Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wehrhaftigkeit hat ihren Preis – auch in Pflanzen. Ein übereifriges Immunsystem kann tödlich sein

21.11.2014

Pflanzen müssen sich permanent mit einer Vielzahl von Krankheitserregern auseinandersetzen, wozu ihnen ein komplexes Immunsystem dient. Ebenso wie beim Menschen kann dieses allerdings auch über das Ziel hinausschießen und die Pflanze greift dann eigenes Gewebe an. Solche Autoimmundefekte, die besonders bei Hybriden auftreten, lassen Blätter und Wurzeln absterben und schränken das Wachstum ein.

Wissenschaftler vom Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie haben nun die häufigsten Verursacher von Autoimmunität entdeckt. Erstaunlicherweise handelt es sich hierbei fast immer um Komponenten des Immunsystems, welche fälschlicherweise als fremde Eiweiße erkannt werden.

Ähnlich wie bei Tieren ist die Widerstandsfähigkeit bei Pflanzen auf eine Vielzahl von höchst variablen Immunrezeptoren angewiesen. „Pflanzen haben oft hunderte sogenannter NLR-Immungene. Hinzu kommt, dass in einer Population jede einzelne Pflanze ihre eigene Ausstattung an NLR-Genen hat und somit ein einzigartiges Spektrum von Mikroben, Insekten und Würmern bekämpfen kann“, erklärt Detlef Weigel, Direktor am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie.

Mit solch einem Arsenal kann eine Pflanze verschiedensten Erregern erfolgreich die Stirn bieten. Da die Individuen in einem Feld unterschiedliche Erkennungsspektren besitzen, führen selbst multiple Epidemien selten dazu, dass die gesamte Population ausgelöscht wird. Die große Vielfältigkeit kann jedoch auch zu Unfällen führen, wenn eine Pflanze nicht mehr zuverlässig zwischen selbst und fremd unterscheiden kann und daraufhin die eigenen Eiweiße bekämpft. Dieses Mißgeschick tritt besonders häufig auf, wenn zwei unterschiedliche Immunsysteme in den Nachkommen von Kreuzungen zusammentreffen.

Um die genetischen Komponenten der Autoimmunität nach Kreuzungen zu untersuchen, haben die Tübinger Wissenschaftler über 6400 Kreuzungen zwischen natürlich vorkommenden Stämmen der Ackerschmalwand Arabidopsis thaliana vorgenommen. Die Elternlinien stammten von unterschiedlichen Standorten auf der ganzen Welt und deckten nahezu die gesamte genetische Bandbreite der Art ab. Die Nachkommen der Kreuzungen wurden dann auf Anzeichen von Autoimmunität untersucht.

Bei etwa jeder fünfzigsten Kreuzung waren typische Immunsymptome sichtbar; in den extremsten Fällen starben die Nachkommen bereits als Keimlinge ab und produzierten keine Samen mehr. Da Krankheitserreger nicht vorhanden waren, müssen pflanzeneigene Eiweiße vom Immunsystem der hybriden Pflanzen versehentlich als fremd erkannt worden sein. „Bemerkenswerterweise stammten die verantwortlichen Eiweiße fast immer von nur einer kleinen Anzahl hochvariabler Immungene, obwohl es von diesen Genen über hundert in der Pflanze gibt“, sagt Eunyoung Chae, die Erstautorin der Studie.

Wachstum und Abwehr im Gleichgewicht

Weigel zufolge war es überraschend, dass bestimmte Kombinationen von Immungenen so oft tödlich waren. Die ursächlichen Genvarianten sind einzeln vermutlich vorteilhaft, indem sie Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheitserregern vermitteln, ohne die Pflanze zu beeinträchtigen. Falsch kombiniert hingegen können diese Varianten schädlich sein. Dennoch müssen die Vorteile, die die einzelnen Varianten mit sich bringen, so groß sein, dass man durchaus mehrere auf dem gleichen Feld finden kann.

Die Forscher vermuten, dass die von ihnen beobachteten Fälle von Autoimmunreaktionen bei Hybriden nur die Spitze des Eisbergs darstellen. „Da wir strenge Kriterien für die Klassifizierung der Kreuzungen als symptomatisch angelegt haben, gibt es wahrscheinlich viele weitere genetische Kombinationen, die zwar nicht zu offensichtlichen Gewebeschäden führen, aber dennoch das Wachstum beeinträchtigen“, sagt Chae.

Die Tübinger Wissenschaftler hoffen nun, dass sie durch systematische Untersuchungen bestimmen können, welche Immunrezeptoren besonders gefährlich sind und welche Kombinationen vermieden werden sollten. Daraus möchten sie Regeln ableiten, um das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Abwehr zu optimieren – nicht nur von Wildpflanzen wie Arabidopsis, sondern auch von Nutzpflanzen. Angesichts des ständig steigenden Nahrungsbedarfs einer wachsenden Weltbevölkerung werden zielführende Methoden zur Verbesserung von Nutzpflanzen von großer Bedeutung sein.

Beteiligte Wissenschaftler und Institutionen:
Eunyoung Chae, Kirsten Bomblies, Sang-Tae Kim, Darya Karelina, Maricris Zaidem, Stephan Ossowski, Carmen Martín-Pizarro, Roosa A. E. Laitinen, Beth A. Rowan, Hezi Tenenboim, Sarah Lechner, Monika Demar, Anette Habring-Müller, Christa Lanz und Detlef Weigel, Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, Tübingen;
Darya Karelina und Gunnar Rätsch, Friedrich-Miescher-Laboratorium der Max-Planck-Gesellschaft, Tübingen.

Originalpublikation:
Chae et al.
A Species-wide Analysis of Genetic Incompatibilities Identifies NLR Loci as Hotspots of Deleterious Epistasis
Cell, Dec 4, 2014, http://dx.doi.org/10.1016/j.cell.2014.10.049


Weitere Informationen:

http://www.eb.tuebingen.mpg.de/de.html

Nadja Winter | Max-Planck-Institut

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Salmonellen als Medikament gegen Tumore
23.10.2017 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Add-ons: Was Computerprogramme und Proteine gemeinsam haben
23.10.2017 | Universität Regensburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Magma sucht sich nach Flankenkollaps neue Wege

23.10.2017 | Geowissenschaften

Neues Sensorsystem sorgt für sichere Ernte

23.10.2017 | Informationstechnologie

Salmonellen als Medikament gegen Tumore

23.10.2017 | Biowissenschaften Chemie