Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Beutefang: Das große Krabbeln

26.08.2008
Insekten verraten sich nächtlichen Jägern durch ihre Laufgeräusche

Bei Nacht sind alle Katzen grau - beziehungsweise gar nicht sichtbar. Tiere, die dann auf Beutefang gehen, setzen daher eher auf andere Sinne - zum Beispiel auf ihr Gehör. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen haben nun herausgefunden, wie sich Insekten und Spinnentiere durch ihre Fortbewegung lauschenden Jägern verraten. Je nach dem auf welchem Untergrund und mit welcher Geschwindigkeit sie sich bewegen, sind sie nämlich mehr oder weniger gut und weit wahrnehmbar (Journal of Experimental Biology, 22. August 2008).


Fledermäuse orten Insekten auch akustisch aufgrund ihrer Krabbelgeräusche. Bild: Dietmar Nill/Leonie Baier

Es fing an mit Weberknechten, die auf dem Speiseplan einiger europäischen Fledermausarten stehen. Denn diese lang- und dünnbeinigen Spinnentiere leben auf Wald- und Wiesenboden, was es wiederum den Fledermäusen erschwert, sie bei ihrer Futtersuche zu orten.

"Mit Ultraschalllauten können Fledermäuse vor allem fliegende Beutetiere orten. Bewegt sich das Beutetier zu nahe am oder gar auf einem Untergrund, so überlappt sich das Bodenecho mit dem der Beute", erklärt Björn Siemers, Leiter der Nachwuchsgruppe Sinnesökologie am Max-Planck-Institut für Ornithologie. Und dann wird es für die echoortende Fledermaus sehr schwierig, die Beute zu erkennen. Viele Fledermäuse, aber auch andere nächtliche Jäger wie Eulen oder einige Affenarten in Madagaskar, hören daher auf Geräusche, die von der krabbelnden Beute selbst ausgehen. Aber wie gut hört man einen leichtfüßigen Weberknecht oder einen raschelnden Käfer?

Siemers und zwei seiner Studenten wollten herausfinden, welchen Einfluss der Untergrund auf die Geräusche hat, die beim Laufen der Insekten entstehen. Dazu haben sie die Geräusche von Laufkäfern ähnlicher Größe verglichen, wenn sie über natürliche Substrate wie Buchenlaubstreu, eine frisch gemähte Wiese oder umgepflügten Boden krabbeln. Die Aufnahmen entstanden in einem schallisolierten Raum an der Universität Tübingen; jeweils einen Viertel Quadtratmeter Buchenwald-, Wiesen- und Ackerboden hatten die Wissenschaftler dafür mitgebracht. "Am lautesten sind die Laufgeräusche, wenn die Käfer über Laub gehen - ganz leise wird es, wenn sie über nackte Erde laufen", fasst Siemers die Ergebnisse zusammen. Und: Mit zunehmendem Lauftempo nimmt die Lautstärke zu.

Da es nachts in den hiesigen Breiten oft feucht ist, haben die Forscher den jeweiligen Untergrund mit einem Pflanzensprüher befeuchtet und ihre Versuche wiederholt. Interessanterweise nimmt danach auf allen Substraten die Lautstärke der Laufgeräusche um rund die Hälfte ab. Denn: Das Laub wird weich und knistert nicht mehr, Bodenpartikel kleben zusammen und werden von den Insektenbeinen nicht mehr in Bewegung gesetzt, und auch auf nassem Gras laufen die Insekten leiser.

In den Tropen sieht die Situation etwas anders aus: Hier ist der nächtliche Geräuschpegel deutlich höher als bei uns - vor allem Grillen oder Zikaden machen viel Lärm, der den nächtlichen Jägern die Beutesuche erschwert. Doch auch in Madagaskar - dort haben die Forscher ihre Versuche auf Blätterstreu, Rinde und Sand wiederholt - sind die Insekten auf Laub mit Abstand am lautesten - nur die Reichweite der Geräusche nimmt im Vergleich zu den gemäßigten Breiten ab: "Durch die Hintergrundgeräusche können die Jäger die raschelnde Beute dort viel weniger weit wahrnehmen als in den gemäßigten Breiten", erklärt der Verhaltensökologe.

Auf die Lautstärke der Laufgeräusche nimmt übrigens auch die Größe eines Insekts Einfluss: Je größer das Insekt, desto lauter sind die Laufgeräusche - auch das ein Ergebnis aus den Untersuchungen in Madagaskar. Dabei nimmt die Lautstärke bei größeren Insekten auf Laub stärker zu als auf Sand; geringfügig größere Insekten sind also auf Laub überproportional lauter. Nach Berechnungen der Max-Planck-Forscher kann ein Käfer, der über trockene Blätter krabbelt, trotz der Abschwächung der Geräusche mit zunehmender Entfernung noch acht Mal so weit gehört werden wie einer, der über trockenen Boden läuft. Und wenn die Fledermaus den Untergrund kennt, auf dem das gehörte Insekt läuft, kann sie sogar wahrscheinlich seine Größe abschätzen. "Das ist eine wichtige Information, um zu entscheiden, ob die Jagd nach dem Snack einen Versuch wert ist oder nicht", sagt Siemers.

Originalveröffentlichung:

Holger R. Goerlitz, Stefan Greif und Björn M. Siemers
Cues for acoustic detection of prey:
Insect rustling sounds and the influence of walking substrate
Journal of Experimental Biology. 22. August 2008

Dr. Christina Beck | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Diabetesforschung: Neuer Mechanismus zur Regulation des Insulin-Stoffwechsels gefunden
06.12.2016 | Universität Osnabrück

nachricht Was nach der Befruchtung im Zellkern passiert
06.12.2016 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bund fördert Entwicklung sicherer Schnellladetechnik für Hochleistungsbatterien mit 2,5 Millionen

06.12.2016 | Förderungen Preise

Innovationen für eine nachhaltige Forstwirtschaft

06.12.2016 | Agrar- Forstwissenschaften

Diabetesforschung: Neuer Mechanismus zur Regulation des Insulin-Stoffwechsels gefunden

06.12.2016 | Biowissenschaften Chemie