Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kinderstube von Tiefseehaien entdeckt

22.09.2011
Röhrenwürmer und Kalksteinlandschaften an Methanquellen dienen Tiefsee-Raubtieren als Brutstätte

Natürliche Methanquellen in der Tiefsee waren bisher als Lebensraum für einige, hoch spezialisierte Überlebenskünstler bekannt. Jetzt konnten Wissenschaftler des Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) und der Universität Göttingen zusammen mit Kollegen aus Österreich und den USA nachweisen, dass diesen Methanquellen auch eine wichtige Rolle als Kinderstube für Tiefsee-Raubfische und damit für die Biodiversität in der Tiefsee allgemein zukommt. Die entsprechende Studie ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Marine Ecology Progress Series“ erschienen.


Überblick über ein Röhrenwurmfeld mit Katzenhai-Eikapseln (Länge ca. 5 cm, rot-bräunliche Färbung) aus der Perspektive des belgischen Unterwasserrobotors Cherokee (östliches Mittelmeer, 500 m Wassertiefe).
Copyright: West Nil Delta Projekt


35 Millionen Jahre alte, versteinerte Katzenhai-Eikapseln, gefunden bei einer fossilen Methanquelle im US-Staat Washington.
Foto: Steffen Kiel

Röhrenwürmer, riesige Bakterienkolonien, große weiße Muscheln und skurrile Kalksteinlandschaften – die Lebensgemeinschaften an natürlichen Methanquellen in der Tiefsee sind einzigartig und haben mit der übrigen Umwelt im Ozean auf den ersten Blick wenig zu tun. Ein Wissenschaftlerteam um die Geobiologin Professor Tina Treude vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) und den Paläontologen Dr. Steffen Kiel von der Universität Göttingen hat nun im Röhrenwurm-Dickicht von Methanquellen im Mittelmeer und im Ost-Pazifik tausende Eikapseln von Tiefseehaien und -rochen entdeckt.

Zudem fanden sie Versteinerungen solcher Eikapseln an einer 35 Millionen Jahre alten Methanquelle im Westen der USA. „Offensichtlich sind natürliche Methanquellen eine wichtige Kinderstube für Tiefsee-Raubfische“, sagt Professorin Treude. Die Entdeckungen veröffentlichen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Marine Ecology Progress Series.

Hai- und Rochenarten, die Eier legen, befestigen ihre Eikapseln gerne an festen Strukturen, an denen sauerstoffreiches Wasser entlang strömt, wie zum Beispiel an Korallen oder an senkrechten Felshängen. Der Tiefseeboden besteht aber größtenteils aus feinem Schlamm. Feste Strukturen sind hier selten. Daher ist es eigentlich nicht überraschend, dass die Tiere auch Röhrenwurm-Dickichte und Kalksteinauswüchse an Methanquellen als Schutz für den Nachwuchs nutzen. „Als wir im Herbst 2010 mit einem Videoschlitten den Meeresboden vor der Küste von Chile in bis zu 700 Metern Tiefe untersuchten, fanden wir zwischen Röhrenwürmern und Kalksteinblöcken gleich mehrere Generationen von riesigen Eikapseln, die von Tiefseerochen abgelegt wurden“, berichtet Professorin Treude, „sogar ein trächtiges Rochenweibchen schwamm uns vor die Kamera des Videoschlittens.“ Ähnliche Bilder sah die Meeresforscherin, als sie während einer früheren Expedition im Mittelmeer unterwegs war.

Die Eikapseln dort konnten eindeutig Katzenhaien zugeordnet werden. Von Katzenhaien stammen auch Eikapseln, die Wissenschaftler unter Leitung von Dr. Kiel im US-Bundesstaat Washington fanden. In diesem Fall waren die Kapseln aber 35 Millionen Jahre alt und versteinert. Sie befanden sich zwischen ebenfalls versteinerten Röhrenwürmern an einer fossilen Methanquelle, die dank geologischer Prozesse aus dem Meer gehoben wurde und an den südlichen Ausläufern der Olympic Mountains zugänglich ist. „Damit lässt sich das Brutverhalten dieser Tiere weit in die Erdgeschichte zurückverfolgen“ erklärt Dr. Kiel, der seit vielen Jahren die Fossil- und Evolutionsgeschichte von Tiefsee-Ökosystemen erforscht.

Die Entdeckung der Wissenschaftler ist allerdings auch mit Blick auf die Zukunft mariner Ökosysteme wichtig. Denn Raubtiere sind für die Artenvielfalt von großer Bedeutung. Sie fressen meist die häufigen Arten und schaffen so Raum für seltenere Spezies. Haie und Rochen gehören zu den wichtigsten Raubtieren in der Tiefsee. „Die große geographische Distanz zwischen unseren Funden und ihre lange Fossilgeschichte lassen vermuten, dass Tiefseehaie und andere Raubfische auch Methanquellen in anderen Teilen der Ozeane als Kinderstube nutzen“ erläutert Tina Treude. Durch Schleppnetzfischerei, bei der riesige Netze mit hoher Geschwindigkeit über den Meeresgrund gezogen werden, werden diese Ökosysteme beschädigt und in ihrer Funktion als mögliche Kinderstube für Raubfische gestört. „Mit unserer Arbeit unterstützen wir Bestrebungen, solche Methanquellen als internationale Reservate auszuweisen und unter Schutz zu stellen“ sagt Tina Treude.

Dr. Andreas Villwock | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm-geomar.de/
http://www.geobiologie.uni-goettingen.de/index.shtml

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Software mit Grips
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main

nachricht Einen Schritt näher an die Wirklichkeit
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics