Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kanadische Wissenschaftler entdecken Depressions-Gen

10.07.2006
Kanadische Wissenschaftler haben ein Gen entdeckt, dessen Mutationen Menschen anfällig für schwere Depressionen machen kann. Auf dem Forum of European Neuroscience Societies in Wien, bezeichnete Professor Nicholas Barden vom Centre Hospitalier Université Laval (CHUL), Quebec, Kanada, am 9. Juli die Entdeckung des Gens P2RX7 als einen großen Durchbruch für die Psychiatrie. Sie werden erhebliche Auswirkungen für die Diagnose und die Entwicklung neuer anti-depressiver Therapien haben.

Seit einigen Jahren ist bekannt, dass genetische Faktoren bei Depressionen und so genannten bipolaren Erkrankungen oder manischen Depressionen eine Rolle spielen. Doch die dahinterliegenden komplexen molekularen Netzwerke sind nach wie vor unbekannt. "Das Gen P2RX7 löst sowohl bei Tieren als auch beim Menschen Depressionen aus. Es hat viele Jahre gedauert, bis es entdeckt werden konnte", sagte der Neurowissenschaftler. Die Entdeckung dieses Gens ist für die Entschlüsselung der molekularen Signalwege, die bei Depressionen eine Rolle spielen, von großer Bedeutung. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Professor Barden sind in der Maiausgabe 2006 des American Journal of Medical Genetics * veröffentlicht worden.

Etwa 5 - 12 Prozent Männer und 10 - 25 Prozent Frauen machen mindestens einmal im Leben eine schwere Depression durch. Menschen mit bipolaren Erkrankungen unterliegen sehr starken Stimmungsschwankungen. Schätzungen zufolge, kostet die Behandlung von Depressionen pro Jahr mehrere Milliarden Dollar. Wissenschaftler gehen davon aus, dass ab 2020 Depressionen an erster Stelle der Krankheitsbelastungen in ökonomisch entwickelten Ländern stehen werden.

Bis vor kurzem nahmen Wissenschaftler an, dass das so genannte Serotonin-System im Gehirn an der Entwicklung von Depressionen entscheidend beteiligt ist. Das Hormon Serotonin kann Stimmungen und Gefühle beeinflussen. "Besonders bemerkenswert allerdings ist, dass das Gen P2RX7 überhaupt nichts mit Serotonin zu tun hat", betonte Professor Barden. Medikamente, die die Produktion von Serotonin erhöhen, können sehr effiziente Stimmungsaufheller sein, aber es dauert Wochen, bis sie wirken. Die Tatsache, dass P2RX7 nichts mit Serotonin zu tun hat, könnte zum Teil eine Erklärung dafür sein.

Untersuchungen in Tieren haben außerdem gezeigt, dass das Gen in den Regionen des Gehirns aktiv ist, die mit Depressionen in Verbindung gebracht werden. So konnten Mäuse, deren Verhalten Depressionen ähnelte, erfolgreich mit Substanzen behandelt werden, die das Gen P2RX7 aktivierten.

P2RX7 spielt auch bei der Reaktion des Gehirns auf Entzündungen eine Rolle, was von einer Reihe neuropsychiatrischer Erkrankungen bekannt ist. Weiter zeigte sich, dass Stresshormone die Aktivität dieses Gens reduzieren, woraus die Wissenschaftler schließen, dass starker Stress möglicherweise einen Mechanismus triggert, der schwere Depressionen zur Folge hat.

Doch nicht jeder Träger des mutierten Gens entwickelt notwendigerweise eine Depression. Es komme auch auf weitere Faktoren an. "Wir wissen bisher nicht, wie P2RX7 funktioniert. Wir gehen aber davon aus, dass eine Vielzahl weiterer Gene den gleichen Signalweg benutzen, über den möglicherweise Depressionen ausgelöst werden", sagte Professor Barden.

Die Identifizierung von P2RX7 bedeutet allerdings, dass dieses Gen in Zukunft direkt als Angriffsspunkt für eine Therapie gegen Depressionen genutzt werden kann. Die Anti-Depressiva, die derzeit das Serotonin-System im Visier haben, umgehen quasi das P2RX7-Gen. Tierversuche zeigen, dass Substanzen, die das P2RX7 Gen aktivieren, ihre antidepressive Wirkung sofort entfalten. "Wir hoffen, dass in Zukunft neue Anti-Depressiva mit einem neuen Wirkmechanismus entwickelt werden können".

ABSTRACT SO6.4
Notes to Editors Das Forum 2006 der Federation of European Neuroscience Societies (FENS) wird veranstaltet von der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften und der Deutschen Neurowissenschaftlichen Gesellschaft. An der Tagung nehmen über 5000 Neurowissenschaftler teil. Die FENS wurde 1998 gegründet mit dem Ziel, Forschung und Ausbildung in den Neurowissenschaften zu fördern sowie die Neurowissenschaften gegenüber der Europäischen Kommission und anderen Drittmittelgebern zu vertreten. FENS ist der Europäische Partner der Amerikanischen Gesellschaft für Neurowissenschaften (American Society for Neuroscience). Die FENS vertritt eine große Zahl europäischer neurowissenschaftlicher Gesellschaften und hat rund 16 000 Mitglieder.
*Published online in May 2006 American Journal of Medical Genetics Part B: Neuropsychiatric Genetics Volume 141B, Issue 4, 2006. Pages 374-382 http://www3.interscience.wiley.com/cgi- Copyright © 2006 Wiley-Liss, Inc.bin/fulltext/112605165/HTMLSTART. Analysis of single nucleotide polymorphisms in genes in the chromosome 12Q24.31 region points to P2RX7 as a susceptibility gene to bipolar affective disorder

Nicholas Barden et al,

Pressestelle während der Tagung:
Austria Center Wien
Raum U 557
Tel.: ++43-(0)1-26069-2025
8. - 12. Juli 2006
Nach der Tagung:
Österreich, Schweiz, Deutschland
Barbara Ritzert
ProScience Communications
Andechser Weg 17, D-82343 Pöcking
Tel.: ++49-(0)8157-9397-0
Fax: ++49-(0)8157-9397-97
ritzert@proscience-com.de

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org
http://fens2006.neurosciences.asso.fr

Weitere Berichte zu: Depression Gen Neurowissenschaft P2RX7 Serotonin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Nesseltiere steuern Bakterien fern
21.09.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Die Immunabwehr gegen Pilzinfektionen ausrichten
21.09.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften