Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fehlende Impulskontrolle hindert Kinder am fairen Teilen

07.03.2012
Die späte Entwicklung des präfrontalen Kortex erklärt, wieso es Kindern so schwer fällt, egoistische Impulse zu unterdrücken

Wenn Kinder nicht fair miteinander teilen, liegt das nicht unbedingt an mangelnder Einsicht. Dass Fairness und Großzügigkeit vorteilhaft sein können, verstehen sie bereits früh. Doch wie Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften herausgefunden haben, fehlt es ihnen lange an den neuronalen Voraussetzungen, um auch entsprechend handeln zu können.


Faires Teilen im Grundschulalter ist leichter gesagt als getan: Denn Kindern mangelt es lange an den entsprechenden neuronalen Voraussetzungen, da sich eine für die Verhaltenskontrolle wichtige Hirnregion erst sehr spät voll entwickelt. © MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften

Da sich eine für die Verhaltenskontrolle wichtige Hirnregion, der präfrontale Kortex, erst sehr spät voll entwickelt, ist faires Teilen noch im Grundschulalter leicht gesagt, doch schwer getan. Das neue Wissen könnte helfen, bisherige pädagogische Strategien zur Förderung prosozialen Verhaltens von Kindern zu optimieren.

Das Aufteilen von Besitztümern ist in jeder Gemeinschaft ein essenzielles, wenn auch konfliktträchtiges Thema. Eine noch weitgehend ungeklärte Frage ist, wie und wann in der Entwicklung gerechtes Teilen gelernt wird. Wissen Kinder von einem Tag auf den anderen, was fair ist und handeln dann entsprechend? Oder werden sie einfach besser darin, egoistische Impulse zu kontrollieren?

Mithilfe der sogenannten Spieltheorie erforschen Wissenschaftler, wie Menschen sich beim Teilen strategisch verhalten. Zwei der bekanntesten Experimente aus diesem Forschungsgebiet, das Diktator- und das Ultimatumspiel, führten die Forscher Nikolaus Steinbeis, Boris Bernhardt und Tania Singer mit insgesamt 174 Schulkindern zwischen sechs und 13 Jahren durch.

Dabei erhielten die Kinder Pokerchips, die sie später gegen jeweils altersgemäße Geschenke eintauschen konnten. Zunächst aber wurden sie gebeten, die Chips anonym mit einem anderen Kind zu teilen. In der ersten Hälfte der Versuchsdurchläufe, beim Diktatorspiel, konnte der Empfänger nur passiv annehmen, was ihm gegeben wurde. Bei der anderen Hälfte, dem Ultimatumspiel, gab es dagegen ein Vetorecht: Akzeptierte der Empfänger das Angebot nicht, gingen beide Seiten leer aus. „Uns interessierte, ob die Kinder fairer teilen würden, wenn ihr Gegenüber das Angebot ablehnen konnte und inwiefern solche strategischen Anpassungen des Verhaltens von Alter und Gehirnentwicklung abhängig sind", sagt Nikolaus Steinbeis, der Erstautor der Studie.

Tatsächlich gab es zwischen den Altersgruppen große Unterschiede. Während die meisten älteren Kinder ihr Verhalten an die jeweilige Situation anpassten und beim Ultimatumspiel fairere Angebote unterbreiteten, machten die jüngeren Kinder zwischen den Situationen kaum einen Unterschied. „Das hatte aber nichts mit der Intelligenz oder einem fehlenden Verständnis von Fairness zu tun“, sagt Steinbeis. Auch andere Faktoren, wie Risikobereitschaft und soziale Kompetenz, wurden geprüft, konnten aber als Ursachen ausgeschlossen werden. Stattdessen zeigte sich eine Verbindung zwischen strategischem Handeln und der Fähigkeit zur Impulskontrolle, welches in einem weiteren Test ermittelt worden war.

Warum sich Impulse stärker kontrollieren ließen und die Kinder mit zunehmendem Alter immer strategischer agierten, offenbarte erst der Blick ins Gehirn. Dafür spielten 28 Kinder das Diktator- und das Ultimatumspiel, während sie im Magnetresonanztomografen lagen und ihre Hirnaktivität gemessen wurde. Je älter die Kinder waren, desto stärker wurde dabei der laterale präfrontale Kortex aktiv, ein Hirnareal, das unter anderem für die Kontrolle des eigenen Verhaltens benötigt wird. Außerdem hing die Stärke der Aktivität in diesem Areal mit dem Grad an strategischem Verhalten sowie der Fähigkeit zur Impulskontrolle zusammen.

„Der präfrontale Kortex ist bekannt dafür, sich erst spät in der Entwicklung voll auszubilden und funktionell zu vernetzen“, sagt Nikolaus Steinbeis. Dass Kinder selbst dann nicht fair teilen, wenn es strategisch klug wäre, ist demnach nicht auf mangelndes Verständnis zurückzuführen, sondern erklärt sich aus der späten Reifung einer Gehirnregion, die für Impulskontrolle wichtig ist.

Ansprechpartner

Dr. Nikolaus Steinbeis
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9940-2689
E-Mail: steinb@cbs.mpg.de
Peter Zekert
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9940-2404
Fax: +49 341 9940-2221
E-Mail: zekert@cbs.mpg.de
Originalpublikation
Nikolaus Steinbeis, Boris C. Bernhardt, Tania Singer
Impulse Control and Underlying Functions of the left DLPFC Mediate Age-related and Age-independent Individual Differences in Strategic Social Behaviour.

Neuron, March 8, 2012

Dr. Nikolaus Steinbeis | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/5073713/impulskontrolle_kinder_teilen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neuer Impfstoff-Kandidat gegen Malaria erfolgreich in erster klinischer Studie untersucht
25.04.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

nachricht Demographie beeinflusst Brutfürsorge bei Regenpfeifern
25.04.2018 | Max-Planck-Institut für Ornithologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Impfstoff-Kandidat gegen Malaria erfolgreich in erster klinischer Studie untersucht

25.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Erkheimer Ökohaus-Pionier eröffnet neues Musterhaus „Heimat 4.0“

25.04.2018 | Architektur Bauwesen

Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

25.04.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics