Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Anti-Leukämie-Wirkstoff kurz vor der Markteinführung

30.07.2014

Blinatumomab ist ein neuer Wirkstoff, der dem Immunsystem von Krebspatienten hilft, Tumorzellen zu erkennen und zu vernichten.

Zu wesentlichen Teilen entwickelt und getestet wurde er am Universitätsklinikum Würzburg. Im Juli dieses Jahres hat der gentechnisch erzeugte Antikörper von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration die „Breakthrough Therapy Designation“ erhalten.


Bei Blinatumomab werden zwei Antikörper zu einem „Adapter“ kombiniert, der ein Binden der T-Zelle an die Krebszelle ermöglicht. Bild: Universitätsklinikum Würzburg

Demnach ist damit zu rechnen, dass der Arzneistoff, der die Heilungschancen vor allem von Leukämiekranken erhöht, bald als reguläres Medikament auf den Markt kommt.

Das am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) angesiedelte Comprehensive Cancer Center (CCC) Mainfranken verfolgt das Ziel, Patienten mit Tumorerkrankungen nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu behandeln und neue Therapiewege zu entwickeln. „Eine der großen Hoffnungen der internationalen Krebsforschung beruht darauf, das körpereigene Immunsystem des Patienten gegen die Tumorzellen wenden zu können“, schildert Prof. Ralf Bargou, der Direktor des integrativen Krebsbehandlungs- und Krebsforschungs-Zentrums.

Antikörper als Adapter zwischen Immunsystem und Krebszelle

Zu den stärksten Waffen der Immunabwehr zählen die T-Zellen. „Nur leider sind diese Killer in der Regel blind gegenüber Krebszellen, sie können sie nicht von gesunden Zellen unterscheiden und greifen sie deshalb auch nicht an“, erläutert Prof. Bargou. Der Lehrstuhlinhaber für Translationale Onkologie am UKW forscht schon seit den frühen 1990er Jahren daran, wie diese biochemische Blindheit überbrückt werden kann. Mit Erfolg: Es gelang ihm und seinem Team zusammen mit Forschern aus München, gentechnisch einen Antikörper zu designen, der einerseits in der Lage ist, an der Krebszelle anzudocken und andererseits an T-Zellen binden kann. Mit Hilfe dieses „Adapters“ werden die Abwehrzellen aktiviert, sie erkennen die schädlichen Zellen und können sie in der Folge zerstören.

Große Erfolge bei ALL und Non-Hodgkin-Lymphomen

Seit der Entdeckung dieser Wirkungsweise ist der bispezifische Antikörper einen weiten Weg von Labortests über Tierversuche bis hin zum Einsatz beim Menschen in klinischen Studien gegangen. Mittlerweile trägt der Wirkstoff den Namen Blinatumomab. Als besonders wirkungsvoll erwies er sich bislang bei der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) und bei Non-Hodgkin-Lymphomen. „Blinatumomab wurde am CCC Mainfranken und an anderen internationalen Forschungszentren mittlerweile schon bei insgesamt über 300 Studienpatienten eingesetzt. Bei der Mehrzahl war zumindest ein teilweiser, häufig auch ein kompletter Rückgang der Tumorzellen zu beobachten“, beschreibt Prof. Bargou die hohe Leistungsfähigkeit des neuen Arzneistoffs.

FDA für eine beschleunigte Zulassung

Knapp 20 Jahre lang trieb das Münchener Biotechnologie-Firma Micromet als kommerzieller Partner die Entwicklung von Blinatumomab voran, bevor das Unternehmen und sein aussichtsreicher Medikamentenkandidat vor zwei Jahren vom US-amerikanischen Biotech-Konzern Amgen übernommen wurde. Im Juli 2014 erhielt Blinatumomab von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration die so genannte Breakthrough Therapy Designation. „Dieser Status bringt unter anderem eine beschleunigtes Zulassungsverfahren mit sich, so dass wir damit rechnen können, dass schon im kommenden Jahr ein fertiges Blinatumomab-Medikament auf den Markt kommt“, freut sich Prof. Bargou.

Uniklinik Würzburg als zentraler Leistungsträger

Von der präklinischen Charakterisierung, über die frühe klinische Entwicklung bis hin zu der sich jetzt abzeichnenden Zulassung der Schlüssel-Forschungspartner in jeder Entwicklungsphase des neuen Heilmittels war das Universitätsklinikum Würzburg. „Ohne die in Würzburg erbrachten Leistungen würde es Blinatumomab nicht geben“, bringt es Prof. Bargou auf den Punkt. Einen Hauptgrund hierfür sieht er in den exzellenten strukturellen Bedingungen am UKW:

„Es zahlte sich voll aus, dass wir schon im Jahr 2007 nach US-amerikanischen Vorbild eine Early Clinical Trial Unit aufbauen konnten, also eine klinische Abteilung, die ausschließlich auf experimentelle Tumor-Therapien spezialisiert ist.“ Und die umfangreichen Studien in der weiteren Entwicklung waren nach Auffassung des Krebsexperten nur zu bewältigen durch das am CCC Mainfranken in den letzten Jahren installierte Zentrale Studien-Office. „Um diese Strukturen herum gelang es ferner, ein schlagkräftiges Team aus Ärzten, Wissenschaftlern und Studien-Schwestern zu bilden, das die klinische Entwicklung des neuen Wirkprinzips in den letzten Jahren fokussiert vorantrieb“, betont Prof. Bargou. So waren auf Würzburger Seite neben ihm selbst auch die Leiterin der CCC Studienzentrale, Dr. Marie-Elisabeth Goebeler, und Prof. Max Topp, der Leiter des Bereichs Hämatologie an der Medizinischen Klinik II des UKW, entscheidend an der Erfolgsgeschichte von Blinatumomab beteiligt.

Susanne Just | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.ukw.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Up-Scaling: Katalysatorentwicklung im Industriemaßstab
22.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium
22.11.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bakterien als Schrittmacher des Darms

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die gefrorenen Küsten der Arktis: Ein Lebensraum schmilzt davon

22.11.2017 | Geowissenschaften