Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher entschlüsseln Manie-Gen

03.09.2012
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Bei Menschen mit einer bipolaren Störung wechseln sich depressive und manische Episoden ab.
Wissenschaftler der Universität Bonn und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim haben nun anhand von Patientendaten und Tiermodellen entschlüsselt, wie das Gen NCAN zu manischen Symptomen bei der bipolaren Störung führt. Die Ergebnisse sind jetzt in der aktuellen Ausgabe des „The American Journal of Psychiatry“ veröffentlicht.

Menschen mit einer bipolaren Störung durchlaufen eine Achterbahn der Gefühle. In depressiven Phasen leiden sie unter sehr gedrückter Stimmung, vermindertem Antrieb und häufig auch unter Suizidgedanken. Die manischen Episoden zeichnen sich dagegen durch Rastlosigkeit, Euphorie und Größenwahn aus. Die Entstehung der Erkrankung ist vermutlich sowohl auf erbliche Komponenten als auch psychosoziale Faktoren der Umwelt zurückzuführen.
Das Gen NCAN ist wesentlich an der Ausprägung von Manien beteiligt

„Von dem Gen NCAN ist bekannt, dass es wesentlich an der bipolaren Störung beteiligt ist“, berichtet Prof. Dr. Markus M. Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn. „Allerdings war bisher der funktionelle Zusammenhang unklar.“ Wissenschaftler unter Federführung der Universität Bonn und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim haben nun in einer groß angelegten Studie gezeigt, auf welche Weise das NCAN-Gen an der Entwicklung der Manie beteiligt ist. Die Forscher werteten hierfür die genetischen Daten und die dazugehörigen Symptombeschreibungen von 1218 Patienten aus, bei denen die manischen und depressiven Anteile der bipolaren Störung unterschiedlich ausgeprägt sind.
Umfangreiche Daten von Patienten und aus Tiermodellen

Die Wissenschaftler nutzten die detaillierten klinischen Daten der Patienten und prüften mit statistischen Methoden, welche der Symptome mit dem NCAN-Gen in einem besonders engen Zusammenhang stehen. „Dabei zeigte sich, dass das NCAN-Gen sehr eng und ganz spezifisch mit den manischen Symptomen korreliert“, sagt Prof. Dr. Marcella Rietschel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Für die depressiven Episoden der bipolaren Störung ist das Gen nach der Datenlage hingegen nicht verantwortlich.
Manische Mäuse tranken hemmungslos Zuckerlösung

Ein Team um Prof. Dr. Andreas Zimmer, Leiter des Instituts für Molekulare Psychiatrie der Universität Bonn, erforschte die durch das NCAN-Gen bewirkten molekularen Ursachen. Die Forscher untersuchten Knockout-Mäuse, bei denen das Gen ausgeschaltet war. „Es hat sich gezeigt, dass diese Tiere keine depressiven Verhaltensanteile zeigen, sondern manische Symptome“, sagt Prof. Zimmer. Die Knockout-Mäuse waren zum Beispiel wesentlich aktiver als die Kontrollgruppe und zeigten eine höhere Bereitschaft, Risiken einzugehen. Außerdem neigten sie zu einem gesteigerten Belohnungsverhalten, was sich etwa im maßlosen Genuss einer Zuckerlösung zeigte, die die Forscher den Tieren anboten.

Lithium-Therapie wirkt auch bei den Mäusen gegen die Hyperaktivität

Anschließend verabreichten die Wissenschaftler den manischen Knockout-Mäusen Lithium – eine Standardtherapie bei Menschen. „Die Lithium-Gabe unterband vollständig die Hyperaktivität der Tiere“, berichtet Prof. Zimmer. Die Ergebnisse zeigen auch beim Lithium, dass die Reaktionen von Mensch und Maus das NCAN-Gen betreffend praktisch identisch sind. Von vorhergehenden Untersuchungen ist bekannt, dass es zu einer Entwicklungsstörung im Gehirn kommt, wenn das NCAN-Gen ausgeschaltet und dadurch die Bildung des Proteins „Neurocan“ unterbunden wird. „Als Konsequenz dieser molekularen Störung prägt sich später offenbar die manische Symptomatik bei den Betroffenen aus“, sagt Prof. Zimmer.

Chance für neue Therapien

Die Wissenschaftler wollen nun die molekularen Zusammenhänge dieser Störung weiter untersuchen - auch mit Blick auf neue Therapien. „Wir waren doch überrascht, wie stark die Befunde bei den Mäusen und den Patienten übereinstimmen“, sagt Prof. Nöthen „Das ist in dieser Deutlichkeit sonst nur selten der Fall.“ Aus dieser Übereinstimmung der Befunde ergibt sich nun mit Blick auf die Manie die Chance, am Mausmodell weitere molekulare Studien zu betreiben, deren Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf den Menschen übertragbar sein werden. „Das ist eine hervorragende Voraussetzung dafür, die Entwicklung neuer Medikamente zur Therapie der Manie voranzutreiben“, ist Prof. Rietschel überzeugt.
Publikation: Studies in humans and mice implicate neurocan in the etiology of mania, The American Journal of Psychiatry, DOI: 10.1176/appi.ajp.2012.11101585

Kontakt:

Prof. Dr. Andreas Zimmer
Direktor des Instituts für Molekulare Psychiatrie
Tel. 0228/6885300
E-Mail: a.zimmer@uni-bonn.de

Prof. Dr. Markus M. Nöthen
Direktor des Instituts für Humangenetik
Tel. 0228/28722347
E-Mail: markus.noethen@uni-bonn.de

Johannes Seiler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung
22.03.2017 | Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

nachricht Mit voller Kraft auf Erregerjagd
22.03.2017 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie