Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hilft eine Blutegeltherapie tatsächlich? Greifswalder Forscher testen Speichel von Egeln

09.10.2013
Eine wissenschaftliche Untersuchung hat erstmals wissenschaftliche Belege für eine mögliche Wirksamkeit der Blutegeltherapie erbracht.

In der jüngst in der internationalen, biowissenschaftlichen Online-Fachzeitschrift PLoS ONE veröffentlichten Studie von Forschenden des Zoologischen Instituts der Universität Greifswald wurde erstmals eine Quantifizierung der biologisch aktiven Speicheldrüseninhaltsstoffe vorgenommen. Dabei konnten zwanzig Speichelproteine in einer Konzentration nachgewiesen werden, die physiologische Prozesse im menschlichen Körper beeinflussen können.

Kann die Blutegeltherapie dem Menschen wirklich helfen? Subjektive Erfahrungsberichte und Aufzeichnungen von Medizinern sprechen für eine therapeutische Wirkung. Bereits im alten Ägypten wurde der der Medizinische Blutegel, Hirudo sp., eingesetzt. Der Ektoparasit saugt sich an einem warmblütigen Wirt fest, schneidet eine Wunde in die Haut und saugt Blut. Dabei gibt er die Inhaltsstoffe seiner Speicheldrüsenzellen in die Wunde ab. Diesem Vorgang wird beim Menschen therapeutische Bedeutung zugemessen. Heute wird die Blutegeltherapie von Ärzten und Heilpraktikern bei verschiedensten Befindlichkeitsstörungen, bei Thrombosen zur Vermeidung der Bildung oder gar zur Auflösung von Blutgerinnseln, bei Erkrankungen des entzündlich-rheumatischen Formenkreises zur Entzündungshemmung und zur Schmerzstillung sowie postoperativ nach Replantation abgetrennter Haut- und Körperteile zur Verbesserung der venösen Zirkulation eingesetzt.

Der Blutegel injiziert während des Saugaktes zahlreiche Speicheldrüsenproteine in die Wunde des Wirts. Es wird angenommen, dass zumindest einige Proteine für die beobachteten positiven Effekte verantwortlich sein könnten. Die meisten sind bisher unbekannt, nur von wenigen kennt man mögliche Wirkungen im Patienten. Nur von einer Einzigen, dem Thrombin-Inhibitor Hirudin, der bereits in der Medizin als Antikoagulans (Medikament zur Hemmung der Blutgerinnung) eingesetzt wird, sind bisher exakte Daten zu wirksamen Konzentrationen bekannt.

Die Greifswalder Zoologen wollten mit ihrer Untersuchung die Frage beantworten: Werden während einer Blutegeltherapie mit einem oder mehreren Tieren überhaupt genügend große Mengen an Wirkstoffen aus dem Blutegel-Speichel auf den Patienten übertragen, um physiologische Effekte auszulösen?

Um diese Frage zu beantworten, musste herausgefunden werden, wie viel Speicheldrüsensubstanz ein Blutegel speichern kann und dann während des Saugaktes überträgt. Dazu wurde zunächst die Struktur des Speicheldrüsengewebes des Tieres mikroskopisch untersucht und ein 3D-Modell von Teilen des Egelgewebes mit den interessanten einzelligen Speicheldrüsenzellen entwickelt.

So konnte festgestellt und berechnet werden: Ein Blutegel hat fast 40.000 Speicheldrüsenzellen, und das durchschnittliche Volumen einer Zelle beträgt 67.000 µm3 (das ist etwa ein 50-Tausendstel des Volumens eines Stecknadelkopfes).

Letztlich wiesen die Forscherinnen und Forscher nach, dass die Vorratsbehälter der Speicheldrüsenzellen des Egels während eines Saugaktes vollständig entleert und 1,2 mg Protein in die Wunde injiziert werden. Wenn große Anteile der injizierten Speichelproteine sich im Kreislaufsystem des Patienten verteilen, gelangen mehr als zwanzig verschiedene Speichelproteine mit Konzentrationen zwischen 3 und 236 pmol/l in den Körper.

Im Vergleich mit Hirudin, das eine deutlich hemmende Wirkung auf den Blutgerinnungsfaktor Thrombin bereits bei einer Konzentration von 1 pmol/l ausübt, kann aus diesen Daten geschlossen werden, dass es mindestens 20 weitere Inhaltsstoffe des Blutegelspeichels gibt, die beim Saugakt in möglicherweise wirksamen Konzentrationen auf den Menschen übertragen werden.

Die weiteren Forschungsarbeiten werden sich mit der Identifizierung dieser Substanzen befassen, um festzustellen, welche Zielmoleküle im menschlichen Körper durch die Egel-Speichelproteine möglicherweise erkannt und in ihrer Funktion verändert werden.

Weitere Informationen

PLoS ONE http://www.plosone.org/
Artikel „May Salivary Gland Secretory Proteins from Hematophagous Leeches (Hirudo verbana) Reach Pharmacologically Relevant Concentrations in the Vertebrate Host?”
Autoren: Sarah Lemke, Christian Müller, Elisabeth Lipke, Gabriele Uhl, Jan-Peter Hildebrandt

http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0073809?src=email20130604CNS

Zoologisches Institut der Universität Greifswald
http://www.mnf.uni-greifswald.de/institute/fr-biologie/institute-und-forschung/zool-institut-museum.html
Das Foto kann für redaktionelle Zwecke kostenlos heruntergeladen werden. Dabei ist der Bildautor zu nennen. Download:

http://www.uni-greifswald.de/informieren/pressestelle/pressefotos/pressefotos-2013/pressefotos-oktober-2013.html

Ansprechpartner an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Jan-Peter Hildebrandt
Zoologisches Institut und Museum
Walther-Rathenau-Straße 49 A
17489 Greifswald
Telefon 03834 86-4295
Telefax 03834 86-4252
jph@uni-greifswald.de

Jan Meßerschmidt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-greifswald.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers
28.04.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Forschungsteam entdeckt Mechanismus zur Aktivierung der Reproduktion bei Pflanzen
28.04.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie