Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Trickreiche Tumorviren: Epstein-Barr Viren verändern die Eigenschaften eines Signalproteins ihrer Wirtszellen

15.01.2008
Viren versuchen mit zahlreichen Tricks, Gewalt über ihre Wirtszellen zu gewinnen und sie zu ihrem eigenen Vorteil umzuprogrammieren. Dr. Arnd Kieser und seine Mitarbeiter in der Abteilung Genvektoren des Helmholtz Zentrums München konnten nun in einer aktuellen Publikation in PloS Biology zeigen, wie es Epstein-Barr Viren gelingt, ein Signalprotein ihrer Wirtszellen, das normalerweise den programmierten Zelltod - die Apoptose - vermittelt, zur Vermehrung der Zellen auszunutzen.

Epstein-Barr Viren, kurz EBV, sind humanpathogene Erreger aus der Familie der Herpesviren. Fast jeder Erwachsene trägt EBV in sich; mit einer Durchseuchungsrate von über 90 Prozent zählt EBV zu den erfolgreichsten Viren überhaupt. Sie besitzen doppelsträngige DNA als Erbmaterial und gehören zu den wenigen bisher bekannten Viren, die beim Menschen unter bestimmten Bedingungen Krebs auslösen können. Hierzu gehören Lymphome, also Lymphknotenkrebs, aber auch Karzinome des Nasen-Rachenraums und Magenkrebs.

Ein durch das Virus kodiertes Protein, das latent membrane protein 1, kurz LMP1, wird für die unkontrollierte Vermehrung der EBV-infizierten Zellen und damit die Entstehung von Krebs benötigt. Arnd Kieser und sein Team untersuchen im Detail die molekulare Wirkungsweise dieses EBV-Proteins. LMP1 ist ein membranständiges Onkoprotein, das bestimmte Signalmoleküle der Wirtszellen bindet und so zur Transformation der Zellen beiträgt. Eines dieser Signalproteine ist der Faktor TRADD. TRADD steht für TNF-receptor 1-associated death domain protein.

Die Wissenschaftler konnten mit eigens dafür hergestellten TRADD-Knockout-Zelllinien, bei denen beide Allele des Gens aus dem Genom menschlicher B-Zellen entfernt worden waren, zeigen, dass TRADD ein essentieller Faktor für LMP1 ist: Ohne TRADD kann LMP1 einen für die Zelltransformation wichtigen Signalweg nicht mehr aktivieren. Allerdings induziert TRADD normalerweise auch Apoptose, den programmierten Zelltod. Dies ist jedoch für die Epstein-Barr Viren kontraproduktiv, da sie ja selbst vom Tod ihrer Wirtszellen nachteilig betroffen wären. Und tatsächlich beobachteten die Wissenschaftler, dass TRADD, das durch virales LMP1-Protein aktiviert wurde, erstaunlicherweise keine Apoptose mehr induziert.

... mehr zu:
»Protein »Signalprotein »TRADD »Virus »Wirtszelle

Aber wie gelingt es den Epstein-Barr Viren, speziell die Apoptose-Funktion von TRADD auszuschalten? Kieser und Mitarbeiter entdeckten, dass das virale LMP1-Protein eine einzigartige Bindungsdomäne besitzt, die an das zelluläre TRADD-Protein bindet und dessen Struktur so verändert, dass das Apoptose-Signal nicht mehr übermittelt werden kann - LMP1 maskiert also die Apoptose-Aktivität von TRADD. Diese TRADD-Bindungsdomäne wird von den 16 carboxyterminalen Aminosäuren des LMP1-Proteins gebildet und kann auch auf zelluläre Rezeptorproteine übertragen werden, wo sie den gleichen Effekt zeigt.

Epstein-Barr Viren haben in ihrer Entwicklung also eine Möglichkeit gefunden, eine unerwünschte Eigenschaft eines ansonsten für sie notwendigen zellulären Proteins gezielt auszuschalten und damit dieses Protein ihren eigenen Bedürfnisse anzupassen. Dies bietet aber auch die Chance für einen therapeutischen Ansatz. Dazu Arnd Kieser: "Da die spezielle Struktur der LMP-TRADD-Interaktion wahrscheinlich nur in EBV-infizierten Zellen vorkommt, könnte sie eventuell eine Zielstruktur zur Entwicklung von spezifischen Inhibitoren darstellen, die die transformierende Signalkette des LMP1-Onkogens unterbrechen."

Veröffentlichung:

Schneider, F., Neugebauer, J., Griese, J., Liefold, N., Kutz, H., Briseño, C., Kieser, A. (2008) The Viral Oncoprotein LMP1 Exploits TRADD for Signaling by Masking Its Apoptotic Activity. PLoS Biology January 2008, Vol. 6, Issue 1, online: http://www.plosbiology.org

Ansprechpartner:

Dr. Arnd Kieser
Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Abteilung Genvektoren
Marchioninistraße 25, D-81377 München
Tel.: 089-7099-535 / 514
E-Mail: a.kieser@helmholtz-muenchen.de
Kontakt zur Pressestelle
Heinz-Jörg Haury
Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Abteilung Komunikation
Tel.: 089-3187-2460
E-Mail: presse@helmholtz-muenchen.de

Michael van den Heuvel | idw
Weitere Informationen:
http://www.plosbiology.org
http://www.helmholtz-muenchen.de

Weitere Berichte zu: Protein Signalprotein TRADD Virus Wirtszelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Was läuft schief beim Noonan-Syndrom? – Grundlagen der neuronalen Fehlfunktion entdeckt
16.10.2017 | Leibniz-Institut für Neurobiologie

nachricht Keimfreie Bruteier: Neue Alternative zum gängigen Formaldehyd
16.10.2017 | Technische Universität Graz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Im Focus: Smart sensors for efficient processes

Material defects in end products can quickly result in failures in many areas of industry, and have a massive impact on the safe use of their products. This is why, in the field of quality assurance, intelligent, nondestructive sensor systems play a key role. They allow testing components and parts in a rapid and cost-efficient manner without destroying the actual product or changing its surface. Experts from the Fraunhofer IZFP in Saarbrücken will be presenting two exhibits at the Blechexpo in Stuttgart from 7–10 November 2017 that allow fast, reliable, and automated characterization of materials and detection of defects (Hall 5, Booth 5306).

When quality testing uses time-consuming destructive test methods, it can result in enormous costs due to damaging or destroying the products. And given that...

Im Focus: Cold molecules on collision course

Using a new cooling technique MPQ scientists succeed at observing collisions in a dense beam of cold and slow dipolar molecules.

How do chemical reactions proceed at extremely low temperatures? The answer requires the investigation of molecular samples that are cold, dense, and slow at...

Im Focus: Kalte Moleküle auf Kollisionskurs

Mit einer neuen Kühlmethode gelingt Wissenschaftlern am MPQ die Beobachtung von Stößen in einem dichten Strahl aus kalten und langsamen dipolaren Molekülen.

Wie verlaufen chemische Reaktionen bei extrem tiefen Temperaturen? Um diese Frage zu beantworten, benötigt man molekulare Proben, die gleichzeitig kalt, dicht...

Im Focus: Astronomen entdecken ungewöhnliche spindelförmige Galaxien

Galaxien als majestätische, rotierende Sternscheiben? Nicht bei den spindelförmigen Galaxien, die von Athanasia Tsatsi (Max-Planck-Institut für Astronomie) und ihren Kollegen untersucht wurden. Mit Hilfe der CALIFA-Umfrage fanden die Astronomen heraus, dass diese schlanken Galaxien, die sich um ihre Längsachse drehen, weitaus häufiger sind als bisher angenommen. Mit den neuen Daten konnten die Astronomen außerdem ein Modell dafür entwickeln, wie die spindelförmigen Galaxien aus einer speziellen Art von Verschmelzung zweier Spiralgalaxien entstehen. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Astronomy & Astrophysics veröffentlicht.

Wenn die meisten Menschen an Galaxien denken, dürften sie an majestätische Spiralgalaxien wie die unserer Heimatgalaxie denken, der Milchstraße: Milliarden von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

bionection 2017 erstmals in Thüringen: Biotech-Spitzenforschung trifft in Jena auf Weltmarktführer

13.10.2017 | Veranstaltungen

Tagung „Energieeffiziente Abluftreinigung“ zeigt, wie man durch Luftreinhaltemaßnahmen profitieren kann

13.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

ESO-Teleskope beobachten erstes Licht einer Gravitationswellen-Quelle

16.10.2017 | Physik Astronomie

Was läuft schief beim Noonan-Syndrom? – Grundlagen der neuronalen Fehlfunktion entdeckt

16.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Gewebe mit Hilfe von Stammzellen regenerieren

16.10.2017 | Förderungen Preise