignissen widmen, deren Einflüsse in Nordwestgriechenland zwischen der Insel Leukas und der Stadt Preveza auf dem gegenüberliegenden Festland nachzuweisen sind.

Dort hatten die Marburger Geographen im August 2005 spektakuläre Funde gemacht: Unter anderem konnten sie dachziegelartig ineinander verkeilte Gesteinsblöcke bis zu einem Volumen von 15 Kubikmeter einem großen Tsunami-Ereignis zuordnen, das sich um 1000 vor Christus ereignet haben dürfte. Einige Kilometer landeinwärts fanden sie zudem bis zu 500 Quadratmeter große Steinfelder. Die Steine stammen aus Felsformationen, die sonst ausschließlich an der Küste zum offenen Meer zu finden sind. "Die Tsunamis, von denen vermutlich mehrere stattgefunden haben", so Andreas Vött, "dürften das massive Material also bis zu vier Kilometer weit transportiert haben und wiesen Wellenhöhen von bis zu fünfzehn Metern auf."

Sedimentkerne mit dem Computertomografen durchleuchtet

Hauptziel des Projekts ist nun die Rekonstruktion von Ablauf, Ausmaß und Auswirkungen von Tsunami-Impakten im Küstengebiet von Leukas/Preveza. Die Marburger Forscher werden unter anderem Sedimente und Jahrtausende alte Überreste von Pflanzen und Kleinstlebewesen analysieren. Die Anwendung geochemischer und geophysikalischer Methoden ist ebenfalls geplant. Letztere dienen unter anderem großflächigen Prospektionen, die sowohl Land- wie Meeresgebiete umfassen werden. Selbst mit dem Fachbereich Medizin der Philipps-Universität besteht eine Kooperation: "Gemeinsam mit Marburger Radiologen", so Vött, "haben wir Sedimentkerne mit einem Computertomografen durchleuchtet und dabei unter anderem Sturm- und Tsunamischichten gefunden." Die Forschung über Paläotsunamis hat in Marburg eine mehrjährige Tradition: Gemeinsam mit Kooperationspartnern hat Helmut Brückner unter anderem Projekte auf den niederländischen Antillen, an der argentinischen Atlantikküste sowie am chilenischen Lago Budi durchgeführt.

Das Besondere am Tsunami-Projekt in Nordwestgriechenland sind erste Hinweise darauf, dass menschliche Siedlungen rund um Leukas bereits in der Antike durch Tsunami-Impakte in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Hierfür sprechen zahlreiche Keramikfunde in Bohrprofilen und natürlichen Sedimentaufschlüssen. Dies ermöglicht intensive Kooperationen mit Kolleginnen und Kollegen aus Archäologie, Vor- und Frühgeschichte sowie Alter Geschichte. Vött und Brückner arbeiten dabei mit Marburger Forschern ebenso wie mit Partnern der Universitäten Berlin, Darmstadt und Münster zusammen, denn, so Vött, "als Geographen sind wir vor dem Hintergrund dieser spannenden geoarchäologischen Befunde einer ausgesprochen interdisziplinären Arbeitsweise verpflichtet."

Bundesweit erster Masterstudiengang Geoarchäologie

Im Mittelpunkt der noch relativ jungen geoarchäologischen Disziplin steht die Rekonstruktion historischer und prähistorischer Landschaften. Der Standort Marburg, wo die Geoarchäologie zu den Forschungsschwerpunkten gehört, hat sich hier bereits besonders hervorgetan. Marburg ist die deutschlandweit erste Universität, die einen Masterstudiengang Geoarchäologie einrichtete. Studierenden ermöglicht er unter anderem die Teilnahme an internationalen Ausgrabungen. Erst im Mai dieses Jahres fand in Marburg zudem die 2. Jahrestagung des deutschen Arbeitskreises Geoarchäologie mit rund achtzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem In- und Ausland statt.

Das Leukas-Tsunami-Projekt ist auf rund drei Jahre angelegt. Unter anderem bestehen weitere enge Kooperationen mit Geomorphologen, Geologen, Tektonikern, Seismologen und Paläontologen der Universitäten Duisburg-Essen und Cottbus, der italienischen Universitäten Bari und Lecce sowie der Universität Athen. Darüber hinaus sind die Untersuchungen in das Internationale Geowissenschaftliche Programm, ein Gemeinschaftsprojekt der Unesco und der Internationalen Union für Geologische Wissenschaften, eingebunden.

Kontakt:

Dr. Andreas Vött: Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Geographie, Deutschhausstraße 10, 35032 Marburg

Tel.: (06421) 28 25917, E-Mail: voett@staff.uni-marburg.de

Professor Dr. Helmut Brückner: Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Geographie, Fachgebiet Physische Geographie, Deutschhausstraße 10, 35032 Marburg

Tel.: (06421) 28 24262, E-Mail: h.brueckner@staff.uni-marburg.de

Thilo Körkel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-marburg.de

Weitere Berichte zu: Geoarchäologie Geomorphologe Tsunami

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

Jenaer Akustik-Tag: Belastende Geräusche minimieren - für den Schutz des Gehörs

27.04.2017 | Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

VLC 200 GT von EMAG: Neue passgenaue Dreh-Schleif-Lösung für die Bearbeitung von Pkw-Getrieberädern

27.04.2017 | Maschinenbau

Induktive Lötprozesse von eldec: Schneller, präziser und sparsamer verlöten

27.04.2017 | Maschinenbau

Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

27.04.2017 | Informationstechnologie