Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie die Karnickel: Feldhasenmischlinge sind fruchtbarer

22.11.2010
Seit Charles Darwin gilt die Variation neben der Selektion als entscheidender Motor der Evolution. Variation ermöglicht erst, besser passende Eigenschaften über Generationen hinweg zu fördern.

Hinweise mehren sich heute jedoch, dass sich Variation in den Genen auch für einzelne Tiere vorteilhaft auswirken könnte. Steve Smith und Franz Suchentrunk, beide vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien, konnten zeigen, dass Feldhasen mit zwei unterschiedlichen Versionen eines bestimmten Gens mehr Junge bekommen als Tiere mit zwei gleichen Genversionen. Ihre Arbeit wurde in der Oktoberausgabe der Zeitschrift Molecular Ecology veröffentlicht.

Wie der Faktor Vielfalt auf der Ebene einzelner Gene den Fortpflanzungserfolg beeinflusst, ist eine der Schlüsselfragen der modernen Evolutionsbiologie. Gemeinsam mit Kollegen aus Großbritannien und Belgien haben Steve Smith und Franz Suchentrunk vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien diese Frage untersucht. Sie verwendeten ein ausgeklügeltes Modell, um die Auswirkung genetischer Variation auf den Reproduktionserfolg beim europäischen Feldhasen zu berechnen. Für ihre Arbeit verwendeten sie Daten von Feldhasen aus Belgien und Ostösterreich.

Ursache für Kinderlosigkeit?

Smith und seine Kollegen untersuchten den Einfluss von Variation bei zwei Genen des so genannten Major Histocompatibility Complex (MHC) auf die Zahl der Nachkommen. Der MHC beeinflusst Immunreaktionen, deshalb gelten MHC-Gene als mögliche Vermittler zwischen genetischer Variation und Fitness. Eine Reihe von Studien weist zudem auf eine mögliche Rolle des MHC als Verursacher für Kinderlosigkeit beim Menschen hin. Zur Rolle des MHC auf die Fruchtbarkeit von Wildtierpopulationen gibt es jedoch bis heute keine Untersuchungen.

Vielfalt macht fit

Grundsätzlich beeinflussen zwei Faktoren den Fortpflanzungserfolg: Ob ein Tier überhaupt Junge zeugen kann, und die Anzahl der gezeugten Nachkommen der tatsächlich fruchtbaren Individuen. Smith und seine Kollegen konnten zeigen, dass MHC-heterozygote Weibchen, also Tiere, die zwei verschiedene Versionen des gleichen Gens tragen, deutlich seltener steril sind als MHC-homozygote Weibchen, die zwei gleiche MHC-Genversionen tragen. Auch bei der Anzahl der Nachkommen haben die heterozygoten Feldhasen die Nase leicht vorn.

Österreichische Feldhasen sind anders

Obwohl dieser Zusammengang bei den untersuchten belgischen Feldhasen deutlich zu Tage trat, konnten die Forschenden bei den ostösterreichischen Populationen keinen Einfluss der Genversionen auf die Fruchtbarkeit finden. Die Ursache dafür ist möglicherweise in einem unterschiedlichen Selektionsdruck auf die beiden Populationen zu finden. So gibt es in Österreich beispielsweise wärmere Sommer und kältere Winter als in Belgien, das macht die Futtersuche für Feldhasen in Österreich schwieriger. Dazu Steve Smith: „Der Unterschied zwischen Österreich und Belgien weist darauf hin, wie komplex diese Fragen sind, und wie schwierig es ist, von einem untersuchten System direkt auf ein anderes zu schließen.“ Trotz dieses Vorbehalts bestätigen die Daten erstmals, dass Variation an einem bestimmten Genort mit erhöhtem Reproduktionserfolg gekoppelt ist. Für die Steuerung des Wachstums von Wildtierpopulationen könnten diese Ergebnisse von großer Bedeutung sein, zudem könnten sie laut Smith auch Hinweise für die Ursachen von Unfruchtbarkeit beim Menschen liefern.

Der Artikel Homozygosity at a class II MHC locus depresses female reproductive ability in European brown hares von Steve Smith, Thomas Mang, Joelle Gouy de Bellocq, Helmut Schaschl, Claudia Zeitlhofer, Klaus Hackländer und Franz Suchentrunk wurde in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Molecular Ecology (Vol. 19, 4131-4143) veröffentlicht.

Über die Vetmeduni Vienna

Die Veterinärmedizinische Universität Wien ist die einzige universitäre veterinärmedizinische Bildungs- und Forschungsstätte Österreichs und zugleich die älteste im deutschsprachigen Raum. Sie beschäftigt etwa 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bildet mehr als 2300 Studierende aus, vor allem in der Studienrichtung Veterinärmedizin.

Beate Zöchmeister | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop
16.01.2017 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Nervenkrankheit ALS: Mehr als nur ein Motor-Problem im Gehirn?
16.01.2017 | Leibniz-Institut für Neurobiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie