Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fruchtfressende Fledermäuse sind Schlüsselorganismen in Ökosystemen

17.12.2012
Die Fledermausexperten Simon Ripperger und Frieder Mayer (Museum für Naturkunde Berlin) beschreiben in einer aktuellen Publikation mit anderen Autoren Fledermäuse als Schlüsselorganismen für das Funktionieren von Ökosystemen, die vom Menschen stark beeinflusst sind.
Die Studie zeigt die Dringlichkeit von Schutzmaßnahmen, damit Schlüsselorganismen wie samenausbreitende Fledermäuse auf lange Sicht zur Funktion von Ökosystemen beitragen können. Der Einfluss der Größe des noch erhaltenen natürlichen Lebensraums und der Struktur der dazwischen liegenden Landschaft auf die genetische Vielfalt der Populationen gibt Ansatzpunkte für mögliche Schutzmaßnahmen.

Tropische Regenwälder zählen zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde. Eine Vielzahl unterschiedlichster Organismen interagiert in komplexer Weise miteinander. Seit einigen Jahrzehnten stehen diese Systeme unter starkem menschlichem Einfluss. Einst flächendeckende Regenwälder müssen Plantagen oder Viehweiden weichen. Das Resultat sind Reste natürlichen Lebensraums, eingebettet in eine heterogene, menschlich beeinflusste Landschaft.

Soziale Gruppe der untersuchten Fledermausart Dermanura watsoni

Simon Ripperger

In Folge dessen sinkt die Artenvielfalt in den verbleibenden Habitaten und besonders größere Säugetiere und Vögel, die wichtige Samenausbreiter darstellen, verschwinden, wodurch die Funktion des gesamten Ökosystems in Gefahr gebracht wird. Fledermäuse hingegen, die sich von Früchten ernähren, verbleiben häufig in großer Zahl selbst in kleinen Waldfragmenten und spielen eine besonders wichtige Rolle bei der Samenverbreitung.

Eine Reihe aktueller Studien zeigte für eine Vielzahl von Tiergruppen, dass Habitatfragmentierung (die Umwandlung großflächigen, natürlichen Lebensraums in kleinere Fragmente) selbst auf kleinem Raum zu verringertem oder unterbrochenem Austausch von Individuen zwischen Populationen führen kann. Die Folge sind verringerter genetischer Austausch zwischen und erhöhte Inzucht innerhalb der Populationen. „Dadurch steigt der Verwandtschaftsgrad und letztlich sinkt die genetische Vielfalt innerhalb der teils isolierten Populationen, da wenig ‚frisches Blut’ von außerhalb einfließt“, so Fledermausexperte Ripperger. Dies gefährdet wiederum das langfristige Überleben der Populationen, da genetische Diversität häufig als wichtig im Zusammenhang mit der Anpassungsfähigkeit von Organismen an sich ändernde Umweltbedingungen diskutiert wird. Inwiefern fruchtfressende Fledermäuse in landwirtschaftlich dominierten Gegenden von derartigen Effekten betroffen sind, war bisher trotz ihrer wichtigen Rolle für gestörte Ökosysteme weitgehend unbekannt.

Daher untersuchten die Autoren Fledermäuse im karibischen Tiefland Costa Ricas, deren Populationen durch Viehweiden, Ananas- und Bananenplantagen getrennt sind. Die Ergebnisse zeigen, dass Fledermauspopulationen in diesen Gebieten trotz der Flugfähigkeit der Tiere und der damit verbundenen hohen Mobilität, nicht in regelmäßigem genetischem Austausch stehen, sondern teilweise durch die vom Menschen genutzten Flächen isoliert scheinen. Als eine Folge zeigen die einzelnen Populationen unterschiedlich stark ausgeprägte genetische Verarmung. Der Grad der Verarmung steht einerseits im Zusammenhang mit der Fläche des verbleibenden natürlichen Lebensraums, da größere Waldstücke vermutlich eine größere Anzahl von Tieren beherbergen können und so der Verlust genetischer Diversität verlangsamt wird. Zum anderen wurde die genetische Vielfalt der Populationen durch Reste verbleibenden Lebensraums, wie z.B. Galeriewälder, in der nahen Nachbarschaft der Waldstücke positiv beeinflusst. Solche Strukturen bieten die Möglichkeit, geschützter als in offenem Gelände zu benachbarten Waldfragmenten zu gelangen und so zum genetischen Austausch beizutragen. Die Studie zeigt die Dringlichkeit von Schutzmaßnahmen in stark anthropogen beeinflussten Gebieten auf, damit Schlüsselorganismen wie samenausbreitende Fledermäuse auf lange Sicht zur Funktion des verbleibenden Ökosystems beitragen können.

Originalveröffentlichung: S. Ripperger, M. Tschapka, E. Kalko, B. Rodríguez-Herrera, F. Mayer : Life in a mosaic landscape: anthropogenic habitat fragmentation affects genetic population structure in a frugivorous bat species. Conserv Genet DOI 10.1007/s10592-012-0434-y

Fotos erhalten Sie unter:
http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Fledermaus
Copyright: Museum für Naturkunde Berlin

Bildunterschrift:
Foto 1: Rippberger beim Sammeln von Fledermausproben im Regenwald Costa Ricas
Foto 2: Ripperger mit einem Exemplar der untersuchten Fledermäuse
Foto 3: Folgen menschlichen Einflusses: Zu Viehweiden umgewandelter Regenwald
Foto 4: Soziale Gruppe der untersuchten Fledermausart Dermanura watsoni

Kontakt:
Dr. Frieder Mayer, Museum für Naturkunde Berlin, Tel. +49(0)30 2093 8702
e-mail frieder.mayer@mfn-berlin.de

Dr. Gesine Steiner, Öffentlichkeitsarbeit, Tel. +49(0)30 2093 8917 Fax. +49(0)30 2093 8914, e-mail gesine.steiner@mfn-berlin.de; www.naturkundemuseum-berlin.de

Dr. Gesine Steiner | idw
Weitere Informationen:
http://www.naturkundemuseum-berlin.de
http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Fledermaus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen
09.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

nachricht Wolkenbildung: Wie Feldspat als Gefrierkeim wirkt
09.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie