Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alle Erreger, stillgestanden! - Mit Thrombosen gegen Infektionen kämpfen

03.08.2010
Die erworbene Immunabwehr des Menschen kann spezifisch auf einzelne Erreger reagieren. Aber die erste Antwort auf eingedrungene Pathogene liefert die sogenannte angeborene Immunität, die unspezifische Abwehrmaßnahmen wie etwa Entzündungsreaktionen auslöst und über verschiedene Abwehrzellen verfügt. „Ein Beispiel sind die Neutrophilen, die Abwehrstoffe gegen Pathogene produzieren“, sagt der LMU-Mediziner Professor Bernd Engelmann. „Sie spielen aber auch bei der Blutgerinnung eine Rolle.“

Ein Team um Engelmann konnte nun zeigen, dass zwischen der Blutgerinnung und der Abwehr von Pathogenen ein enger Zusammenhang besteht – und die Neutrophilen ein wichtiges Bindeglied sind. „Diese Immunzellen lösen bei systemischen Infektionen gezielt die Bildung harmloser Blutgerinnsel in kleinen Gefäßen aus, um die Ausbreitung der Erreger zu stoppen“, sagt Engelmann.

„Insgesamt lassen die Ergebnisse vermuten, dass Thrombosen ein physiologisches Mittel in der Abwehr von Infektionen sein können. Nur wenn Blutgerinnsel irrtümlich und ohne Pathogene in größeren Gefäßen entstehen, drohen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Unsere Ergebnisse liefern möglicherweise neuartige therapeutische Ansatzpunkte zur Unterdrückung pathologischer Thrombosen.“ (Nature Medicine online, 1. August 2010)

Die Arthropoden oder Gliederfüßer sind der artenreichste Stamm des Tierreichs, zu dem unter anderem die Insekten und die Spinnentiere gehören. Gemein ist allen Arthropoden, dass sie nur über eine angeborene Immunität verfügen. Diese eher unspezifische Abwehr kann unter anderem entzündliche Reaktionen auslösen, um Krankheitserreger abzuwehren. Dazu kann die Hämolymphe, also die Körperflüssigkeit der Arthropoden, Gerinnsel bilden und so extrem effektiv das Eindringen von Erregern in den Kreislauf und in Zellen verhindern. Auch die Säugetiere und damit der Mensch verfügen über eine angeborene Immunabwehr, die sehr schnell auf eingedrungene Erreger reagiert. Es wurde vermutet, dass auch hier ein Zusammenhang zwischen der Blutgerinnung und der Abwehr von Keimen besteht.

Das Team um Professor Bernd Engelmann vom Institut für Klinische Chemie der LMU München hat sich zusammen mit Professor Steffen Massberg von der TU München in der vorliegenden Studie auf wichtige Abwehrzellen des Blutes, die Neutrophilen, konzentriert. Diese Immunzellen gehören zur angeborenen Körperabwehr und akkumulieren zusammen mit den Blutplättchen sehr schnell, wenn eine Wunde vorliegt. „Die Neutrophile produzieren antimikrobielle Faktoren“, sagt Engelmann. „Sie spielen aber auch bei der Blutgerinnung eine Rolle. Wir haben vermutet, dass diese duale Funktion ein in der Entwicklungsgeschichte konservierter Prozess ist, der die Blutgerinnung und die Abwehr von Mikroben verbindet.“

Die Untersuchung zeigte, dass eben diese antimikrobiellen Faktoren – vor allem sogenannte Serin-Proteasen - auch die Blutgerinnung und damit die Bildung von Thrombosen in Gefäßen fördern. Während einer systemischen Infektion, die den gesamten Organismus erfasst, werden die Bakterien durch winzige Blutgerinnseln in kleinen Lebergefäßen eingeschlossen, wo die Thromben vermutlich keinen Schaden anrichten können. Wie sich zeigte, erfüllen die Ministöpsel ihren Zweck: Das Eindringen der Erreger in das Gewebe konnte weitgehend verhindert werden. „Insgesamt lassen die Ergebnisse vermuten, dass Thrombosen ein physiologisches Mittel in der Abwehr von Mikroben sein können“, so Engelmann. „Die Aktivierung der Blutgerinnung ist wahrscheinlich sogar ein wichtiger und weit verbreiteter Abwehrmechanismus.“

Problematisch wird der Prozess nur, wenn er in großen Blutgefäßen zur Bildung von Thrombosen beiträgt. „Denn Thrombosen sind der wichtigste Auslöser von Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenembolien, aber auch von den lebensgefährlichen Spätfolgen einer Sepsis und mancher Infektionen“, sagt Engelmann. „Die arterielle Thrombose ist – als Folge verschiedener Erkrankungen – sogar eine der wichtigsten Todesursache weltweit. Unsere Ergebnisse zeigen einmal mehr, dass die Unterdrückung pathologischer Thromben ein herausragendes Behandlungsziel bei vielen Erkrankungen sein muss.“ Die Resultate könnten aber auch bei der Suche nach Behandlungsansätzen helfen. Schließlich haben sie erwiesen, dass dieselben molekularen Mechanismen zur Bildung physiologisch wichtiger und pathologischer Blutgerinnsel führen, was neue therapeutische Angriffspunkte liefern könnte.“ (suwe)

Publikation:
„Reciprocal coupling of coagulation and innate immunity via neutrophil serine proteases“
Steffen Massberg et.al
Nature Medicine, 1. August 2010
DOI: 10.1038/nm.2184
Ansprechpartner:
Professor Bernd Engelmann
Institut für Klinische Chemie der LMU
Tel.: 089 / 7095 – 3243
Fax: 089 / 7095 – 6220
E-Mail: bernd.engelmann@med.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der erste Blick auf ein einzelnes Protein
18.01.2017 | Max-Planck-Institut für Festkörperforschung, Stuttgart

nachricht Unterschiedliche Rekombinationsraten halten besonders egoistische Gene im Zaum
18.01.2017 | Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik