Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Galapagos-Schildkröten zählen zu den wandernden Tierarten

21.11.2012
Auf die jährlichen Wanderungen zu Beginn der Trockenzeit machen sich vor allem große, dominante Männchen

Galapagos-Riesenschildkröten, eine der faszinierendsten Tierarten des Galapagos-Archipels, durchstreifen langsam und unermüdlich die Vulkanhänge einiger Galapagos-Inseln.


Trotz ihrer schwerfälligen Fortbewegungsweise können Galapagos-Riesenschildkröten weite Strecken zurücklegen.

MPI f. Ornithologie


Galapagos-Riesenschildkröten wandern gewöhnlich geradewegs die Abhänge der Insel hinauf und hinunter. Die Wanderrouten sind bis zu zehn Kilometer lang und führen die Tiere manchmal bis auf Meereshöhe.

Stephen Blake/MPI f. Ornithologie

Wissenschaftler des Max-Planck- Instituts für Ornithologie in Radolfzell haben zusammen mit der Charles Darwin Foundation mittels GPS-Technologie und mit modernsten 3D-Beschleunigungsmessungen herausgefunden, dass sich vor allem die ausgewachsenen, dominanten Schildkröten-Männchen auf die bis zu zehn Kilometer lange Wanderung ins Hochland der Inseln machen. Auch wandern nur ausgewachsene Tiere, junge Schildkröten bleiben dagegen das ganze Jahr im Tiefland. Warum dies so ist und warum die Tiere die Trockenzeit nicht einfach in einer Ruhezeit überdauern, wissen die Forscher noch nicht.

Schon Charles Darwin vermutete, dass Riesenschildkröten weite Entfernungen zurücklegen. In der kühlen trockenen Jahreszeit liegen die Hochlagen der Insel Santa Cruz in dickem Nebel, weshalb die Pflanzen trotz Regenmangels wachsen. In den Niederungen gibt es keine dicke Wolkenschicht, und so sind die Futterpflanzen für Schildkröten nicht immer während des Jahres verfügbar. Erwachsene, bis zu 250 Kilogramm schwere Riesenschildkröten verbringen die Trockenzeit in den höheren Regionen bis zu 400 Meter über dem Meeresspiegel. Doch das Futter ist von minderer Qualität, und so wandern sie, sobald die heiße, regenreiche Jahreszeit beginnt, wieder in die tiefer gelegenen Zonen, wo sie saftiges Futter im Überfluss vorfinden.

Um die Zugmuster genauer zu untersuchen, befestigten Stephen Blake vom Max-Planck-Institut für Ornithologie und sein Kollege Washington Tapia vom Galapagos-Nationalpark an 17 erwachsenen Tieren GPS-Logger mit 3D-Beschleunigungsmessern. So konnten sie ihre genaue Position und ihr Verhalten über einen Zeitraum von zwei Jahren bestimmen. Um Informationen über die gesamte Population zu erhalten, notierten die Forscher zusätzlich auf ihren monatlichen Wanderungen an den Vulkanhängen Größe, Geschlecht und Aufenthaltsort jeder Schildkröte, die sie antrafen. Die GPS-Daten kombinierten sie mit Temperaturdaten und Informationen über den Zustand der Vegetation.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Wanderung der Riesenschildkröten ein Teilwanderungs-System ist, in dem nicht jedes Individuum wandert. Nur die erwachsenen Tiere ziehen, die größten sogar eher als die etwas kleineren Exemplare. Ab Juni beginnen sie ihren langsamen, mühsamen Weg bis zu zehn Kilometer weit in das Hochland. Erwachsene Weibchen bleiben zunächst bis zur Eiablage im Tiefland, bis sie sich dann ebenfalls sich auf den Weg ins Hochland begeben. Die kleineren Schildkröten dagegen bleiben das ganze Jahr über in den niedriger gelegenen Gebieten.

Obwohl Riesenschildkröten in der Lage sind, über ein Jahr ohne Nahrung zu überleben, was sie zu einem begehrten Vorrat der Seefahrer machte, wandern sie dennoch über lange Distanzen auf der Suche nach Futter, wie diese Studie erstmals zeigt. Warum suchen sie sich nicht einfach einen Unterschlupf? Auch warum jüngere Tiere nicht wandern, können die Wissenschaftler noch nicht beantworten. „Entweder ist der Energieaufwand dieser strapaziösen Wanderung zu hoch, oder es gibt auch während der trockenen Jahreszeit immer noch ausreichend Futter für so kleine Tiere“, vermutet Stephen Blake, „vielleicht halten aber auch Jungtiere das feuchte kalte Klima in den höheren Regionen nicht aus.“

Bei anderen Tierarten ist es das größte und dominanteste Individuum, das nicht zieht, weil es sich am ehesten gegen Konkurrenten behaupten kann. Es muss nicht fortgehen, um zu überleben. Bei den Galapagos-Riesenschildkröten sind es dagegen gerade die größten und dominantesten Individuen, die den anstrengenden Weg auf sich nehmen.

Künftige Studien unterschiedlicher Riesenschildkrötenarten auf den verschiedenen Inseln des Archipels mit anderen ökologischen Bedingungen werden zeigen, inwieweit die Umgebung ein unterschiedliches Zugverhalten dieser eng verwandten Arten bewirkt. Auch wollen die Forscher Faktoren wie Alter, Größe, Geschlecht und Morphologie in ihre Untersuchungen miteinbeziehen, um zu sehen, warum sich das Verhalten in unterschiedlichen Phasen des Lebens ändert und was der Auslöser für das Zugverhalten ist.

Trotz der Bedrohung der Galapagos-Schildkröten durch Jagd, invasive Arten wie Ziegen und Ratten, und die Einengung ihres Lebensraumes durch den Menschen zeigen die Tiere noch ihr ursprüngliches Wanderverhalten. Diese und künftige Studien werden dabei helfen, dieses Verhalten mit wirkungsvollen Maßnahmen wie der Einrichtung von Korridoren, Erhaltung der Schlüssel-Habitate, Schildkröten-freundlichen Straßen und geringerer städtischer Entwicklung zu bewahren. Die jährliche Wanderung der Schildkröten muss auch mit Hinblick auf ihre Bedeutung für das Ökosystem des Galapagos-Archipels als Pflanzenfresser und Samenverbeiter erhalten bleiben.

Originalveröffentlichung:
Blake, Stephen,; Yackulic, Charles; Cabrera, Fredy; Tapia, Washington; Gibbs, James; Kümmeth, Franz; Wikelski, Martin. Vegetation dynamics drive segregation by body size in Galapagos tortoises migrating across altitudinal gradients.
Journal of Animal Ecology, 20. November .2012, JAE-2012-00027.R2

Kontakt:
Leonore Apitz
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Radolfzell
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell
Telefon: +49 7732 1501-74
Email: apitz@­orn.mpg.de

Prof. Dr. Martin Wikelski
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell
Telefon: +49 7732 1501-62
Email: martin@orn.mpg.de

Stephen Blake
Max Planck Institute for Ornithology
sblakewcs@gmail.com

Dr Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.­orn.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise