Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auch Affen können in Gesichtern lesen

27.06.2003


Tübinger Max-Planck-Forscher weisen nach, dass Rhesus-Affen bestimmte Laute und Gesichtsausdrücke in Verbindung bringen können / Möglicher evolutionärer Vorläufer der menschlichen Sprachwahrnehmung


Abb.: Rhesus-Affen verfügen über ein großes Repertoire an Lauten und Gesichtsausdrücken.

Foto: Cory T. Miller



Die Fähigkeit, Mimik zu interpretieren, ist eine Voraussetzung, um Sprache zu verstehen, und geht in der Evolution der Sprachentwicklung voraus. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen haben jetzt nachgewiesen, dass nicht nur Menschen, sondern auch Rhesusaffen in der Lage sind, Mimik und Lautäußerungen ihrer Artgenossen als eine Einheit zu verstehen (Nature, 26. Juli 2003). Asif Ghazanfar und Nikos Logothetis gehen davon aus, dass es sich bei dieser Fähigkeit der Affen um eine evolutionäre Vorform der menschlichen Sprachwahrnehmung handelt.

... mehr zu:
»Affe »Asif »Mimik »Rhesusaffen »Wahrnehmung


Die artspezifischen Lautäußerungen von Affen sind von entscheidender Bedeutung für ihre sozialen Interaktionen, ihren Reproduktionserfolg und für ihr Überleben. Die Tiere erzeugen ihre Laute dabei häufig in Verbindung mit ganz bestimmten Körperhaltungen und Gesichtsausdrücken. Bei den meisten Primatenarten wie auch beim Menschen sind diese verschiedenartigen Signale sehr komplex, was sich am deutlichsten an der menschlichen Sprache illustrieren lässt. Denn bei unserer Wahrnehmung spielt die Kombination gehörter und gesehener Signale eine wichtige Rolle: So macht es einen großen Unterschied, ob ein Mensch beim Sprechen beispielsweise lächelt oder uns grimmig anschaut. Ob jedoch Tiere ebenfalls in der Lage sind, Laute und Mimik ihrer eigenen Spezies als eine Einheit wahrzunehmen, war bisher nicht bekannt. Vielmehr nahm man an, dass nur der Mensch über diese Fähigkeit verfüge. Andere Tiere wurden deshalb einfach nicht getestet.

Dr. Asif Ghazanfar und Prof. Nikos Logothetis vom Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik haben nun untersucht, ob Rhesusaffen (Macaca mulatta), eine Spezies mit einem komplexen Repertoire an mimischen und stimmlichen Ausdrucksformen, fähig sind, die Zusammengehörigkeit von auditiven und visuellen Signalen ihrer Kommunikation zu erkennen. Dazu führten sie insgesamt 11 Affen zwei Videos synchron nebeneinander vor, die jeweils den gleichen Affen, aber mit einer ganz anderen mimischen Artikulation zeigten: Drohrufe (threat calls) auf dem oder Gurr-Rufe (coo calls) auf dem anderen Bildschirm. Gleichzeitig hörten die Affen über mehrere Lautsprecher, die über und zwischen den beiden Video-Bildschirmen angebracht waren, eine Lautäußerung, die nur zu einem der beiden Videos passte. Den meisten Affen (65 Prozent) fiel sofort auf, ob der Laut zu einem Gesichtsausdruck passte oder nicht. Sie schauten dann sofort auf den Bildschirm, der die richtige die zu den Lauten gehörende - Mimik zeigte.

Die Versuche in Tübingen zeigen, dass Rhesusaffen eine natürliche Veranlagung besitzen, Laute mit den passenden Gesichtsausdrücken ihrer Artgenossen in Zusammenhang zu bringen. Asif Ghazanfar geht deshalb davon aus, dass es sich bei dieser Fähigkeit der Affen um einen evolutionärer Vorläufer für die komplexe Sprachwahrnehmung beim Menschen handeln könnte. Frühere Verhaltensstudien über vernetzte Wahrnehmungen bei Affen hatten sich ausschließlich auf den Zusammenhang zwischen visuellen und taktilen Reizen konzentriert. Die neuen Resultate korrespondieren eng mit Befunden, die für gleichartige Tests mit Kleinkindern vorliegen. Babys können Stimmen und Mimik bereits im Alter von zwei Monaten miteinander verbinden lange bevor sie Sprechen gelernt haben. Die Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass wir diesen Trick von unseren tierischen Vorfahren geerbt haben könnten. Darüber hinaus ist den Tübinger Wissenschaftlern damit erstmals der Beweis gelungen, dass komplexe Wahrnehmungen von Mimik und Lautäußerungen auch im Tierreich auftreten.

Es zeigt sich also, dass die Erforschung der Wahrnehmung sowie der Verwendung von Mimik und Lautäußerungen bei Affen zu wichtigen Einsichten in die Neurobiologie der Sprache führen kann. Aus Untersuchungen am Menschen ist bereits bekannt, dass der temporale Cortex bei der Integration verschiedener Kommunikationsformen im Gehirn eine wichtige Rolle spielt. Die Max-Planck-Wissenschaftler wollen sich nun der Frage zuwenden, welche Neuronen und -ensemble im Primatengehirn daran beteiligt sind, wenn die unterschiedlichen Wahrnehmungen miteinander vernetzt werden und wie dieser Zusammenhang kodiert wird. Konkret geht es ihnen darum, auch herauszufinden, welche sensorischen Reize nötig sind, um bei Rhesusaffen die Verarbeitung von Lauten und Gesichtausdrücken als Einheit auszulösen und welche Gehirnmechanismen dieser multisensorischen Vernetzung zugrunde liegen. Die Frage ist auch: Gibt es übereinstimmende Bereiche im menschlichen und nicht-menschlichen Primatengehirn? Durch die Möglichkeit, die lautlichen und visuellen Komponenten der Wahrnehmung bei Rhesusaffen manipulieren und synthetisieren zu können sowie durch neurophysiologische Studien und die Methodik der bildgebenden Verfahren wollen die Forscher damit der Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung der menschlichen Sprache weiter nachgehen.

Originalveröffentlichung:
Ghazanfar, A. A. & Logothetis, N. N.
Facial expressions linked to monkey calls
Nature, 423, 937 938, 26. Juni 2003


Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Asif Ghazanfar
Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, Tübingen
Tel.: 07071 601 - 654
Fax.: 07071 601 - 652
E-Mail: asifg@tuebingen.mpg.de

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.maxplanck.de/instituteProjekteEinrichtungen/institutsauswahl/biologische_kybernetik/index.html
http://www.maxplanck.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2003/pressemitteilung20030627/index.html

Weitere Berichte zu: Affe Asif Mimik Rhesusaffen Wahrnehmung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Vom künstlichen Hüftgelenk bis zum Fahrradsattel
21.02.2018 | Frankfurt University of Applied Sciences

nachricht Der „heilige Gral“ der Peptidchemie: Neue Strategie macht Peptid-Wirkstoffe oral verfügbar
21.02.2018 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Eva Luise Köhler Forschungspreis für Seltene Erkrankungen 2018 für Tübinger Neurowissenschaftler

21.02.2018 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics