Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Hepatitis-B-Viren sich verstecken

30.08.2010
Gießener Virologen koordinieren deutsch-afrikanische Studie zu okkulten Hepatitis-B-Virus-Infektionen in Afrika –Verbesserung des Impfstoffes als Ziel – Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligt rund 700.000 Euro

In Zusammenarbeit mit Ärzten aus Südafrika und dem Sudan erforschen Virologen der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) um Privatdozent Dr. Dieter Glebe und Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfram Gerlich (Institut für Medizinische Virologie) eine heimtückische Form der Hepatitis B. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das deutsch-afrikanische Projekt mit rund 700.000 Euro im Rahmen ihrer Afrika-Initiative.

Infektionen mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) werden bei Kleinkindern und geschwächten Personen häufig chronisch und können langfristig zu Leberzirrhose, Leberversagen oder bösartigen Tumoren der Leber führen. Über ein Drittel der Weltbevölkerung hat bereits Kontakt mit HBV gehabt. 370 Millionen Menschen sind chronisch mit diesem tückischen Virus infiziert, eine Million Menschen sterben jährlich an den Spätfolgen. Chronische HBV-Infektionen entstehen bei gesunden Erwachsenen nur selten, bei über 90 Prozent der Infektionen kann ein gesundes Immunsystem die akute Infektion kontrollieren, es kommt zur Ausheilung.

Jedoch wurde in jüngster Zeit deutlich, dass die immunologische Abwehr des Körpers oft nicht vollständig ist. Mit diesem Phänomen beschäftigen sich die Gießener Wissenschaftler: Sie untersuchen die sogenannte okkulte Hepatitis B, bei der sich das Virus auch nach der scheinbaren Ausheilung meist unerkannt – also okkult – über Jahre in der Leber der Patienten vermehrt. Das Immunsystem kontrolliert dabei die Vermehrung des HBV auf niedrigem Niveau und damit einen erneuten Ausbruch der Erkrankung.

Zum Problem für den Patienten kann eine okkulte HBV-Infektion dann werden, wenn das Immunsystem teilweise oder völlig zum Erliegen kommt – beispielsweise während einer Chemotherapie oder bei einer Infektion mit dem humanen Immundefizienz-Virus (HIV). Der vorübergehende Totalausfall der immunologischen Kontrolle erlaubt dem Hepatitis-B-Virus eine ungehemmte Vermehrung in der Leber – die Infektion wird reaktiviert. Diese Reaktivierung führt in vielen Fällen zur Entstehung von Virusmutanten, die zu schweren Komplikationen bis hin zum Leberversagen führen können. Hier schützt selbst eine erfolgreiche HBV-Impfung vermutlich nicht.

Die Gießener Virologen konnten bereits zeigen, dass durch die Immunselektion auch während der okkulten Phase oft Virusmutanten entstehen. In dieser Phase sind diese Mutanten wegen ihrer geringen Menge ungefährlich. Nach Reaktivierung können sie jedoch schwere, mitunter tödlich verlaufende Infektionen hervorrufen. Wegen der hohen Viruskonzentration im Blut und in Körpersekreten während der Infektion sind die Viren zudem leicht auf andere Menschen übertragbar, beispielsweise durch Intimkontakte.

Ziel der deutsch-afrikanischen Studie ist es, das Gefährdungspotential durch HBV-Mutanten nach okkulter und reaktivierter Hepatitis B zu untersuchen. Während Fälle von HBV-Reaktivierung infolge einer Immunsuppression in Europa und Nordamerika überwiegend Therapie-bedingt sind, wird eine Immunschwäche in afrikanischen Ländern meist durch HIV-Infektionen verursacht. Fatalerweise sind in Afrika je nach Region etwa 15 bis 90 Prozent aller HIV-Infizierten gleichzeitig mit HBV infiziert, und viele dieser Patienten haben eine okkulte Form der Hepatitis B. Im Rahmen der Studie sollen die bei afrikanischen HIV-koinfizierten Patienten isolierten Virusstämme am Institut für Medizinische Virologie der JLU (Leiter: Prof. Dr. John Ziebuhr) molekular- und zellbiologisch charakterisiert werden, um so Rückschlüsse auf das Auftreten von impfungsresistenten Mutanten zu erhalten. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollten gezielte Verbesserungen des derzeitig verfügbaren HBV-Impfstoffs ermöglichen, der möglicherweise ein zu schmales Schutzspektrum aufweist.

PD Dr. Glebe und Prof. Gerlich von der JLU koordinieren die dreijährige Studie. Auf südafrikanischer Seite wird sie geleitet von der Virologin Prof. Dr. Anna Kramvis (University of Witwatersrand, Johannesburg). Der Hepatologe Prof. Dr. Hatim Mudawi vom Institut für Innere Medizin der Universität Khartum in Sudan leitet den sudanesischen Teil.

Dieses Projekt ist eines von 25 Projekten der Afrika-Initiative der DFG mit dem Ziel, die wissenschaftliche Kooperation afrikanischer und deutscher Wissenschaftler im Bereich der Infektionsforschung, insbesondere zu vernachlässigten Krankheiten, zu vertiefen. Ein Hauptanliegen ist, die wissenschaftliche Infrastruktur und Forschungskapazitäten in den afrikanischen Partnerländern nachhaltig zu stärken.

Kontakt:
PD Dr. Dieter Glebe
Institut für Medizinische Virologie
Frankfurter Straße 107, 35292 Gießen
Telefon: 0641 99-41246

Caroline Link | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-giessen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Genetische Vielfalt schützt vor Krankheiten
23.05.2018 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt
22.05.2018 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Im Focus: Achema 2018: Neues Kamerasystem überwacht Destillation und hilft beim Energiesparen

Um chemische Gemische in ihre Einzelbestandteile aufzutrennen, ist in der Industrie die energieaufwendige Destillation gängig, etwa bei der Raffinerie von Rohöl. Forscher der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) entwickeln ein Kamerasystem, das diesen Prozess überwacht. Dabei misst es, ob es zu einer starken Tropfenbildung kommt, was sich negativ auf die Trennung der Komponenten auswirken kann. Die Technik könnte hier künftig automatisch gegensteuern, wenn sich Messwerte ändern. So ließe sich auch Energie einsparen. Auf der Prozesstechnik-Messe Achema in Frankfurt stellen sie die Technik vom 11. bis 15. Juni am Forschungsstand des Landes Rheinland-Pfalz (Halle 9.2, Stand A86a) vor.

Bei der Destillation werden Flüssigkeiten durch Verdampfen und darauffolgende Kondensation des Dampfes in ihre Bestandteile getrennt. Ein bekanntes Beispiel...

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rotierende Rugbybälle unter den massereichsten Galaxien

23.05.2018 | Physik Astronomie

Invasive Quallen: Strömungen als Ausbreitungsmotor

23.05.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Matrix-Theorie als Ursprung von Raumzeit und Kosmologie

23.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics