Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Entdeckt: Winterschlaf auch bei Primaten

25.06.2004

Anzeige


Der nachtaktive Fettschwanzmaki Cheirogaleus medius


Auch manche Primaten fallen in den Winterschlaf - noch dazu in den Tropen. Der auf Madagaskar beheimatete nachtaktive Fettschwanzmaki Cheirogaleus medius, so ergab eine im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Untersuchung von Marburger Forschern, kann bei Temperaturen von über dreißig Grad Celsius sogar durchschlafen - völlig ohne energiezehrende Wachperioden.

Auch manche Primaten fallen in den Winterschlaf - noch dazu in den Tropen. Das ist das Ergebnis einer Felduntersuchung der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Gerhard Heldmaier und Kathrin H. Dausmann vom Institut für Tierphysiologie der Philipps-Universität Marburg, die am 24. Juni 2004 im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde. Der auf Madagaskar beheimatete nachtaktive Fettschwanzmaki Cheirogaleus medius macht dabei während sieben Monaten im Jahr das Beste aus seiner Situation: Er schaltet seine innere Wärmeregulierung ab und lässt stattdessen - wie ein Reptil - seine Körpertemperatur mit der Umgebungstemperatur schwanken.

Anders als andere Winterschläfer, die regelmäßig wach werden müssen, um sich aufzuwärmen, kann der Fettschwanzmaki sogar durchschlafen. Einzige Voraussetzung dafür: Die Umgebungswärme muss seine Körpertemperatur alle paar Tage auf über dreißig Grad Celsius ansteigen lassen. Das wiederum geschieht nur, wenn der Primat zum Beispiel in einer Baumhöhle überwintert, die nur schlecht gegen Schwankungen der Umgebungstemperatur geschützt ist.

Diejenigen seiner Artgenossen hingegen, die ein besser isoliertes Quartier tief im Wurzelstock eines Baumes gewählt haben - dessen Temperatur bei 22 Grad Celsius konstant bleibt -, wachen etwa alle sieben Tage auf, um ihre Temperatur für einige Stunden auf 33 Grad Celsius anzuheben. Das ist aber immer noch deutlich kürzer als die ein bis zweitägigen Wachperioden der Winterschläfer in gemäßigten oder arktischen Breiten. Letztere steigern bei dem spontanen Erwachen ihre Körpertemperatur auf etwa 36 Grad Celsius und benötigen dazu den größten Teil der für die Wintermonate gespeicherten Fettreserven. Die Ursachen für das spontane Erwachen sind nicht bekannt. Am effizientesten ist Winterschlaf ohne Unterbrechungen, denn so sparen die Tiere die für das Aufheizen und die Wachphasen erforderliche Energie.

Die Erkenntnisse von Dausmann und Heldmaier sind die erste physiologische Bestätigung für einen echten Winterschlaf bei einem tropischen Säugetier. Gleichzeitig haben die Forscher erstmals den Winterschlaf eines Primaten nachgewiesen. Bislang hielt man den Winterschlaf immer für eine Reaktion auf Kälte. Die vorliegenden Untersuchungen zeigen, dass er auch ohne Kälte möglich ist, da der Stoffwechsel selbst bei hoher Körpertemperatur auf Sparflamme geschaltet werden kann.

Winterschläfer der gemäßigten oder arktischen Breiten und ihre tropischen Pendants verbringen den jeweiligen Winter unter sehr unterschiedlichen Umständen. Während sich erstere in tiefe Erdlöcher und Höhlen mit nahezu konstanten, wenn auch niedrigen Temperaturen zurückziehen, verbringen etwa die Makis viele Monate in Baumhöhlen und sind kontinuierlich stark schwankenden und oft auch hohen Temperaturen ausgesetzt. Im Fall der Fettschwanzmakis, die von den Forschern mit einer Kombination aus Telemetrie- und Wärmesensor ausgestattet worden waren, schwankt die Körpertemperatur im Durchschnitt um nahezu zwanzig Grad Celsius. Im Extremfall fällt sie dabei auf unter zehn Grad Celsius ab oder steigt auf über 35 Grad Celsius an - je nach Außentemperatur. Solche starken Schwankungen waren bei Säugetieren bislang unbekannt.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Gerhard Heldmaier: Institut für Tierphysiologie der Philipps-Universität Marburg, Karl-von-Frisch-Straße 8, 35043 Marburg, Tel. (06421) 28 23410, E-Mail: heldmaier@verwaltung.uni-marburg.de

Kathrin H. Dausmann: Institut für Tierphysiologie der Philipps-Universität Marburg, Karl-von-Frisch-Straße 8, 35043 Marburg, Tel. (06421) 28 23496, E-Mail: dausmann@staff.uni-marburg.de

Publikation in Nature: Nature 429, 825 - 826 (24 June 2004), "Physiology: Hibernation in a tropical primate"

Thilo Körkel | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.staff.uni-marburg.de/~tierphys

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Lebende Fossilien der Hirnentwicklung
16.05.2012 | Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

nachricht Neue Details der Genregulation aufgeklärt
16.05.2012 | Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie, Dortmund

Alle Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Krebsen auf den Zahn gefühlt


Australische Flusskrebse besitzen einen Zahnschmelz, der dem menschlichen sehr ähnelt

Manche besonders gelungenen Entwicklungen kopiert die Natur bei sich selbst. So hat ein Team aus Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam und der Ben-Gurion Universität im israelischen Beer-Sheva herausgefunden, dass die Zähne des australischen Flusskrebses Cherax quadricarinatus mit einem Schmelz überzogen sind, der dem Zahnschmelz von Wirbeltieren ...

Im Focus: Lebende Fossilien der Hirnentwicklung


Göttinger Wissenschaftler rekonstruieren einen radikalen Umbau in der Evolution des Gehirns

Die Hirnarchitektur der Maus hat sich im Laufe ihrer Evolution möglicherweise kaum verändert. Wie bei den winzigen Urahnen der heutigen Säugetiere, die vor etwa 80 Millionen Jahren lebten, sind auch bei der Maus Nervenzellen in der Sehrinde in einem kleinen Hirnbereich zusammengedrängt.

Bei der Evolution größerer Gehirne ist es zu ...

Im Focus: Frühe Blüte bei lädierter biologischer Uhr


Gerste hat sich durch eine Veränderung der inneren Uhr an nördliche Anbaugebiete mit kurzen Sommern angepasst

Eine in Skandinavien verwendete Sommergerste hat Wissenschaftlern vom Max Planck Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln vom John Innes Centre in Norwich zufolge zwar eine ramponierte innere Uhr, ist aber trotzdem sehr ertragreich. Ihr Trick: Sie dämpft die biologische Zeitmessung durch eine Mutation und kann dadurch auch bei kurzem Tageslicht einen ...

Im Focus: Neue Details der Genregulation aufgeklärt


Der Transkriptionsfaktor P-TEFb reguliert RNA-Polymerase nach einem unerwarteten Muster

Wird genetische Information von der Erbsubstanz DNA abgelesen, übersetzt die RNA-Polymerase II sie in RNA-Moleküle. Ein wichtiger Bereich des Polymerase-Moleküls ist die C-terminale Domäne, kurz CTD. Sie übermittelt der Polymerase Informationen darüber, wie der genetische Code abgeschrieben und weiter verarbeitet werden soll. Dazu heftet das Enzym P-TEFb molekulare Botschaften in ...

Im Focus: Futter für das Schwarze Loch


Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Gerd Weigelt vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn berichtet über die Erforschung eines aktiven Galaxienkerns.

Nahinfrarot-Interferometrie ermöglichte es dem Team, eine ring-förmige Ansammlung von Staub, einen sogenannten "Staubtorus", in der inneren Region des Kerns der Galaxie NGC 3783 aufzulösen. Mit dieser Messtechnik erreicht man eine Winkelauflösung, die so gut ist wie die Auflösung eines Riesenteleskops mit 130 Metern Spiegeldurchmesser. Der aufgelöste Staubtorus bildet wahrscheinlich das ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Downsizing erhöht Marktdurchdringung von Ottomotoren

16.05.2012 | Studien Analysen

Krebsen auf den Zahn gefühlt

16.05.2012 | Materialwissenschaften

New 'metamaterial' practical for optical advances

16.05.2012 | Materialwissenschaften

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

Mikrotechnik trifft Medizin – auf der 9. MST-Regionalkonferenz NRW in Dortmund

16.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Soziale Kettenreaktionen und ihre digitale Spuren

16.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Die Ausbreitung von Stress

16.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp