Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuer Wirkmechanismus für Medikamente gegen Angsterkrankungen identifiziert

19.06.2009
Die angstlösende Substanz macht weder müde noch zeigt sie ein Abhängigkeitspotential

Jeder siebte Bundesbürger entwickelt im Laufe seines Lebens eine Angsterkrankung, die therapiert werden muss. Gängige angstlösende Medikamente (Anxiolytika) basieren auf der Wirkstoffklasse der Benzodiazepine. Diese beruhigen die Patienten und verringern rasch die Angstgefühle.


Aufgrund der Bindung von XBD173 am Translokatorprotein-18 in der mitochondrialen Membran wird die Aufnahme der Neurosteroid-Vorstufe Cholesterol verstärkt und erhöhte Mengen an Neurosteroiden gebildet. Diese Neurosteroide verändern die Funktion eines Rezeptors an der postsynaptischen Membran von Nervenzellen. Dies hemmt die Signalweiterleitung und führt auf Verhaltensebene zur angstlösenden Wirkung.
Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Unerwünschte Nebenwirkungen, wie Müdigkeit, Medikamententoleranz und Entzugsprobleme machen eine langfristige Einnahme jedoch problematisch. Wissenschaftler um Rainer Rupprecht, Fellow am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, konnten nun erstmals den Nachweis erbringen, dass über einen neuartigen Mechanismus auf der Grundlage von Neurosteroiden, welche sich vom Hormon Progesteron ableiten, neue Anxiolytika entwickelt werden können.

Ein solches Medikament zeigte im Tierexperiment sowie in einer klinischen Studie deutlich weniger Nebenwirkungen. (Science Express 18. Juni 2009)

Wenn Angstgefühle ein normales Maß übersteigen und ohne erkennbaren Grund auftreten, kann eine Angsterkrankung vorliegen. Betroffene leiden meist erheblich im privaten und beruflichen Leben. Neben Psychotherapie und Antidepressiva, welche erst nach längerer Zeit wirken, können Benzodiazepine meist kurzfristig und schnell die Angst dämpfen. Bei längerer Einnahme treten jedoch erhebliche Nebenwirkungen wie Toleranzentwicklung, Abhängigkeit und Entzugsprobleme auf.

Auf der Suche nach neuen Wirkmechanismen von Antidepressiva und Anxiolytika forschen Florian Holsboer und Rainer Rupprecht vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie seit Jahren daran, wie Neurosteroide, die neuronale Kommunikation im Gehirn beeinflussen. In Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem Pharmakonzern Novartis in Basel, untersuchten sie nun die Wirkung einer neuen Substanzklasse. Die Substanz XBD173 beeinflusste dabei positiv die Synthese von körpereigenen Neurosteroiden und bewirkte so die Dämpfung neuronaler Kommunikation, wie die Wissenschaftler mithilfe von Gehirngewebe der Maus nachweisen konnten. Auch auf der Verhaltensebene zeigte XBD173 im Tiermodell eine angstlösende Wirkung, ohne dass sedierende Effekte, wie sie vergleichsweise bei Benzodiazepinen auftraten, beobachtet werden konnten. "Ich bin hoch erfreut, dass unsere bereits vor Jahren entwickelte Hypothese, durch Beeinflussung von körpereigenen Neurosteroiden angstlösende Wirkungen zu erzielen, heute ihre wissenschaftliche Bestätigung erfährt," sagt Florian Holsboer zu diesen neuesten Befunden.

Um die Wirkung von XBD173 erstmals beim Menschen zu prüfen, konzipierten beteiligte Ärzte eine klinische Studie, bei der 70 gesunde, freiwillige Versuchspersonen getestet wurden. Den Probanden wurde das das Neuropeptidfragment CCK-4 gespritzt, das für zwei bis fünf Minuten eine kurze Angst- und Panikattacke auslöste. Erhielten die Probanden XBD173 war die Angst nicht mehr entsprechend auslösbar. Auch das Benzodiazepin Alprazolam dämpfte die Angstgefühle. Hier berichteten die Versuchsteilnehmer jedoch - im Gegensatz zu XBD173 - über unerwünschte Müdigkeit nach Einnahme und Entzugssymptome nach Absetzen des Präparats.

Die Forscher haben somit über die Stimulierung der Neurosteroidsynthese mittels des Translokator-Proteins 18 einen neuen Mechanismus zur Behandlung von Angsterkrankungen entdeckt, der ein günstigeres Nebenwirkungsprofil als Benzodiazepine aufweist. Darüber hinaus wurden die Rahmenbedingungen definiert, wie solche Studien auch an gesunden Versuchspersonen durchgeführt werden können. "Der erfolgreiche Einsatz eines experimentell induzierbaren Angstmodells bei gesunden Probanden erleichtert zukünftig die Entwicklung neuartiger Anxiolytika, da Wirkstoffprüfungen in ihrer frühen Phase nicht unbedingt am Patienten durchgeführt werden müssen", sagt Rainer Rupprecht. Dabei sei ihm bewusst, dass die Erkenntnisse, die an Gesunden gewonnen werden, nicht 1:1 auf Patienten übertragen werden könnten. "Sie ersetzen nicht die nötigen Zulassungstests an Patientenkollektiven."

Originalarbeit:
Rainer Rupprecht, Gerhard Rammes, Daniela Eser, Thomas C. Baghai, Cornelius Schüle, Caroline Nothdurfter, Thomas Troxler, Conrad Gentsch, Hans O. Kalkman, Frederique Chaperon, Veska Uzunov, Kevin H. McAllister, Valerie Bertaina-Anglade, Christophe Drieu La Rochelle, Dietrich Tuerck, Annette Floesser, Beate Kiese, Michael Schumacher, Rainer Landgraf, Florian Holsboer, Klaus Kucher:
Translocator Protein (18 kDa) as Target for Anxiolytics Without Benzodiazepine-Like Side Effects

Science (2009), Online-Vorabpublikation Science Express 18. Juni 2009

Kontakt:
Dr. Barbara Meyer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Psychiatrie
+49 89 30622-616
bmeyer@mpipsykl.mpg.de

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de
http://213.155.73.172/tvsender/stations/mpg/index.asp?VideoNr=481&player=2

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Einblick ins geschlossene Enzym
26.06.2017 | Universität Konstanz

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie