Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lücke bei Gold geschlossen

08.08.2017

Zweiwertige Verbindung erstmals in reiner Form isoliert / Neue fundamentale Erkenntnisse liefern auch interessante Einblicke in die potenzielle Wirkungsweise von Gold(III)-Porphyrinen als Antitumormittel

Gemäß Lehrbuchmeinung bevorzugt Gold in seinen Verbindungen die Oxidationsstufen +I und +III. Die zweiwertige Form (+II) bildet dagegen mehrkernige Verbindungen oder wandelt sich in die ein- und dreiwertigen Formen um. Dies steht im Gegensatz zu den Nachbarelementen des Goldes:


Gold in zweiwertiger Form ist im Zentrum von Porphyrinen stabil

Abb./©: Katja Heinze, JGU

Hier liegen die Münzmetall-Ionen Kupfer(+II) und Silber(+II) in zweiwertiger Form vor, ebenso die linken und rechten Nachbarn Platin(+II) und Quecksilber(+II). In photochemischen Katalysereaktionen des Goldes wurde Gold(+II) zwar postuliert, ein hieb- und stichfester Nachweis war jedoch bislang nicht erbracht worden. Diesen Nachweis stellen nun Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in einer neuen Veröffentlichung vor.

Die Mainzer Chemiker unter der Leitung von Prof. Dr. Katja Heinze am Institut für Anorganische Chemie und Analytische Chemie haben einen Weg gefunden, Gold in der sehr seltenen Oxidationsstufe +II zu isolieren und zu charakterisieren. Damit wurden die Lücken in der homologen Reihe der Münzmetall-Ionen Kupfer(+II), Silber(+II), Gold(+II) und in der "relativistischen" Triade Platin(+II), Gold(+II), Quecksilber(+II) geschlossen.

"Bislang unbekannte grundlegende Daten wie Ionengröße, bevorzugte strukturelle Anordnung und die Reaktivität von Gold(+II) sind nun zugänglich", erläutert Sebastian Preiß, Doktorand in der Arbeitsgruppe von Katja Heinze, der diese Gold(+II)-Verbindung erstmals in reiner Form isolieren konnte. Die Forschungsarbeit wurde in der Fachzeitschrift Nature Chemistry veröffentlicht.

Die Stabilisierung des sehr labilen Gold(+II)-Ions gelang den Forschern mithilfe eines sogenannten Porphyrins, das das Gold(+II)-Ion umschließt. Der Porphyrin-Makrozyklus ist als Baustein des Blattfarbstoffs Chlorophyll und des roten Blutfarbstoffs mit Magnesium- bzw. Eisenionen im Zentrum bekannt. Mit Gold(+II) im Zentrum unterdrückt das Porphyrin die typischen Reaktionspfade von Gold(+II), nämlich die Bildung mehrkerniger Verbindungen oder die Umwandlung in die stabileren Gold(+I)- und Gold(+III)-Verbindungen.

"Somit war es erstmals möglich, diese neue, einzigartige Klasse von beständigen einkernigen Gold(+II)-Verbindungen näher zu untersuchen und vollständig zu beschreiben", fasst Katja Heinze zusammen. Bemerkenswerterweise ist die Anordnung der nächsten vier Atome um das Gold(+II)-Ion nicht wie bei den entsprechenden Verbindungen der Nachbarn Kupfer(+II), Silber(+II), Platin(+II) und Quecksilber(+II) quadratisch mit vier gleich langen Abständen zum Gold, sondern rautenförmig mit zwei kurzen und zwei langen Abständen. Im Fachjargon wird dieses bei Gold(II)-Ionen bislang nicht beobachtete Phänomen dem Jahn-Teller-Effekt zweiter Ordnung zugeschrieben, hervorgerufen durch die relativistischen Eigenschaften des Goldes.

Da diese neue Gold(+II)-Verbindung auch aus einer Gold(+III)-Verbindung erhalten werden kann, die als potentes Antitumormittel gilt, versuchten die Forscher zu ermitteln, ob das Gold(+II)-Porphyrin auch in biologischen Systemen eine Rolle spielen könnte. Tatsächlich kann die Gold(+II)-Verbindung unter nahezu physiologischen Bedingungen aus dem Gold(+III)-haltigen Zytostatikum erzeugt werden. Mit Luftsauerstoff bildet das Gold(+II)-Porphyrin reaktive Sauerstoffspezies (ROS).

Von ROS wiederum ist bekannt, dass sie eine Apoptose, also den programmierten Zelltod, einleiten können. "Somit haben wir eine plausible Wirkungskette vom Zytostatikum bis zum gezielten Zelltod mit dem Gold(+II)-Porphyrin als wichtigem Kettenglied", freut sich Heinze.

"Besonders der gelungene Brückenschlag von der durch Neugierde angetriebenen Grundlagenforschung über ungewöhnliche Verbindungen hin zu neuen Erkenntnissen in möglichen medizinischen Anwendungen ist für uns ein großer Ansporn, auf diesem Gebiet weiter zu forschen", ergänzt Heinze.

Abbildung:
http://www.uni-mainz.de/bilder_presse/09_anorgchemie_goldII.jpg
Gold in zweiwertiger Form ist im Zentrum von Porphyrinen stabil
Abb./©: Katja Heinze, JGU

Veröffentlichung:
Sebastian Preiß et al.
Structure and reactivity of a mononuclear gold(II) complex
Nature Chemistry, 7. August 2017
DOI: 10.1038/nchem.2836
http://www.nature.com/nchem/journal/vaop/ncurrent/full/nchem.2836.html
http://rdcu.be/uOqu

Kontakt und weitere Information:
Prof. Dr. Katja Heinze
Institut für Anorganische Chemie und Analytische Chemie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-25886
Fax +49 6131 39-27277
E-Mail: katja.heinze@uni-mainz.de
https://www.ak-heinze.chemie.uni-mainz.de/

Weitere Informationen:

http://www.uni-mainz.de/presse/aktuell/1802_DEU_HTML.php ― "Molekulares Thermometer für kontaktlose Messungen mit infrarotem Licht", 07.06.2017
http://www.uni-mainz.de/presse/aktuell/1212_DEU_HTML.php ― "Johannes Gutenberg-Universität Mainz koordiniert neues DFG-Schwerpunktprogramm in der Photochemie", 19.04.2017
http://www.uni-mainz.de/presse/63155.php ― "Katja Heinze erhält Wissenschaftspreis für intelligente Lebensmittelverpackung mit Frischeanzeige", 24.11.2014

Petra Giegerich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress
23.02.2018 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

nachricht Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren
23.02.2018 | Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics