Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Blätter Stiel beweisen – Seltene Ginkgo-Fossilien beleuchten Samenentwicklung

18.11.2010
Im Paläozoikum und besonders im Mesozoikum war die Pflanzengruppe der Ginkgos weltweit verbreitet und umfasste zahlreiche Familien und Gattungen. Heute sind bis auf den als Ziergehölz beliebten Ginkgo biloba alle Vertreter ausgestorben.

Professor Thilo Fischer von der LMU München, Rainer Butzmann aus München sowie Barbara Meller von der Universität Wien und Evelyn Kustatscher vom Naturmuseum Südtirol konnten nun anhand fossiler Ginkgo-Reste einen wichtigen Schritt in der Evolution der Samenentwicklung dieser Pflanzen beleuchten:

Während Samen von heute existierenden Ginkgo biloba-Bäumen auf einem kleinen, zweifach geteilten Stiel sitzen, scheinen die Samen der fossilen Funde direkt mit den Blättern verbunden zu sein. „Das bekräftigt die seit Langem existierende Hypothese, dass die heute übliche Samenform mit Stiel entwicklungsgeschichtlich aus einem reduzierten Blatt entstanden ist“, sagt Fischer. „Dieses Ergebnis war nur möglich, weil wir vor ein paar Jahren in der Bletterbach-Schlucht in den Dolomiten die gut erhaltenen Blätter und Samen von Ginkgopflanzen bergen konnten – ein sehr seltener Fund.“ Das Projekt wurde durch das Naturmuseum Südtirol (Bozen) und den Geoparc Bletterbach gefördert. (BMC Evolutionary Biology, November 2010)

Die Bletterbach-Schlucht gehört seit 2009 – zusammen mit acht weiteren Gebirgsgruppen der Dolomiten – zum UNESCO Weltnaturerbe, was sie vor allem ihren geologischen Besonderheiten zu verdanken hat. Hier wurden durch Verwitterung und Abtragung große Mengen Gestein abgetragen, sodass nun Gesteinsschichten freiliegen, die Jahrmillionen der Erdgeschichte nachvollziehen lassen. Aufsehenerregende Fossilfunde stammen aus der Bletterbach-Schlucht, darunter auch die rund 700 Exemplare fossiler Flora, die das Team zwischen 2003 und 2009 an einem neuen, schwer zugänglichen Fundort bergen konnte.

Zentraler Bestandteil dieser Sammlung sind die gut erhaltenen Makroreste von Ginkgo-Blättern, die wohl ersten fossilen Ginkgophyten-Blätter aus den Dolomiten. Und es fand sich auch eine Besonderheit: Während Samen von heute existierenden Ginkgo biloba Bäumen auf einem kleinen, zweifach geteilten Stiel sitzen, scheinen die Samen der fossilen Funde direkt mit den Blättern verbunden zu sein. Diese Funde wurden aufwendigen Untersuchungen mit dem Licht- und Rasterelektronenmikroskop unterzogen und zeigten dabei dem heutigen Ginkgo ähnliche Strukturen.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts charakterisierten Botaniker Ginkgobäume mit einer seltenen und ungewöhnlichen Form der Samenbildung, bei der die Samen stiellos direkt mit den Blättern verwachsen sind. Heute existierende Ginkgobäume mit dieser ungewöhnlichen Variante der Samenbildung werden in Japan O-ha-tsuki („Same am Blatt“) genannt und sind dort als Nationaldenkmäler besonders geschützt und verehrt. „Einige Wissenschaftler vermuteten schon früh, dass es sich bei dem O-ha-tsuki-Phänomen um einen ursprünglicheren Zustand handeln könnte“, sagt Fischer. „Das könnte ein vielleicht durch eine Mutation verursachter Rückfall auf einen entwicklungsgeschichtlich älteren Zustand sein". „Entsprechende Hypothesen gehen davon aus, dass die heute übliche Form mit Stiel entwicklungsgeschichtlich aus einem reduzierten Blatt entstanden ist. Der Fund in der Bletterbach-Schlucht unterstützt diese seit Langem existierende Hypothese.“

Publikation:
„Permian Ginkgophyte fossils from the Dolomites resemble extant O-ha-tsuki aberrant leaf-like fructifications of Ginkgo biloba L.“,
BMC Evolutionary Biology 2010, 10:337,
doi:10.1186/1471-2148-10-337
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Thilo Fischer
Lehrstuhl Biochemie und Physiologie der Pflanzen
Tel.: 089 / 2180 – 74754
Fax: 089 / 2180 – 74752
E-Mail: thilo.fischer@biologie.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Kupferhydroxid-Nanopartikel schützen vor toxischen Sauerstoffradikalen im Zigarettenrauch
30.03.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung
30.03.2017 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE