Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Rechnung mit dem Wirt machen – neue Wege gegen die Grippe

07.02.2013
Medikamente gegen Viren zu entwickeln ist extrem schwierig – ständig verändern diese ihr Erbgut und passen sich neuen Umweltbedingungen an.
Kaum wird ein Wirkstoff gegen ein Virus gefunden, ist er schon veraltet, weil die Viren resistent geworden sind. In dem EU-geförderten FP7-Projekt ANTIFLU, das vom Berliner Max-Planck Institut für Infektionsbiologie (Prof. T.F. Meyer) koordiniert wird und in dem das Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie (FMP) Partner ist, gehen die Forscher einen ganz neuen Weg: nicht mehr die Krankheitserreger selbst werden angegriffen, sondern körpereigene Proteine gezielt ausgeschaltet, ohne die sich die Viren nicht vermehren können.

Wenn die Grippewelle auf Deutschland zu schwappt, gibt es nur einen Schutz: impfen. Wen es erwischt hat, dem kann die Medizin nur begrenzt helfen. Denn bisherige Medikamente gegen die Influenza könnten in Zukunft nicht mehr ausreichend wirksam sein. Das liegt vor allem an der hohen Mutationsrate von Viren: sie verändern sich von Generation zu Generation und passen sich damit veränderten Umweltbedingungen an. Somit vollzieht sich ihre Evolution verglichen mit der des Menschen in atemberaubender Geschwindigkeit. Unser Immunsystem hat kaum eine Chance, sich auf die Erreger einzustellen, bei Viruserkrankungen hinkt es häufig hinterher und es kann Tage dauern, bis die Erkrankung besiegt ist. So können Viren zum Beispiel ihre Oberfläche verändern, so dass Antikörper nicht mehr binden können. Ebenso schnell können auch Medikamente ihre Wirksamkeit verlieren.

Allerdings haben Viren einen Schwachpunkt: Sie sind keine eigenständigen Lebewesen und können sich ohne eine lebende Zelle als Wirt nicht vermehren. Das haben sich Forscher des EU-Projekts ANTIFLU zunutze gemacht. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts (MPI) für Infektionsbiologie haben eine Strategie entwickelt, bei der Wirkstoffe bestimmte Proteine in Zellen ausschalten, auf die Viren bei ihrer Vermehrung angewiesen sind. Die Forscher verwendeten dazu eine kurze synthetische RNA (Ribonukleinsäure), die komplementär zur Boten-RNA in der Zelle – einer Blaupause zur Bildung des Proteins – aufgebaut ist. Treffen die RNA-Sequenzen aufeinander, wird die Boten-RNA abgebaut, so dass kein neues Protein hergestellt werden kann.
Dr. Jens von Kries vom FMP sagt: „Mit dem Ausschalten von Proteinen dürfen wir natürlich keinen Schaden für die Zelle anrichten. Würde dadurch zum Beispiel die ganze Zelle absterben, hätten wir nichts gewonnen.“ Die MPI-Forscher haben daher in einer genomweiten Studie mit ca. 60.000 solcher kurzen RNAs systematisch für alle menschlichen Proteine geprüft, ob sie für die Vermehrung von Viren wichtig sind und ob gleichzeitig die Zelle deren Verlust über einen begrenzten Zeitraum verkraften kann. Etwa 300 Proteine in der Zelle haben sich als geeigneter Angriffspunkt für mögliche Therapien herausgestellt. Mit der Screening Unit des FMP, in deren Sammlung 35.000 Substanzen enthalten sind, suchen die Wissenschaftler nun für ausgewählte Proteine nach Wirkstoffen, die deren Funktion blockieren können. Im MPI wird anschließend die Wirkung in zellulären Systemen getestet, um nachzuweisen, dass auch die gefundenen chemischen Wirkstoffe die Virusreplikation hemmen können. Sind die wirksamen Substanzen identifiziert, müssen die Forscher noch sichergehen, dass sie nicht toxisch sind oder die Zellen schädigen.

So erhalten die Wissenschaftler durch sehr umfangreiches systematisches Ausprobieren mögliche Kandidaten für gute Wirkstoffe. Diese erforschen sie nun genauer: Sie nehmen z.B. das genaue Zusammenspiel zwischen Wirkstoff und Protein unter die Lupe. Die Projektpartner von der Hebrew University in Jerusalem entschlüsseln diese komplexe Struktur, um hinterher die Bindungsstärke und damit die Wirkung verbessern zu können.

Wer sich in diesem Jahr ein Grippevirus einfängt, muss sich allerdings mit den klassischen Methoden behelfen – Bettruhe, Tee und Wadenwickel. Bis ein neues Medikament auf dem Markt ist, vergehen noch viele Jahre. Die Planung des EU-ANTIFLU-Konsortiums geht davon aus, dass am Ende des Projekts eine erste klinische Studien beginnen könnte.

Projektpartner
Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin (Koordination)
Vichem Chemie Research Ltd., Ungarn
Aarhus University, Dänemark
Lead Discovery Center GmbH, Dortmund
Institut Pasteur, Frankreich
ARTTIC, Frankreich
BioTest, Tschechien
Imperial College London, GB
RiboTask, Dänemark
The Hebrew University of Jerusalem, Israel
Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie, Berlin

Kontakt:
Leibniz-Institut für Molekulare Pharamakologie (FMP)
Dr. Jens Peter von Kries, Leitung Screening Unit
Tel.: +49(0)30 9406 2982
kries@fmp-berlin.de

Gesine Wiemer | Forschungsverbund Berlin e.V.
Weitere Informationen:
http://www.antiflu-project.eu/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise