Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Leichter lesen lernen

07.08.2012
Die Leselernschwäche hat ihre Ursache in der Signalverarbeitung im Gehirn

Für die erfolgreiche Teilhabe am Leben ist es wichtig, lesen und schreiben zu können. Dennoch haben viele Kinder und Erwachsene Schwierigkeiten, diese Fähigkeiten zu erwerben, ohne dass es dafür einen offensichtlichen Grund gibt. Sie leiden unter Lese-Rechtschreib-Schwäche, die vielerlei Symptome haben kann.


Darstellung des Gehirns von Legastehnikern im Vergleich zur Kontrollgruppe. Der blaue Bereich zeigt den auditorischen Thalamus, der gründe die medialen Kniehöcker.

© MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften

Dank der Forschungen von Begoña Díaz und ihren Kollegen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig sind wir nun einen großen Schritt weiter, um die Ursache der Lese-Rechtschreibschwäche zu verstehen. Die Wissenschaftler haben einen wichtigen neuronalen Mechanismus hinter der Leselernschwäche (Legasthenie) aufgedeckt und gezeigt, dass viele der Schwierigkeiten bei Legasthenie möglicherweise auf die Fehlfunktion des medialen Kniehöckers im Thalamus zurückzuführen sind. Die Ergebnisse liefern eine wichtige Basis, um Therapiemöglichkeiten zu entwickeln.

Menschen, die unter Legasthenie leiden, sind unfähig, Strukturen in der Lautsprache zu erkennen. Während die meisten Kinder beispielsweise bereits vor der Einschulung in der Lage sind zu erkennen, ob sich zwei Wörter reimen, können Legastheniker dies oft bis ins späte Grundschulalter nicht. Die meisten Betroffenen leiden ihr Leben lang unter der Lernschwäche. Jedoch gibt es auch immer wieder Fälle, in denen Menschen die Leselernschwäche ausgleichen können. „Das deutet darauf hin, dass man Legasthenie therapieren kann. Wir versuchen daher, die neuronalen Ursachen der Lernschwäche zu finden, um eine Basis für verbesserte Therapiemöglichkeiten zu schaffen“, sagt Díaz.

Fünf bis zehn Prozent der Kinder leiden weltweit unter Legasthenie und dennoch sind die Ursachen nur unzureichend bekannt. Obwohl es den Betroffenen weder an Intelligenz oder schulischer Bildung mangelt, haben sie Schwierigkeiten beim Lesen, Verstehen und Deuten einzelner Wörter oder ganzer Texte. Die Forscher zeigten, dass eine Fehlfunktion von einer Struktur, die auditorische Information vom Ohr zum Kortex weiterleitet, eine wichtige Ursache dafür ist.
Legasthenie hat also einen neuronalen Ursprung. Bei Betroffenen verarbeitet der mediale Kniehöcker des auditorischen Thalamus akustische Informationen fehlerhaft. „Diese Fehlfunktion auf einer der unteren Ebenen der Sprachverarbeitung könnte sich durch das gesamte System hindurch fortsetzen. Das erklärt, warum die Symptome der Leselernschwäche so vielfältig sind“, so Díaz.

Die Forscher unter der Leitung von Katharina von Kriegstein führten zwei Experimente mit mehreren Testpersonen durch, in denen diese verschiedene Sprachverständnisaufgaben erfüllen mussten. Stellten die Wissenschaftler den Betroffenen Aufgaben, bei denen Sprachlaute verglichen werden mussten, so zeigten Magnet-Resonanz-Tomographie-Aufnahmen (MRT) auffällige Reaktionen im Bereich des medialen Kniehöckers. Dahingegen zeigte sich kein Unterschied zwischen Kontrollgruppen und den Menschen mit Leselernschwächen, wenn die Aufgaben darin bestand, sich die Sprachlaute einfach nur anzuhören ohne eine besondere Aufgabe zu erledigen. „Das Problem liegt also nicht in der sensorischen Verarbeitung an sich, sondern in der Verarbeitung bei Spracherkennung“, sagt Díaz. In anderen Bereichen des auditorischen Signalwegs konnten zudem keine Unterschiede zwischen beiden Versuchsgruppen entdeckt werden.

Die Ergebnisse der Leipziger Wissenschaftler kombinieren dabei verschiedene theoretische Ansätze, die sich mit der Ursache von Dyslexie beschäftigen, und erlauben es nun erstmals, mehrere dieser Theorien zu einem Gesamtbild zusammenzufassen. „Die Ursache eines Problems zu kennen, ist immer der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Therapie“, sagt Díaz. Das nächste Projekt der Forscher ist nun, zu untersuchen, ob man mit derzeitigen Therapieprogrammen auf den medialen Kniehöcker einwirken kann, um das Lesen lernen langfristig für alle zu erleichtern.
Ansprechpartner
Dr. Begoña Díaz
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Telefon: +49 341 9940-2480
Email: diaz@­cbs.mpg.de
Dr. Katharina von Kriegstein
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Telefon: +49 341 9940-2476
Email: kriegstein@­cbs.mpg.de
Peter Zekert
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Telefon: +49 341 9940-2404
Fax: +49 341 9940-2221
Email: zekert@­cbs.mpg.de
Originalveröffentlichung
Díaz, Hintz,Kiebel und von Kirchstein
Dysfunction of the auditory thalamus in developmental dyslexia
PNAS, 6.August 2012

Dr. Begoña Díaz | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/5927016/legastehnie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut
20.10.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Aus der Moosfabrik
20.10.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise