Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Agroforstwirtschaft: Kaffee mit Pfeilgiftfrosch

07.06.2018

Gemeinsam mit einem kolumbianisch-deutschen Forscherteam haben Senckenberg-Wissenschaftler die Amphibien-Vielfalt in landwirtschaftlich genutzten und ungenutzten Gebieten der Kolumbianischen Anden untersucht. In ihrer kürzlich im Fachjournal „Agriculture, Ecosystems and Environment“ erschienen Studie zeigen sie, dass die Biodiversität in den bewirtschafteten und vermeintlich minderwertigen Habitaten sogar höher sein kann, als in den unberührten Nebelwaldbereichen. Das Ergebnis hat direkte Auswirkungen auf die Schutzkonzepte der dort zahlreich vorkommenden endemischen und bedrohten Tierarten.

Der auffällig rot-schwarz gefärbte und maximal 2 Zentimeter große Santander Pfeilgiftfrosch Andinobates virolinensis ist eine von vielen Amphibienarten, die nur in Kolumbien vorkommen. „Erstaunlicherweise haben wir diese endemische und als ‚gefährdet’ eingestufte Art ausschließlich in so genannten Schattenkaffeeplantagen gefunden“, erklärt Dr. Raffael Ernst von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden und fährt fort:


Der Pfeilgiftfrosch Andinobates. virolinensis (hier ein Männchen beim Quappentransport) wurde ausschließlich in beschatteten Kaffeeplantagen gefunden.

Foto: Senckenberg/Brüning


Der kleine Frosch Pristimantis bacchus ist bedroht und lebt nur in den ungenutzten Nebelwäldern.

Foto: Senckenberg/Brüning

„Das ist insofern ungewöhnlich, weil diese Art eine spezialisierte Fortpflanzungsbiologie besitzt. Das Männchen transportiert den Quappennachwuchs auf dem Rücken zu geeigneten Aufzuchtgewässern, meist Bromelienblattachseln – und diese natürlichen Mikrohabitate sind in den bewirtschafteten Arealen eigentlich sehr limitiert.“

Ernst hat gemeinsam mit Forschenden von der kolumbianischen Escuela de Biología der Universidad Industrial de Santander und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) 13 Flächen in den Kolumbianischen Anden über einen Zeitraum von 2 Jahren untersucht.

„Wir wollten herausfinden, wie sich unterschiedliche landwirtschaftliche Nutzung auf die Artenvielfalt und Zusammensetzung von Amphibiengemeinschaften auswirkt – hierfür haben wir insgesamt 2556 Tiere erfasst und bestimmt“, so der Dresdner Herpetologe.

Das Ergebnis der Feld- und Laborarbeiten ist überraschend: Anders als bisher angenommen zeigen besonders die bewirtschafteten und fragmentierten Areale eine hohe Amphibienvielfalt. Deren Diversität übertraf sogar die der nahegelegenen unberührten Nebelwaldbereiche. „Das Konzept der ‚Agroforstwirtschaft’ – eine Kombination aus Land- und Forstwirtschaft – scheint demnach in Kolumbien, zumindest in bereits stark gestörten Regionen aufzugehen“, so Ernst.

Zum Schutz der gesamten Amphibienvielfalt reicht es laut der Studie nicht aus, vermeintlich unberührte, natürliche Gebiete aus der Nutzung herauszunehmen und unter Schutz zu stellen. Das Wissenschaftlerteam empfiehlt dagegen die Matrix aus genutzten und ungenutzten Arealen in Ihrer Gesamtheit zu schützen und weiter zu entwickeln.

Ernst gibt ein Beispiel: „Lassen wir die Kaffeeplantagen außen vor, verlieren wir eventuell Arten wie den erwähnten Santander Pfeilgiftfrosch, die hier einen Ersatzlebensraum gefunden haben. Aber auch in den unbewirtschafteten Nebelwäldern konnten wir Arten nachweisen, die ausschließlich dort vorkommen, wie beispielsweise die bedrohte Froschart Pristimantis bacchus. Nur ein ganzheitliches Konzept kann diesen beiden und vielen weiteren Froscharten gerecht werden.“

Kontakt
Dr. habil. Raffael Ernst
Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden
Tel. 0351-7958 41-4315
Raffael.Ernst@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Lilith Zoe Brüning, Mina Krieger, Elson Meneses-Pelayo, Nico Eisenhauer, Martha Patricia Ramirez Pinilla, Björn Reu, Raffael Ernst (2018): Land-use heterogeneity by small-scale agriculture promotes amphibian diversity in montane agroforestry systems of northeast Colombia.
Agriculture, Ecosystems & Environment, Volume 264, 2018,
Pages 15-23,
https://doi.org/10.1016/j.agee.2018.05.011.

Pressebilder können kostenfrei für redaktionelle Berichterstattung verwendet werden unter der Voraussetzung, dass der genannte Urheber mit veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zulässig.

Pressemitteilung und Bildmaterial finden Sie auch unter www.senckenberg.de/presse

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können – dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert.

Mehr Informationen unter www.senckenberg.de 

Judith Jördens | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neuer Abwehrmechanismus gegen Sauerstoffradikale entdeckt
18.06.2018 | Universität Bern

nachricht Umwandlung von nicht-neuronalen Zellen in Nervenzellen
18.06.2018 | Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Im Focus: First real-time test of Li-Fi utilization for the industrial Internet of Things

The BMBF-funded OWICELLS project was successfully completed with a final presentation at the BMW plant in Munich. The presentation demonstrated a Li-Fi communication with a mobile robot, while the robot carried out usual production processes (welding, moving and testing parts) in a 5x5m² production cell. The robust, optical wireless transmission is based on spatial diversity; in other words, data is sent and received simultaneously by several LEDs and several photodiodes. The system can transmit data at more than 100 Mbit/s and five milliseconds latency.

Modern production technologies in the automobile industry must become more flexible in order to fulfil individual customer requirements.

Im Focus: ALMA entdeckt Trio von Baby-Planeten rund um neugeborenen Stern

Neuartige Technik, um die jüngsten Planeten in unserer Galaxis zu finden

Zwei unabhängige Astronomenteams haben mit ALMA überzeugende Belege dafür gefunden, dass sich drei junge Planeten im Orbit um den Säuglingsstern HD 163296...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Simulierter Eingriff am virtuellen Herzen

18.06.2018 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz – Schafft der Mensch seine Arbeit ab?

15.06.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Asteroidenforschung in Garching

13.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Abwehrmechanismus gegen Sauerstoffradikale entdeckt

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umwandlung von nicht-neuronalen Zellen in Nervenzellen

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Im Fußballfieber: Rittal Cup verspricht Spannung und Spaß

18.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics