Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bakterium Yersinia pestis eindeutig als Ursache der großen Pestepidemie des Mittelalters identifiziert

08.10.2010
Der "Schwarze Tod" wurde durch zumindest zwei bisher unbekannte Varianten von Yersinia pestis hervorgerufen

Anthropologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) belegen anhand neuester Untersuchungen, dass tatsächlich das Bakterium Yersinia pestis im Mittelalter den "Schwarzen Tod" über Europa gebracht hat.

Der Ursprung der Epidemie war bisher rätselhaft und es wurde immer wieder über andere Erreger als mögliche Ursache, insbesondere für den nordeuropäischen Raum, spekuliert. Wie das internationale Team um die Mainzer Wissenschaftlerinnen anhand von DNA- und Proteinanalysen an Pestskeletten eindeutig zeigt, ist Yersinia pestis für den Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert und die folgenden, während 400 Jahren immer wieder aufflammenden Epidemien auf dem europäischen Kontinent verantwortlich.

Die Untersuchung alter Erbsubstanz aus Massengräbern in fünf Ländern zeigt außerdem, dass zumindest zwei Varianten von Yersinia pestis, die beide bisher unbekannt waren, als Krankheitserreger aufgetreten sind. "Unsere Befunde lassen vermuten, dass die Pest über mindestens zwei Kanäle nach Europa eingeschleppt wurde und dann jeweils eine individuelle Route genommen hat", sagt Dr. Barbara Bramanti vom Institut für Anthropologie. Die Arbeiten, veröffentlicht in dem Wissenschaftsjournal PLoS Pathogens, liefern nun einen Ansatz, um die Infektionswege dieser Krankheit im Detail historisch zu rekonstruieren.

Barbara Bramanti forscht seit einigen Jahren im Rahmen eines DFG-Projekts über die großen Seuchen, die in Europa grassierten und ihre möglichen Selektionskonsequenzen. Für die jetzt veröffentlichte Arbeit wurden 76 menschliche Skelette aus mutmaßlichen Pestgruben aus England, Frankreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden untersucht. Während andere Erkrankungen wie beispielsweise Lepra an deformierten Knochen auch lange Zeit nach dem Tod gut erkannt werden können, besteht das Problem bei der Suche nach Pestopfern darin, dass diese Krankheit innerhalb von wenigen Tagen zum Tod führen kann und keine sichtbaren Spuren hinterlässt. Wenn man Glück hat, konnte sich DNA des Erregers in der Zahnpulpa bzw. Proteinspuren in Knochen über lange Zeit erhalten. Und selbst dann ist seine Entdeckung schwierig und kann durch eventuelle Kontaminationen verfälscht werden. Das Team um Bramanti ist mit den Analysen der alten Erbsubstanz, auch "alte DNA" oder "aDNA" genannt, fündig geworden: Zehn Individuen aus Frankreich, England und den Niederlanden zeigten ein Yersinia-pestis-spezifisches Gen. Weil die Proben aus dem italienischen Parma und aus Augsburg kein Ergebnis brachten, wurden sie – erfolgreich – einer anderen Methode unterzogen, der Immunochromatographie, auf der beispielsweise auch Schwangerschaft-Schnelltests basieren.

Nachdem die Infektion mit Y. pestis eindeutig nachgewiesen war, haben Stephanie Hänsch und Barbara Bramanti anhand einer Analyse von ca. 20 Markern untersucht, ob eine der bekannten Bakterienvarianten "Orientalis" oder "Medievalis" vorliegt. Aber weder die eine noch die andere Variante wurde gefunden, stattdessen zwei unbekannte Formen, die älter sind und sich von den modernen Erregern in Afrika, Amerika, dem Nahen Osten und dem Gebiet der früheren Sowjetunion unterscheiden. Eine dieser beiden Formen, die vermutlich wesentlich zu dem katastrophalen Verlauf der Seuche im 14. Jh. beigetragen haben, ist heute mit großer Wahrscheinlichkeit ausgestorben. Die andere scheint Ähnlichkeiten mit Formen zu zeigen, die vor kurzem in Asien isoliert worden sind.

Hänsch und Bramanti zeichnen in ihrer Rekonstruktion der Ereignisse eine Ausbreitungsroute, die von der anfänglichen Einschleppung des Erregers im November 1347 aus Asien nach Marseille über Westfrankreich nach Nordfrankreich bis England verläuft. Weil im niederländischen Bergen op Zoom ein anderer Typ von Y. pestis gefunden wurde, gehen die beiden Wissenschaftlerinnen davon aus, dass die südlichen Niederlande nicht direkt von England oder Frankreich aus infiziert wurden, sondern von den nördlichen Niederlanden aus. Dies wäre eine andere Infektionsroute, die aus Norwegen kommend über Friesland ihren Weg in die Niederlande genommen hätte. Weitere Untersuchungen sind nötig, um den gesamten Ablauf des Seuchenzugs zu entschlüsseln. "Die Geschichte dieser Pandemie", so Hänsch, "ist komplizierter, als man bisher gedacht hat."

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-mainz.de/presse/40354.php
http://dx.plos.org/10.1371/journal.ppat.1001134

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

nachricht Schimpansen belohnen Gefälligkeiten
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPIMIS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften