Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fische aus grossen Familien sind die besseren Gruppentiere

06.05.2015

Forschende aus Bern und Cambridge konnten aufzeigen, dass sowohl das soziale Verhalten wie auch die Grösse gewisser Gehirnareale einer Buntbarsch-Art von ihrem frühen sozialen Umfeld abhängt.

Für Tiere, die in Gruppen leben, sind Fähigkeiten, die soziale Interaktionen, Aggressionen und Hierarchien regulieren, überlebenswichtig. Diese Fähigkeiten müssen aber erlernt werden. Wie sie sich entwickeln und wie stark sie ausgeprägt werden, hängt unter anderem davon ab, was soziale Tiere während ihrer Jugend erleben.


Neolamprologus pulcher (Prinzessin vom Tanganjikasee) im Tanganjikasee, Zambia, Afrika.

Dario Josi, Institut für Ökologie und Evolution, Universität Bern

Zu diesen sozialen Lebewesen gehören neben dem Menschen auch einige Fische wie die Buntbarschart «Prinzessin vom Tanganjikasee» (Neolamprologus pulcher), die ein regelrechtes Familienleben pflegt. Ein Forscherteam um Prof. Dr. Barbara Taborsky von der Abteilung für Verhaltensökologie der Universität Bern und Dr. Stefan Fischer von der University of Cambridge konnte nun belegen, dass die Familiengrösse während der Jugend dieser Fische die Entwicklung ihrer sozialen Fähigkeiten beeinflusst.

Barsche aus grossen Familien reagieren demnach angepasster und deeskalierend in sozialen Interaktionen. «Sie können so vermeiden, ausgestossen oder verletzt zu werden – das ist in Gruppen ein entscheidender Vorteil», erklärt Barbara Taborsky.

«Je kleiner eine Familie, desto weniger entwickelten die Tiere soziale Fähigkeiten.» Zusätzlich konnten die beiden Wissenschaftler zeigen, dass diese Verhaltensunterschiede von Grössenänderungen in zentralen Gehirnarealen begleitet werden, ohne dass sich die gesamte Gehirngrösse verändert: So wurden die Areale Hypothalamus und Cerebellum grösser; das sogenannte Optic Tectum und die Dorsal Medulla wiederum kleiner.

Taborsky und Fischer, der früher an der Universität Bern forschte, haben Buntbarsche entweder mit drei oder mit neun erwachsenen Familienmitgliedern grossgezogen. Diese sozialen Umgebungen entsprachen Familiengrößen, wie sie bei den Tieren aus dem Tanganjikasee natürlich zu finden sind. Nach einer zweimonatigen Aufzuchtphase testete das Team, wie die Tiere mit anderen Fischen interagieren und vermass im Anschluss verschiedene Gehirnareale.

Die ganze Gruppe hilft bei der Aufzucht mit

Die untersuchte Buntbarsch-Art ist ein sogenannter kooperativer Brüter: Ein dominantes Brutpaar wird bei der Aufzucht der Larven und Jungfische von erwachsenen verwandten und nicht verwandten Gruppenmitgliedern unterstützt. «Die Fische eignen sich daher gut als Modellorganismus, um die Effekte der sozialen Früherfahrung auf das spätere Verhalten zu untersuchen», so Stefan Fischer.

Ihre hochsoziale Lebensweise benötige ein komplexes soziales Zusammenspiel: Gruppenmitglieder müssten angemessen auf Aggressionen grösserer, dominanterer Tiere und Unterwürfigkeit kleinerer Gruppenmitglieder reagieren. «Nur so entsteht eine stabile Gruppe mit wenig Aggression und lebensgefährlichen Kämpfen.»

Die Ergebnisse zeigen laut Barbara Taborsky generelle Prinzipien der Evolution von Sozialverhalten und Ökologie auf: «Unsere Studie könnte unter anderem auf einen Mechanismus hinweisen, den man ‹environmental matching› nennt.» Demnach besitzen Tiere Mechanismen, um sich früh in der Entwicklung an die Umgebung anzupassen. Dies, weil es wahrscheinlich ist, das sie ausgewachsen unter ähnlichen Umweltbedingungen überleben und sich fortpflanzen müssen.

Der Druck, hohe soziale Fähigkeiten zu besitzen, steigt mit der Anzahl der Interaktionspartner, also mit der Gruppengrösse. Erwachsene Fische, die vielen Interaktionen ausgesetzt sind, profitieren daher stärker von sozialen Fähigkeiten, als Individuen, die in kleinen Gruppen mit wenig sozialen Interaktionen leben. «Für Tiere, die in kleinen Gruppen aufwachsen und somit nicht so gute soziale Fähigkeiten aufweisen, sind diese auch vielleicht nicht so wichtig, da sie auch im Erwachsenenalter nur in kleinen Gruppen überleben müssen», erklärt Barbara Taborsky.

Quellenangabe:

Stefan Fischer, Mathilde Bessert-Nettelbeck, Alexander Kotrschal & Barbara Taborsky: Rearing group size determines social competence and brain structure in a cooperatively breeding cichlid. The American Naturalist, 2015, DOI: 10.1086/681636

Weitere Informationen:

http://www.kommunikation.unibe.ch/content/medien/medienmitteilungen/news/2015/bu...

Nathalie Matter | Universität Bern

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Evolutionsvorteil der Strandschnecke
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Mobile Goldfinger
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit