Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Synthetische Biotechnologie ermöglicht nachhaltige Produktion bioaktiver Naturstoffe

07.06.2016

Die Natur stellt eine Vielzahl für den Menschen wertvoller Wirkstoffe bereit, die Palette reicht von Vitaminen über lebensnotwendige Fettsäuren bis hin zu krebshemmenden Substanzen. Viele dieser Stoffe sind schwierig aus der Natur zu gewinnen oder synthetisch herzustellen. Einen neuen Weg beschreiten Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM): Mit Methoden der Synthetischen Biotechnologie stellen sie Omega-3-Fettsäuren nachhaltig her und haben eine Strategie entwickelt, mit der sie nicht nur natürliche, sondern sogar ganz neuartige Arzneistoffe synthetisieren können.

In der Natur gibt es viele wertvolle Arznei- und Nährstoffe. Diese sind jedoch oft entweder schwer zugänglich oder ihre industrielle Gewinnung schadet den Tier- und Pflanzenpopulationen, in denen sie vorkommen. So enthält beispielsweise die Rinde der pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) den Wirkstoff Taxol, der als Medikament gegen Brust-, Eierstock- und Lungenkrebs eingesetzt wird. Jedoch ist die Eibenart nicht weit verbreitet und geschützt.


Taxadien Synthase mit dem Substrat Geranylgeranyldiphosphat in der aktiven Tasche des Enzymes. Die grünen Punkte zeigen die katalytisch relevanten Mg2+-Ionen.

Bild: Max Hirte / TUM


Mitautor Felix Bracharz bei der Vorbereitung eines Hochdurchsatz-Nile Red Assay

Bild: Andreas Battenberg / TUM

Auch die lebensnotwendigen Omega-3-Fettsäuren, beispielsweise ein Bestandteil von Säuglingsnahrungen, werden derzeit vor allem aus Fischen und Krebstieren hergestellt – eine zusätzliche Belastung für die ohnehin schon stark beanspruchten marinen Ökosysteme.

Ziel der Arbeitsgruppe um Thomas Brück, Professor für Industrielle Biokatalyse an der Technischen Universität München, ist es daher, mit Hilfe von Methoden der Biochemie, Bioinformatik und Biotechnologie chemische Wertstoffe nachhaltig und doch in industriellen Mengen zu gewinnen.

„Gold“ aus Stroh – eine Hefe mit hohem Potential

Nun ist es Brück und seinem Team gelungen, die bislang nicht biotechnologisch genutzte Hefe Trichosporon oleaginosus genetisch so zu verändern, dass sie die essentiellen Omega-3-Fettsäuren Alpha-Linolensäure (ALA), Eicosapentaensäure (EPA) sowie entzündungshemmend wirkende konjugierte Linolensäuren (CLAs) herstellt.

Als Energiequelle kann die Hefe dabei Nährmedien auf Basis von fast allen in der Agrarwirtschaft anfallenden Abfällen wie Stroh, Holzspäne, Weizenkleie und sogar bisher ungenutzte marine Reststoffe wie Krabbenschalen verwerten. „Diese Hefe ist etwas Besonderes, da sie auch monomere Zuckerstoffe verwerten kann, die sonst nur sehr schwer abgebaut werden können“, erklärt Brück. „Wir gewinnen also aus Abfällen hochwertige chemische Stoffe, und das ohne die Umwelt zu belasten.“

Geraten Trichosporon oleaginosus-Zellen in der Natur unter Stress, beispielsweise durch Mangel an Stickstoff oder Phosphat, lagern sie Fette als Energiereserve ein. Zwar wächst die Hefe dann nicht mehr optimal, doch kann das in Form von Trigylceriden einlagerte Fett bis zu 70 Prozent ihres Trockengewichts erreichen.

In zukünftigen Projekten wollen die Wissenschaftler um Brück die ölbildende Hefe daher so weiter modifizieren, dass sie auch unter normalen Nährstoffbedingungen die gewünschten Fette in ausreichendem Maß herstellt, ohne das Ihr Wachstum gehemmt wird.

Von der Simulation zum maßgeschneiderten Enzym

Einen Schritt weiter geht eine Methodik, die die Wissenschaftler um Brück kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) vorstellten: Mit Hilfe molekularmechanischer Computersimulationen konnten sie die einzelnen Schritte aufklären, mit denen eine bestimmte Klasse von Enzymen Wirkstoffe herstellt. Zu diesen gehören auch Vorstufen des Krebsmedikaments Taxol.

Allein durch Simulationen am Computer gelang es Brück und seinem Team erstmals, sämtliche Zwischenschritte der an diesem Enzym ablaufenden komplexen Kaskade von Reaktionen korrekt vorherzusagen. Auf diese Weise konnten sie aufklären, wie das Enzym genau arbeitet und wie dessen Struktur und Funktion zusammenhängen. Mit klassischen biochemischen Methoden war dies zuvor nicht möglich gewesen.

„Dieses Vorgehen ist sehr vielversprechend, denn auf Basis der Simulationen können wir Enzyme gezielt verändern und die daraufhin entstehenden Produkte vorhersagen“, sagt Brück. „Wenn wir dann noch verschiedene solcher Enzyme miteinander verschalten, ist es sogar möglich, komplett neue Moleküle zu schaffen, die in der Natur gar nicht vorkommen.“

Durch Verschalten einer Diterpensynthase mit einer Hydroxylase-Reduktase in einem Escherichia coli-basierten Produktionsystem entwickelten die Wissenschaftlern eine effiziente Synthese des trihydroxylierten Diterpens Cyclooctatin, einem potenten Entzüngungshemmer.

Am Computer identifizierten sie eine für Diterpenmakrozyklen spezifische Reduktase im erst kürzlich erst kürzlich beschriebenen Genom des Bakteriums Streptomyces afghaniensis. Die biotechnologische Nutzung dieses Proteins ermöglichte es den Wissenschaftlern, die Ausbeute des Wirkstoffes im Vergleich zum nativen Produzenten um einen Faktor 43 zu erhöhen.

In Zukunft könnten Biotechnologen einmal ähnlich wie Ingenieure vorgehen, die am Computer die Produktionsschritte für ein neues Auto entwerfen. Mit dem Wissen der Synthetischen Biotechnologie könnten sie dann den Syntheseweg zu einem neuen Wirkstoff aus einer Kette von Reaktionen modifizierter Enzyme zusammenstellen. Das lange und sehr aufwändige „Austüfteln“ neuer Synthesewege im Labor, wie es heute notwendig ist, würde damit erheblich verkürzt.

Die aktuellen Forschungsarbeiten der Arbeitsgruppe Brück werden mit Mitteln der Europäischen Gemeinschaft (Projekt ChiBio), der Bundesministerien für Bildung und Forschung (Advanced Biomass Value, SysBioTerp, OMCBP) und für Wirtschaft (Projekt Bio@Jet) sowie der bayrischen Ministerien für Wissenschaft (Algenflugkraft), Wirtschaft (Algenflugkraft, Nachhaltige Produktion von Bioinsektiziden) und Umwelt (Geobiotechnologie und PHB) gefördert.

Aufgrund des enormen Potenzials dieser Methoden hat die Technische Universität München Anfang Mai den Lehr- und Forschungsschwerpunkt Synthetische Biotechnologie ins Leben gerufen. Die Werner Siemens-Stiftung unterstützt die Einrichtung des Schwerpunkts mit 11,5 Millionen Euro.

Publikationen:

P. Schrepfer, A. Buettner, C. Goerner, M. Hertel, J. van Rijn, F. Wallrapp, W. Eisenreich, V. Sieber, R. Kourist, T. Brück; Identification of amino acid networks governing catalysis in the closed complex of class I terpene synthases; PNAS, 2016, 113(8), E958-E967 – DOI: 10.1073/pnas.1519680113
Link: http://www.pnas.org/content/113/8/E958.abstract

Görner, C., Redai, V., Bracharz, F., Schrepfer, P., Garbe, D., & Brück, T. (2016). Genetic engineering and production of modified fatty acids by the non-conventional oleaginous yeast Trichosporon oleaginosus ATCC 20509. Green Chemistry, 2016, 18, 2037–2046 – DOI: 10.1039/c5gc01767j
Link: http://pubs.rsc.org/en/content/articlelanding/gc/2016/c5gc01767j#!divAbstract

Christian Görner, Patrick Schnepfer, Veronika Redai, Frank Wallrapp, Bernhard Loll, Wolfgang Eisenreich, Martin Haslbeck und Thomas Brück; Identification, characterization and molecular adaptation of class I redox systems for the production of hydroxylated diterpenoids;
Micobial Cell Factories (2016) 15:86 – DOI: 10.1186/s12934-016-0487-6
Link: https://microbialcellfactories.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12934-016-048...

Kontakt:

Prof. Dr. Thomas Brück
Technische Universität München
Professur für Industrielle Biokatalyse
Lichtenbergstr. 4, 85748 Garching, Germany
Tel.: +49 89 289 13253 – E-Mail: brueck@tum.de
Web: http://www.ibc.ch.tum.de

Dr. Ulrich Marsch | Technische Universität München

Weitere Berichte zu: Biotechnologie Enzym Hefe Omega-3-Fettsäuren PNAS Produktion Taxol

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress
23.02.2018 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

nachricht Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren
23.02.2018 | Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics