Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Spektakuläre Entdeckung: Unbekannter blinder Fisch im Irak aus Grundwasser gespült

14.10.2016

Anhand morphologischer Merkmale und mittels DNA-Analysen wiesen Fischforscher vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin und vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere (ZFMK) in Bonn mit Kollegen aus Kurdistan eine neue, unterirdisch lebende, blinde Schmerlenart aus dem Irak nach. Diese Art ist die zweite Spezies einer erst kürzlich aufgestellten Schmerlengattung. Extrem starke Regenfälle im März 2016 spülten die Tiere aus dem Untergrund an die Erdoberfläche.

Für die Bevölkerung des nördlichen Zagros-Gebirges im Irak waren die heftigen Regenfälle mit Überschwemmungen im März 2016 wohl kein Segen. Für die blinden Fische, welche aufgrund des gestiegenen Grundwasserspiegels aus einer neu-geformten Quelle an die Erdoberfläche gespült wurden, auch nicht: Der Großteil der armen Kreaturen wurde von Vögeln verspeist.


Eidinemacheilus proudlovei heißt die blinde, neue Fischart, die Forscher der beiden Leibniz Institute IGB und ZFMK zusammen mit Kollegen aus Kurdistan beschrieben haben.

Copyright: Korsh Ararat

Für Korsh Ararat, Biologe an der Universität Sulaimani in der kurdischen Kulturhauptstadt Sulaimaniyya der Autonomen Region Kurdistan war aber schnell klar, dass dies ein besonderes Ereignis war. So sicherte er wenigstens ein paar Exemplare der sonderbaren Fische, welche über mehrere Tage aus einem Erdloch in einen nahen Bach gespült wurden, und kontaktierte den Fischforscher Dr. Jörg Freyhof am IGB in Berlin (Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei).

Während dieser die morphologischen Merkmale der Tiere studierte und mit denen des einzig bekannten anderen Vertreters der blinden Schmerlen aus dem Mittleren Osten verglich, analysierte Dr. Matthias Geiger am ZFMK in Bonn (Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere) die DNA der Tiere und ließ den DNA-Barcode erstellen. Die Kombination der Befunde zum Körperbau und die großen genetischen Unterschiede zu allen anderen bekannten Fischarten zeigten im Anschluss ganz klar, dass es sich um eine neue Fischart handeln muss, die aller Wahrscheinlichkeit nach zum ersten Mal überhaupt lebend gesehen wurde.

Nun erschien die offizielle Erstbeschreibung der Art unter dem Namen Eidinemacheilus proudlovei. Der Gattungsname Eidinemacheilus wurde erst kürzlich für eine andere blinde Schmerle eingeführt, zu Ehren des Rangers Eidi Heidari, welcher die Höhle als einzig bekannten Fundort der Schmerlenart im Iran bewacht. Der Artname der nun neu beschriebenen, irakischen Schmerle wurde zu Ehren von Graham Proudlove gewählt, einem weltweit anerkannten Experten auf dem Gebiet der Erforschung von Höhlenfischen.

„Eidinemacheilus proudlovei hat keine Augen und Schuppen, seine Haut weist keinerlei Farbpigmente auf. Wahrscheinlich weiden die Tiere Bakterienfilme an den Höhlenwänden ab, doch zur Biologie dieser ungewöhnlichen Schmerle ist natürlich nichts bekannt und wird auch wohl nichts bekannt werden“, sagt Jörg Freyhof. Die Quelle war schnell wieder versiegt und die Fische bleiben nun im Untergrund unerreichbar. Das Besondere an der neuen Art ist neben den äußerst ungewöhnlichen Umständen des Fundes auch der Fundort. Hierzulande würde man kaum denken, dass es im Irak überhaupt jemanden gibt, der sich mit solchen kleinen Fischen beschäftigt. Aber in diesem von Kriegen zerrissenen Land gibt es doch so etwas wie Forschung und Naturschutz. „Eine Expedition dorthin würde mich schon reizen, aber das ist aus vielerlei Gründen leider nicht realisierbar“ bedauert Matthias Geiger.

Unterirdisch lebende Fische sind heute bedroht, insbesondere von Staudammprojekten, bei deren Realisierung die Lebensräume dieser spezialisierten Lebewesen verlorengehen. „Das Problem besteht auch in Europa, wo unterirdisch lebende Tierarten durch Staudammprojekte massiv gefährdet sind, vor allem in Kroatien und Bosnien-Herzegowina“, betont Jörg Freyhof. Über unterirdische Ökosysteme ist wenig bekannt, da sie nicht, oder nur schwer zugänglich sind. Da gibt es noch viel zu entdecken!

Quelle:
Freyhof, J., Abdullah, Y. S., Ararat, K., Ibrahim, H., Geiger, M. F. (2016): Eidinemacheilus proudlovei, a new subterranean loach from Iraqi Kurdistan (Teleostei; Nemacheilidae). -.

http://doi.org/10.11646/zootaxa.4173.3.2

Ansprechpartner:

Dr. Matthias Geiger
Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere, Adenauerallee 160, 53113 Bonn
GBOL Projektkoordination
Molekulare Taxonomie, Ichthyologie
Tel: +49 228 9122-258
Fax: +49 228 9122-212
Mail: m.geiger@zfmk.de


Ansprechpartner
Dr. Jörg Freyhof
IGB-Abteilung: (A4) Biologie und Ökologie der Fische
E-Mail-Adresse: j.freyhof@igb-berlin.de
Müggelseedamm 310, 12587 Berlin


Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig - Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere hat einen Forschungsanteil von mehr als 75 %. Das ZFMK betreibt sammlungsbasierte Biodiversitätsforschung zur Systematik und Phylogenie, Biogeographie und Taxonomie der terrestrischen Fauna. Die Ausstellung „Unser blauer Planet“ trägt zum Verständnis von Biodiversität unter globalen Aspekten bei.

Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören zurzeit 88 Forschungsinstitute und wissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen für die Forschung sowie drei assoziierte Mitglieder. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute arbeiten strategisch und themenorientiert an Fragestellungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung Bund und Länder fördern die Institute der Leibniz-Gemeinschaft daher gemeinsam. Näheres unter www.leibniz-gemeinschaft.de

Weitere Informationen:

http://doi.org/10.11646/zootaxa.4173.3.2

Sabine Heine | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.zfmk.de

Weitere Berichte zu: Biodiversität Grundwasser Leibniz-Institut Taxonomie ZFMK

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Salmonellen als Medikament gegen Tumore
23.10.2017 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Add-ons: Was Computerprogramme und Proteine gemeinsam haben
23.10.2017 | Universität Regensburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Magma sucht sich nach Flankenkollaps neue Wege

23.10.2017 | Geowissenschaften

Neues Sensorsystem sorgt für sichere Ernte

23.10.2017 | Informationstechnologie

Salmonellen als Medikament gegen Tumore

23.10.2017 | Biowissenschaften Chemie