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Wie man ein Flusspferd narkotisiert

03.07.2012
Eine wachsende Zahl von Zoos und Wildparks ist zunehmend mit einem zugegeben wenig alltäglichen Problem konfrontiert: Für tierärztliche Behandlungen ist es nötig, auch Flusspferde zu anästhesieren.
Doch dabei gibt es Probleme: Sind die Tiere wach, laufen sie weg oder wehren sich, wenn sich ihnen ein Tierarzt nähert. Zudem haben Flusspferde eine besonders dicke Haut, was das Setzen von Injektionen deutlich erschwert. Eine neue Form der Flusspferd-Narkose beschreiben jetzt Forschende um Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Journal of the American Veterinary Association“.

Alle Zootiere, manchmal sogar Wildtiere, brauchen irgendwann eine veterinärmedizinische Behandlung, für die eine Anästhesie nötig ist. Für viele Tierarten gibt es bereits Standards, um sie zu anästhesieren. Doch bei Flusspferden stellt die Narkose noch immer eine große Herausforderung dar. Die dicke Haut und das dichte Unterhautbindegewebe machen es bei diesen Tieren zum ernsten Problem ihnen ausreichende Mengen von Narkosemittel zu verabreichen. Zudem verursachen Opioid-basierte Anästhetika bei Flusspferden oft Probleme mit der Atmung, die in seltenen Fällen sogar zum Tod führen können. Und als wären das nicht schon Schwierigkeiten genug, ist die Tiefe der Narkose bei einigen bisher bei Flusspferden verwendeten Narkosemitteln selten ausreichend, um einen chirurgischen Eingriff durchzuführen. Auch Tierärzte bringen sich besser in Sicherheit, wenn ein betäubtes Flusspferd aufwacht, soviel steht fest.

Neue Narkosemethode getestet
Zusammen mit Thierry Petit vom Zoo de la Palmyre, Frankreich, und Kollegen aus deutschen und israelischen Zoos entwickelten Gabrielle Stalder und Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) nun eine neuartige Anästhesiemethode für Flusspferde. Sie baut auf den Wirkstoffen Medetomidin und Ketamin auf, beides keine Opiate. Stalder hat die neue Methode bereits an zehn in Gefangenschaft lebenden Flusspferden getestet. Alle diese Tiere konnten damit sicher operiert werden, wobei einige Tiere aufgrund der Schwiergigkeit das Gewicht genau zu schätzen, eine zusätzliche Dosis brauchten. Zudem erholten sich alle getesteten Flusspferde schnell und vollständig von der Narkose und zeigten keinerlei bleibende Effekte.
Tauchen während der Narkose?
Ganz so glatt lief es aber dann doch nicht. Fünf der zehn Tiere hörten bis zu zehn Minuten lang auf zu atmen. Ihre Atmung setzte aber jedes Mal ganz von selbst wieder ein, ohne Zutun der Tierärzte. Die Forschenden gehen davon aus, dass dieses Aussetzen der Atmung bei Flusspferden auf den natürlich vorkommenden Tauchreflex bei dieser Tierart zurückzuführen ist. Flusspferde verbringen einen Gutteil ihres Lebens im und unter Wasser, deshalb können die Tiere ihre Luft auch relativ lange anhalten. Möglicherweise können Flusspferde auch wenn sie unter Narkose das Bewusstsein verlieren nach wie vor „abtauchen“.

Unbekannter Überlebenstrick
Die Forschenden hatten die einmalige Gelegenheit zu untersuchen, was im Körper von Flusspferden passiert, wenn sie zu atmen aufhören. Klarerweise sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut. Zu ihrer Überraschung stellten die Forschenden aber auch fest, dass dieser Abfall nicht mit einer Steigerung der Herzschlagrate verbunden ist. Auch die Laktatkonzentration steigt im Blut nicht an. „Alle Säugetiere, die tauchen, haben in der Evolution Strategien entwickelt, mit Sauerstoffmangel umzugehen. Durch die Art, wie Flusspferde auf die Anästhesie reagieren, vermuten wir, dass sie nicht auf einen anaeroben Stoffwechsel umschalten, sondern andere Mechanismen nutzen, um den Sauerstoff in ihrem Blut effektiver zu nützen“, erklärt Walzer, „Mützenrobben beispielsweise haben sehr viel Myoglobin in ihren Muskeln, vielleicht nutzen Flusspferde einen ähnlichen Überlebenstrick.“

Der Artikel “ Use of a medetomidine-ketamine combination for anesthesia in captive common hippopotami (Hippopotamus amphibius)” von Gabrielle L. Stalder, Thierry Petit, Igal Horowitz, Robert Hermes, Joseph Saragusty, Felix Knauer und Chris Walzer in der Ausgabe July 1, 2012 der Zeitschrift „Journal of the American Veterinary Medical Association“ (Vol. 241, No. 1, Pages 110-116) veröffentlicht.

Zusammenfassung des wissenschaftlichen Artikels online (Volltext gegen Entgelt oder Subskription):
http://avmajournals.avma.org/doi/abs/10.2460/javma.241.1.110

Rückfragehinweis:
Dr. Chris Walzer
Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 4890915-180
E chris.walzer@vetmeduni.ac.at

Beate Zöchmeister | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

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