Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tiefbohrungen im größten Meteoritenkrater der USA

27.06.2008
Impactforscher Christian Koeberl publiziert Ergebnisse in "Science"

Im Rahmen eines großen internationalen Forschungsprojekts führten amerikanische, deutsche und österreichische Wissenschafter Tiefbohrungen am Chesapeake Bay Krater an der Ostküste der Vereinigten Staaten durch. Der vor etwa 35 Millionen Jahren entstandene Einschlagskrater ist mit 85 Kilometer Durchmesser der größte der USA.

Christian Koeberl, Impactforscher der Universität Wien, und seine Kollegen haben in den letzten zwei Jahren intensiv an der Auswertung der Bohrkerne gearbeitet und publizieren nun erste Ergebnisse in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift "Science".

Der Chesapeake Bay Krater an der Ostküste der USA im Bundesstaat Virginia ist mit einem Durchmesser von 85 Kilometern der größte bisher bekannte Einschlagskrater in den Vereinigten Staaten. Der Krater entstand vor etwa 35 Millionen Jahren am Ende des Eozäns während eines gigantischen Impacts. An der Oberfläche ist der Krater nicht zu erkennen, denn er ist vollständig mit jüngeren Gesteinen verfüllt und verdeckt. Erste Strukturen des Kraters wurden durch geophysikalische Messungen und Bohrungen Anfang der 1990er Jahre entdeckt.

... mehr zu:
»Bohrkern »Einschlag »Krater »Tiefbohrung

Kurz darauf begann Christian Koeberl vom Department für Lithosphärenforschung der Universität Wien seine Zusammenarbeit mit amerikanischen Kollegen. 1996 wiesen die Forscher nach, dass "geschockte" Minerale vorhanden sind, und dass es sich daher tatsächlich um einen Einschlagskrater handelt. 2004 wurde ein großes internationales Projekt zu einer Tiefbohrung nahe des Zentrums des Chesapeake Bay Kraters durch das International Continental Scientific Drilling Program (ICDP) und die US Geological Survey mit einem Gesamtumfang von fast zwei Millionen Euro genehmigt. Projektleiter war Christian Koeberl zusammen mit drei Kollegen aus den USA bzw. Deutschland. Die Wissenschafter hatten bei den Bohrungen 2005/2006 Bohrkerne mit bis zu 1,8 km Gesamttiefe aus dem Krater geholt, die in der Folge analysiert wurden.

Rekonstruktion des Impacts liefert Details zur Kraterentstehung

Der Chesapeake Bay Krater ist für das Verständnis von Impactkratern und deren Entstehung aus mehreren Gründen von großer Bedeutung. Er entstand im flachen Kontinentalschelf bei nur wenigen hundert Metern Wassertiefe. Dadurch erhielt er eine sehr ungewöhnliche Form, die wie ein umgekehrter Sombrero aussieht. Solche Strukturen gibt es bei Einschlagskratern ganz selten. Innerhalb des Zentralbereichs des Kraters (etwa 35 bis 40 km im Durchmesser) finden sich Brekzien - eckige, zerrüttete Gesteine verschiedener Herkunft, die beim Impact chaotisch zusammengemischt wurden.

35 Millionen altes Salzwasser

In einer dieser Brekzie wurde Salzwasser gefunden, das seit 35 Millionen Jahren unverändert geblieben ist. Da in der Gegend des Kraters mehrere große Städte sind, in denen über zwei Millionen Menschen wohnen, ist diese Entdeckung für die Wasserversorgung der lokalen Bevölkerung von Interesse.

Ein Kilometer langer Granitblock durch die Luft gewirbelt

Eine weitere unterwartete Entdeckung war ein riesiger Granitblock mit mehreren hundert Metern Stärke und vermutlich über ein Kilometer Länge, der als Brocken zwischen den Impactgesteinen sitzt. Dieser Granitblock muss während des Einschlages innerhalb von Sekunden mindestens fünf Kilometer transportiert worden sein - ein Hinweis auf die enorme Energie, die bei solchen Einschlägen freiwerden.

Tsunami-artige Flutwellen spülen Gesteinsmassen vom Kraterrand in die Tiefe
Unterhalb der Impactbrekzien wurden Gesteine gefunden, die ebenfalls mehrere Kilometer sowohl vertikal als auch radial transportiert wurden. Unmittelbar nach dem Impact ist das Meer in Form gigantischer, Tsunami-artiger Flutwellen wieder in den Krater zurückgekehrt und hat dabei Material vom Kraterrand in die Kratertiefen gewaschen. Die Spuren dieses gewaltigen Prozesses haben die Forscher nun in den Bohrkernen entdeckt.

Nach dem Einschlag noch Leben in 1,8 km Tiefe

Die Untersuchung der im Laufe der 35 Millionen Jahre nach dem Einschlag im Krater abgelagerten Sedimentgesteine lassen auch Aussagen über die tektonische Entwicklung des Küstengebietes und sogar über die langfristigen Änderungen des Meeresspiegels zu. Letztlich haben biologische Untersuchungen an den Bohrkernen gezeigt, dass es nach dem Einschlag bestimmte Lebensformen sogar noch in den heißen Zonen des Kraters in 1,8 km Tiefe gab.

"Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse sind nur der Anfang einer Reihe von detaillierten Untersuchungen, die uns noch viele Jahre beschäftigen werden. Aber bereits jetzt ist klar, dass die Tiefbohrung am Chesapeake Bay Krater, die auch durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) unterstützt wurde, die Impactforschung einen großen Schritt voran gebracht hat", ist sich Christian Koeberl sicher.

Weitere Information unter:
http://chesapeake.icdp-online.org/
http://www.icdp-online.org
http://www.univie.ac.at/geochemistry/koeberl/
http://lithosphere.univie.ac.at
Kontakt
Ao. Univ.-Prof. Dr. Christian Koeberl
Leiter des Departments für Lithosphärenforschung
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14 (UZA II)
T +43-1-4277-531 10
christian.koeberl@univie.ac.at
Rückfragehinweis
Mag. Veronika Schallhart
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien
1010 Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
T +43-1-4277-175 30
M +43-664-602 77-175 30
veronika.schallhart@univie.ac.at

Alexandra Frey | idw
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

Weitere Berichte zu: Bohrkern Einschlag Krater Tiefbohrung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Grazer Forscher stellen Methode zur dreidimensionalen Charakterisierung vulkanischer Wolken vor
14.12.2017 | Karl-Franzens-Universität Graz

nachricht Rest-Spannung trotz Megabeben
13.12.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik