Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rostocker Forscher wollen Glyphosat „entzaubern“

29.03.2017

Glyphosat in der Umwelt: erkannt, entschlüsselt, entzaubert? Ist es nun ein Gesundheitsrisiko für Menschen oder nicht? „Seit über 40 Jahren Forschung stehen wir immer noch vor Problemen und vielen Fragen mit dem Unkrautgift“, sagt Peter Gros von der Agrar-und Umweltwissenschaftlichen Fakultät (AUF) der Universität Rostock.

Der 32-jährige, der an der TU Bergakademie Freiberg Angewandte Naturwissenschaft mit der Vertiefung Biotechnologie und Umweltanalytik studierte, kniet sich seit zwei Jahren in das Umweltverhalten des weltweit wichtigsten Herbizids tief hinein.


Peter Gros führt Experimente an vielen Bodenproben verschiedener Regionen durch. Die Proben werden mit Glyphosat versetzt und es wird die Menge an Glyphosat bestimmt, die im Boden verblei

Fotos: Universität/ Julia Tetzke


Dr. Ashour Ahmed simuliert am Computer die Wechselwirkung von Glyphosat mit einer Vielzahl von Molekülen, wie sie im Boden vorkommen.

Denn: Einsatzgebiete finden sich nicht nur in der industriellen Landwirtschaft, auch bei Hobbygärtnern erfreut sich Glyphosat einer großen Beliebtheit. Über viele Jahre galt das Mittel als unbedenklich für Mensch und Umwelt. Man ging davon aus, dass Glyphosat stark an Metalloxide im Boden gebunden wird und deshalb nicht einfach in die Umwelt ausgewaschen werden kann. Einmal fixiert, wird Glyphosat dann von Bakterien zu Kohlenstoffdioxid und Phosphat abgebaut.

Doch jüngst geriet das Unkrautbekämpfungsmittel in die Schlagzeilen. Vor diesem Hintergrund hat sich ein Team aus Bodenkundlern (AG Prof. Peter Leinweber) und theoretischen Physikern (AG Prof. Oliver Kühn) an der Uni Rostock gebildet, um die Wechselwirkung von Glyphosat mit Bodenbestandteilen auf molekularer Ebene zu verstehen.

Die entscheidende Frage, ob ein Risiko besteht, an Krebs zu erkranken, können sie nicht beantworten. „Aber wir hoffen, dass wir mit unserer Forschung zur Aufklärung der Wechselwirkungen von Glyphosat in komplexen Systemen beitragen können“, betont Peter Gros.

„Es gibt unzählige Studien, die sich widersprechen“, sagt der junge Wissenschaftler.
Peter Gros betrachtet Glyphosat aus bodenkundlicher Sicht. „Wir beobachten Phänomene in der Natur“, sagt Gros, „die die bisherigen Vorstellungen, wie sich Glyphosat in der Umwelt verhält, in Frage stellen.“
Zum großen Erstaunen ist vor etwa zwei Jahren Glyphosat sogar in der Ostsee und das oberhalb der Grenzwerte nachgewiesen worden. „Dort dürfte es aus bodenkundlicher Sicht nie hingelangen“, sagt Peter Gros.

Dazu erklärt Professor Detlef Schulz-Bull vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW): „Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat kann über die Flüsse in die Ostsee eingetragen werden. In Mündungsgebieten sowie in Küstengewässern von Mecklenburg-Vorpommern wurden hohe Konzentrationen von Glyphosat und des Abbauproduktes AMPA nachgewiesen.
Die Transportprozesse und die biologischen Effekte sind Bestandteil aktueller Arbeiten am IOW.“

Peter Gros will nun mit seinem Physiker-Kollegen von der Uni Rostock, Dr. Ashour A. Ahmed, durch theoretische Modellierung auf der einen Seite und detaillierte Experimente auf der anderen die Wechselwirkungen von Glyphosat betrachten und aufklären.

„Wir konnten bereits eindeutig nachweisen, dass die organische Bodensubstanz einen starken Einfluss auf die Bindung von Glyposat im Boden hat“, verweist Gros auf ein Ergebnis. Es gebe nach monatelangen Untersuchungen eindeutige Hinweise, dass, obwohl Glyphosat stark im Boden gebunden sei, dennoch mobil, also auswaschbar sein könne. Das werde aus Sicht des Forschers möglich durch das komplexe System Boden mit seiner organischen Bodensubstanz.

Und was nun? „Wir werden diesen Erkenntnissen durch weitere analytische Untersuchungen auf den Grund gehen“, kündigt Peter Gros an. Es gehe jetzt darum, Bindungsverhältnisse im komplexen System aufzuklären. „Wir nutzen die durch Professor Peter Leinweber bestehenden Kontakte zu Wissenschaftlern in Kanada und können dort in Kürze mit einem Teilchenbeschleuniger Bodenproben mit hochenergetischer Strahlung untersuchen“, sagt Gros. Dadurch erhoffe er sich sehr detaillierte Informationen über konkrete Bindungsverhältnisse von Glyphosat an den Bodenbestandteilen, um nach Jahrzehnten die drängenden Fragen zu dem Unkrautgift endgültig zu klären. Text: Wolfgang Thiel


Kontakt:
Universität Rostock
Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät
Prof. Dr. Peter Leinweber
Fon: +49 (0)381 498 - 3120
Mail: peter.leinweber@uni-rostock.de

Ingrid Rieck | Universität Rostock
Weitere Informationen:
http://www.uni-rostock.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mit grüner Chemie gegen Malaria
21.02.2018 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

nachricht Vom künstlichen Hüftgelenk bis zum Fahrradsattel
21.02.2018 | Frankfurt University of Applied Sciences

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kameratechnologie in Fahrzeugen: Bilddaten latenzarm komprimiert

21.02.2018 | Messenachrichten

Mit grüner Chemie gegen Malaria

21.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Periimplantitis: BMBF fördert zahnärztliches Verbund-Projekt mit 1,1 Millionen Euro

21.02.2018 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics