Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Empfehlungen der DFG zur Forschung mit menschlichen Stammzellen

04.05.2001


Stufenplan zur Standardisierung und internationalen Kooperation - Forschung an "überzähligen" Embryonen unter strengen Auflagen

Der Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat heute die neue Stellungnahme der DFG zur Forschung mit menschlichen Stammzellen abschließend diskutiert und verabschiedet. Die beiden vergangenen Jahre seit dem letzten Bericht der DFG vom März 1999 zu diesem Thema haben große Fortschritte in der Stammzellforschung gebracht. Die DFG ist der Ansicht, dass die Wissenschaft jetzt einen Stand erreicht hat, der sowohl potenzielle Patienten als auch Wissenschaftler in Deutschland nicht mehr von diesen Entwicklungen ausschließen sollte.

Vor diesem Hintergrund legt die DFG jetzt einen Stufenplan zur Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen vor. Sie spricht sich dafür aus, zunächst die existierenden Möglichkeiten wie den Import von Stammzelllinien zu nutzen und an einer internationalen Standardisierung für die Herstellung und die Nutzung humaner embryonaler Stammzellen mitzuarbeiten, die Wissenschaftlern in Deutschland eine Beteiligung an der internationalen Forschung mit embryonalen Stammzellen ermöglichen würde. Möglicherweise erübrigen sich damit weitergehende Schritte wie eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes.

Die DFG ist unverändert der Ansicht, dass die Verwendung von gewebespezifischen (adulten) Stammzellen als Alternative zu menschlichen embryonalen Stammzellen in allen Überlegungen Vorrang haben muss.

Der Import von embryonalen Stammzellen fällt nicht unter das Embryonenschutzgesetz, da diese nicht mehr totipotent, sondern nur mehr pluripotent sind. Nach Ansicht der DFG gibt es keine Rechtfertigung dafür, die Forschung mit legal im Ausland hergestellten embryonalen Stammzellen grundsätzlich auszuschließen. Die DFG spricht sich dafür aus, die bestehende rechtliche Zulässigkeit des Imports menschlicher embryonaler Stammzellen nicht einzuschränken. Allerdings sollen nach Auffassung der DFG nur Stammzellen importiert werden dürfen, die aus so
genannten "überzähligen" Embryonen gewonnen wurden.

Der bloße Import von embryonalen Stammzellen erscheint der DFG jedoch nicht ausreichend. Er erlaubt deutschen Wissenschaftlern keinerlei Einfluss auf die Herstellung embryonaler Stammzelllinien und setzt sie unvertretbaren Abhängigkeiten aus, sofern diese Linien aus rein kommerziellen Quellen stammen.

Ein stärkeres Engagement von Wissenschaftlern in Deutschland an der Forschung mit menschlichen Stammzellen ist daher in folgenden Schritten vorstellbar:

In einem ersten Schritt könnte mit Förderung durch die DFG eine institutionelle internationale Zusammenarbeit entwickelt werden, deren Aufgabe es ist, die Anforderungen an die notwendigen Zelllinien zu formulieren, diese zu standardisieren und für ihre Etablierung in der wissenschaftlichen Praxis Sorge zu tragen. Diese Aktivität bedürfte nach Meinung der DFG keiner Änderung des Embryonenschutzgesetzes und könnte unter Nutzung der bereits etablierten Zelllinien eine Beteiligung von Wissenschaftlern in Deutschland an der internationalen Forschung mit embryonalen Stammzellen ermöglichen.

Als zweiten Schritt, falls erforderlich, schlägt die DFG dem Gesetzgeber vor, in Überlegungen einzutreten, Wissenschaftlern in Deutschland die Möglichkeit zu eröffnen, aktiv an der Gewinnung von menschlichen embryonalen Stammzelllinien zu arbeiten. Eine solche Möglichkeit darf sich allerdings ausschließlich auf Embryonen beziehen, die für eine künstliche Befruchtung hergestellt wurden, aber für diese nicht mehr eingesetzt werden können.

Die DFG hält es allerdings für unabdingbar, dass eine etwaige Herstellung von embryonalen Stammzellen, wie auch das Arbeiten mit Stammzelllinien in jedem einzelnen Fall nur unter streng kontrollierten Bedingungen möglich sein darf. So soll die Feststellung der ethischen Vertretbarkeit der Gewinnung von und der Forschung an embryonalen Stammzellen in jedem Einzelfall durch eine unabhängige, pluralistisch zusammengesetzte Kommission auf Bundesebene erfolgen. Vorgeschlagen wird damit ein Verfahren, das bereits im Zusammenhang mit dem Gentechnikgesetz eingeführt wurde, zur Zentralen Kommission für die biologische Sicherheit (ZKBS) geführt und sich in Fragen der Gentechnik-Sicherheit bewährt hat.

Die Freigabe der Herstellung embryonaler Stammzellen aus "überzähligen" Embryonen sollte zunächst nur auf fünf Jahre befristet erfolgen.

Die Herstellung von Embryonen ausschließlich zu Forschungszwecken (Dolly-Verfahren) lehnt die DFG ab. Sowohl das reproduktive als auch das therapeutische Klonen über Kerntransplantation in entkernte menschliche Eizellen hält die DFG weder für naturwissenschaftlich begründbar noch ethisch zu verantworten. Sie steht auf dem Standpunkt, dass es beim Menschen keine irgendwie geartete Rechtfertigung für Keimbahnintervention sowie für die Herstellung von Chimären oder Hybriden geben kann.

Die DFG ist sich - auch vor dem Hintergrund der jüngsten deutschen Geschichte - der Problematik bewusst, einerseits frühes menschliches Leben zu Forschungszwecken zwar nicht explizit herzustellen, aber doch zu verwenden. Sie ist jedoch davon überzeugt, dass die anliegenden Empfehlungen einerseits unserem Verfassungsverständnis und Rechtsempfinden, andererseits aber auch einem Menschenbild entsprechen, das der wissenschaftlichen Forschung wie auch den berechtigten Interessen kranker Menschen gerecht wird.

Der vollständige Text der Empfehlungen liegt an. Die Kapitel zum naturwissenschaftlichen, juristischen und ethischen Hintergrund können im Internet unter http://www.dfg.de/aktuell/stellungnahmen/empfehlungen_stammzellen_hintergrund_03_05_01.pdf abgerufen oder in gedruckter Fassung im Pressereferat der DFG angefordert werden.

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Dr. Eva-Maria Streier | idw

Weitere Berichte zu: Embryo Embryonenschutzgesetz Stammzelle Stammzelllinien

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden neue Ansätze gegen Wirkstoffresistenzen in der Tumortherapie
15.12.2017 | Universität Leipzig

nachricht Moos verdoppelte mehrmals sein Genom
15.12.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik