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Tropenforscher kehren zurück

04.02.2014
Die tropenökologische Forschungsstation der Universität Würzburg im Comoé-Nationalpark (Elfenbeinküste) ist wieder rundum einsatzbereit. Wegen des Bürgerkriegs hatte das Team um Professor Karl Eduard Linsenmair vom Biozentrum die Arbeit dort unterbrechen müssen.

Wie kann der Mensch die große Lebensvielfalt (Biodiversität) erhalten, die in den meisten tropischen Ökosystemen zu finden ist? Wie lassen sich diese Systeme effektiv und langfristig schützen und trotzdem nachhaltig nutzen, zum Beispiel landwirtschaftlich oder touristisch? Welches Wissen ist dafür nötig?


Blick auf das instandgesetzte Laborgebäude der Würzburger Forschungsstation im Comoé-Nationalpark (Elfenbeinküste) mit der neuen Solaranlage.

Foto: Karl Eduard Linsenmair

Das sind einige der Fragen, die den Tropenökologen Karl Eduard Linsenmair (73) seit Jahrzehnten antreiben: „Ich will alles in meiner Kraft Stehende tun, um zu verhindern, dass auch noch die wenigen tropischen Lebensgemeinschaften, die dank ihrer Größe und dank ihres Biodiversitätsreichtums sehr wahrscheinlich noch zur Selbsterhaltung fähig sind, unserer Kurzsichtigkeit zum Opfer fallen.“

Schwerpunkte der bisherigen Forschung

Der Seniorprofessor vom Biozentrum der Universität Würzburg ist seinen tropenökologischen Forschungen in vielen kombinierten Labor- und Feldversuchen mit Schwerpunkten in Westafrika und Südostasien nachgegangen. Im Verlauf der vergangenen 20 Jahre hat er mehrere größere Forschungsprogramme angestoßen und geleitet; gefördert wurden sie unter anderem vom Bundesforschungsministerium und der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Zunehmend rückten dabei praxisrelevante Aspekte zur Biodiversität in den Mittelpunkt: Ihr Spektrum reicht von der Regeneration degradierter Böden durch den Einsatz bestimmter Termitenarten bis hin zur Identifikation wichtiger Bestäuber. Ein weiterer Schwerpunkt: die Folgen der massiven Wilderei. „Dadurch verändert sich das Savannen-Ökosystem deutlich, und sogar die Insektenwelt ist davon betroffen“, sagt Linsenmair.

Zur Geschichte der Forschungsstation

Ab Anfang der 1990er-Jahre hat Linsenmair im Comoé-Nationalpark (Elfenbeinküste) eine Forschungsstation aufgebaut und mit Leben gefüllt. Würzburger Biologiestudenten und junge Wissenschaftler von deutschen und europäischen Universitäten arbeiteten dort mit Doktoranden und Postdocs aus Westafrika zusammen. In nur einem Jahrzehnt wurden Daten für 222 Publikationen, 35 Diplomarbeiten und 16 Dissertationen erarbeitet.

Als 2002 ein Bürgerkrieg ausbrach, musste das Würzburger Team die Station aufgeben. In den Jahren danach wurde sie komplett geplündert. „Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, kam die ivorische Regierung mit dem Wunsch auf uns zu, die Station aufleben zu lassen und sie zu einem Exzellenzzentrum für Biodiversitäts- und Klimawandelstudien auszubauen“, erzählt Linsenmair. Mit diesem Projekt wurde 2012 begonnen.

Finanzielle Unterstützung dafür kam von der Fritz-Thyssen-Stiftung (Köln), die schon den ersten Aufbau der Station mitfinanziert hatte, und von der Universität Würzburg.

„Die letzte größere, gerade vor Weihnachten 2013 abgeschlossene Baumaßnahme war die Errichtung einer leistungsfähigen Solaranlage“, sagt Linsenmair. Damit sind seine Forschungsgruppe und die anderen Nutzer der Station nun voll arbeitsfähig. Dank der permanenten Verfügbarkeit von Strom und der guten Laborausstattung könne ein weites Feld von Projekten im Labor und im Freiland begonnen werden.

Neue Projekte im Comoé-Nationalpark

Zunächst soll sich die Forschung im Comoé-Nationalpark mit Termiten und Ameisen sowie mit Bestäubersystemen befassen. Termiten gehören zu den wichtigsten „Ökosystem-Ingenieuren“ der Subtropen und Tropen. „Dieser Begriff wurde für Organismen eingeführt, die eine besonders zentrale Rolle spielen, weil sie das Ökosystem verändern und damit Existenzgrundlagen für andere Lebewesen schaffen“, erklärt Linsenmair. Würde man beispielsweise alle Termiten aus einer Savanne entfernen, würde dadurch der Lebensraum dramatischer verändert als durch die Eliminierung aller Wirbeltiere.

Termiten spielen auch eine Rolle bei einer Regenerationsmethode für degradierte Böden, die in Afrika weitgehend in Vergessenheit geraten war: das Zai-System. Dabei wird den Termiten organisches Material angeboten, mit dem sie den Boden anreichern und durch ihre Grabtätigkeit auflockern. Der Boden kann dadurch sehr viel mehr Regenwasser aufnehmen und speichern.

Mit der Zai-Methode lassen sich praktisch vegetationslose Böden, auf denen sich mit den üblichen Mitteln nichts mehr anpflanzen lässt, wieder nutzbar machen. Zai bringt die Böden sogar so weit, dass sie für mehrere Jahre eine reiche Bohnen- oder Hirse-Ernte liefern. Außerdem lassen sich mit der Methode auf lange Sicht einigermaßen naturnahe Trockenwälder regenerieren.

All das hat Linsenmairs Team im BIOTA-West-Projekt wissenschaftlich erstmals genau analysiert. Dabei bestätigte sich, dass die Zai-Methode in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft den sehr viel teureren technischen Regenerationsmaßnahmen überlegen ist.

Artenschwund und Klimawandel

Was die Forscher auch herausgefunden haben: In allen Lebensräumen, in denen sich der Nutzungsdruck des Menschen durch intensivere Beweidung oder Landbau verstärkt, verschwinden viele Arten. „Von den wenigsten wissen wir, welche genaue Rolle sie im natürlichen System spielen und welche Folgen ihr Ausfall hat“, so der Professor. Diesen Fragen will er sich künftig verstärkt zuwenden.

Im Comoé-Nationalpark laufen auch Forschungen im Rahmen des internationalen Programms WASCAL (West African Science Service Center on Climate Change and Adapted Land Use), das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Dabei werden Probleme der Landnutzung unter Bedingungen des Klimawandels untersucht, der gerade in Afrika eine große Herausforderung ist. „Wir identifizieren dabei wichtige Ressourcen, etwa Vegetationsstrukturen, die für den Erhalt und die Vielfalt von Bestäubern und Samenverbreitern notwendig sind“, sagt Linsenmair.

Einzigartiger Forschungsplatz

„Die wichtigsten Erkenntnisse über tropische Ökosysteme lassen sich aus Systemen gewinnen, die möglichst wenig gestört und so groß sind, dass sie sich selbst erhalten und sich auch an relativ schnelle Veränderungen durch den Menschen anpassen können“, sagt Linsenmair. Weltweit gebe es, zumal in den Tropen, nur sehr wenige Schutzgebiete, die diesen Ansprüchen genügen.

Der Comoé-Nationalpark gehöre dank seiner Größe von 11.500 Quadratkilometern zweifellos in diese Kategorie. Er sei eine der wenigen Rückzugsregionen in Westafrika, zum Beispiel für Schimpansen und Elefanten. Besonders bemerkenswert dort ist laut Linsenmair die große Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume und der „sehr steile Klimagradient“: Zum Park gehören viele Klimazonen, angefangen von den Wüstenrandgebieten der Sahara im Norden bis zum tropischen Regenwald im Süden.

Kontakt

Prof. Dr. Karl Eduard Linsenmair, Seniorprofessor, Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie (Zoologie III), Universität Würzburg, T (0931) 31-84350, ke_lins@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | Uni Würzburg
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

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