Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Intelligenzschub für Gebäude

08.06.2015

Die Stromversorgung einer Stadt schwankt erheblich – manchmal reicht dafür ein einfacher Wetterumschwung. Künftig sollen nicht nur Stromnetze, sondern auch Gebäude solche Fluktuationen besser vorhersagen und ausbalancieren. Siemens arbeitet schon heute an solchen intelligenten Gebäude-Systemen für die smarte Stadt der Zukunft.

Ein Gebäude, das in der Stadt der Zukunft bestehen will, braucht ein Gehirn, das wie ein Diplomat zwischen den Akteuren vermittelt und einen Interessenausgleich schafft: Strom sparen, den Lebens- und Arbeitskomfort der Gebäudenutzer erhalten und dem Bedürfnis des Netzanbieters nach Netzstabilität nachkommen.


Siemens City in Wien: Das 2010 eröffnete Gebäude zeichnet sich durch eine besonders nachhaltige Bauweise und den Einsatz modernster und hocheffizienter Gebäudetechnik aus.

Siemens hat bereits solch ein Gehirn entwickelt, ein zentrales Nervensystem für Gebäude: Desigo CC, die erste Managementstation, die es ermöglicht, alle Funktionen eines Gebäudes in eine einzige, intuitiv bedienbare Plattform zu integrieren. „Brandschutz, Heizung, Lüftung und Klimatisierung, Beleuchtung, Videoüberwachung – sämtliche Funktionen in einem Bauwerk werden heute meist als einzelne Systeme unabhängig voneinander gesteuert“, sagt Naoufel Ayachi von Siemens Building Technologies.

„Unser System vereint diese Funktionen – oder Gewerke – erstmals in einer Gebäudemanagementstation, die deren Status in Echtzeit abbildet. Mitarbeiter müssen so nur noch für den Gebrauch eines einzigen Systems geschult werden. Nicht nur deshalb ist Desigo CC heute bereits in vielen Bürokomplexen, Schulen, Krankenhäusern, Einkaufszentren sowie manchem Flughafen im Einsatz.“

Trotz dieses Erfolgs: Die Standardfunktionen des Systems sind nur der Anfang. Mittlerweile ist Desigo Kernelement zahlreicher Siemens-Entwicklungen, die Gebäude und künftig sogar ganze Stadtviertel „smart“ werden lassen.

Elektroautos als Batterien

Beispiel Straßenverkehr: Künftig werden mehr und mehr Elektrofahrzeuge als Verbraucher das Stromnetz besonders in Städten zusätzlich belasten. Wie sich eine Flotte von Elektroautos in das Gebäudemanagement integrieren lässt, konnten Siemens-Forscher im Rahmen des EU-Forschungsprojekts „Artemis – Internet of Energy“ mithilfe der Desigo-Plattform zeigen. „Dabei haben wir Elektrofahrzeuge an Desigo angebunden und nicht nur als Verbraucher, sondern auch als temporäre Energiespeicher betrachtet“, erklärt Randolf Mock von Siemens Corporate Technology.

„Als Teil eines Gebäudemanagements fungieren sie dann letztlich als Batterien: Morgens kommen sie am Bürogebäude an, werden an die Ladestationen angeschlossen und müssen erst gegen Abend, wenn die Mitarbeiter nach Hause fahren, geladen sein. In der Zwischenzeit werden die Autos als Puffer genutzt, die zum Beispiel bei plötzlich aufkommender starker Bewölkung Strom in das System abgeben und damit eine geringe Auslastung der Photovoltaik auf dem Dach ausgleichen.“

Grundlage dafür ist das sogenannte Internet of Energy: Dabei kommunizieren die Fahrzeuge mit den Ladestationen. Das Managementsystem ruft dort den Ladebedarf der Einheiten ab und kann zusammen mit den Daten von Klimaanlage, Heizung und anderen Verbrauchern eine Verbrauchsprognose für den nächsten Tag erstellen. „Diese wird dann an den Netzbetreiber gemeldet, der daraufhin für eine garantierte Stromabnahmemenge einen Festpreis vorschlägt.

Verlässt das Gebäude am nächsten Tag das vereinbarte Bedarfsband, verbraucht also zu viel oder zu wenig Strom, droht eine Strafzahlung. Um dies zu verhindern, nutzt Desigo die Elektrofahrzeuge an den Ladesäulen als Stromaufnahme- oder Stromabgabestationen und kann so den Verbrauch des ganzen Gebäudes stabil halten“, so Mock.

Spitzenlast reduzieren

Das Desigo-System ist jedoch nicht die einzige Smart-Building-Lösung, an der Siemens arbeitet. Dass intelligente Gebäude nicht nur der Schlüssel zur Integration von Elektrofahrzeugen, sondern auch zu stabilen Netzen und einem geringeren Energieverbrauch sein können, zeigt ein Blick über den großen Teich auf ein weiteres Projekt.

„In den USA gibt es eine ganze Reihe von Kraftwerken, genannt Peaker Power Plants, die nur wenige Stunden im Jahr Energie produzieren, nämlich dann, wenn zu Spitzenlastzeiten eine Überlastung der Netze verhindert werden muss“, berichtet Thomas Grünewald von Siemens Corporate Technology Princeton. „Diese Spitzenlastkraftwerke zu betreiben ist sehr teuer, weshalb der Bedarf an günstigeren Lösungen groß ist. Einen ersten Aufschlag haben wir vor einigen Jahren an der University of California in Berkeley gemacht.“

Grünewalds Team stattete dort ein Gebäude mit einer „Smart Energy Box“ aus. Dieses System kann den Energieverbrauch in einer Spitzenlastphase gezielt reduzieren, das Gesamtnetz entlasten und so auch Geld sparen. „Die Smart Energy Box kann dabei gezielt einzelne Verbraucher herunterfahren, etwa die Beleuchtung oder die Klimatisierung“, erklärt Grünewald.

„Dabei berücksichtigt sie unter anderem den erwarteten Strompreis, die prognostizierten Wetterbedingungen und Richtwerte für ein gutes Raumklima, sodass Energie und Geld gespart werden und zugleich Komfort und Produktivität der Mitarbeiter erhalten bleiben. Auch außerhalb von Spitzenlastzeiten lässt sich so der Energieverbrauch senken, im Falle von Berkeley um bis zu 30 Prozent.“

Bei einem Projekt in Colorado Springs gingen die Siemens-Forscher noch einen Schritt weiter. „In der dortigen US Air Force Academy haben wir einen ganzen Gebäudekomplex in einem Microgrid vernetzt, bei dem sich, wie in Berkeley, ein Orchestrator beim Energiemanagement am Strompreis und am Wettergeschehen orientiert. In der Academy kann das Einsparpotenzial aber auf mehrere Gebäude verteilen werden. Solche sich am Markt orientierenden Microgrids mit einem gemeinsamen Energiemanagement sind die nächstgrößere Einheit nach dem Gebäude selbst. Künftig könnten ganze Stadtviertel in einem solchen intelligenten Netz agieren und miteinander kommunizieren“, so der Experte.

Digitaler, ausgeglichener, persönlicher

Bereits heute lassen sich an den Siemens-Projekten die großen Entwicklungslinien in Sachen „Smart Buildings“ ablesen. Intelligente Gebäude werden ihren Verbrauch in Zukunft immer feiner steuern können und sich dabei mit anderen Gebäuden zu Microgrids vernetzen. So stabilisieren sie das Gesamtnetz, gleichen Schwankungen aus und senken den Gesamtenergieverbrauch.

„Die smarten Gebäude der Zukunft werden dazu zahlreiche Zwischenspeicher nutzen: etwa die genannten Elektrofahrzeuge oder thermische Speicher wie Wassertanks und mechanische Speicher wie Schwungräder. Desigo bietet einen Vorgeschmack darauf, wie Energieverbrauch künftig orchestriert und intelligent gesteuert werden kann“, erläutert Randolf Mock.

„Die intelligente Gebäudesteuerung wird zudem immer digitaler werden. Künftig wird es Cloud-Lösungen ohne Infrastruktur vor Ort geben. Die Kosten wären deutlich geringer, die Systeme wären wartungsfrei, bräuchten kaum Personal und ließen sich von Kunden dauerhaft oder gezielt nur für bestimmte Zeiträume buchen“, ergänzt Naoufel Ayachi. „Die Einstellungen könnten Nutzer dann ganz einfach auf ihrem Smartphone vornehmen.“

Ähnlich sieht es Thomas Grünewald: „Der Nutzer wird künftig etwa über Smartphones intensiv mit dem Gebäude kommunizieren und zum Beispiel ein persönliches Wohlfühlprofil vorgeben können. Das Gebäudemanagementsystem wiederum könnte auf Basis des digitalen Terminkalenders den Arbeitsplatz vor Ankunft des Mitarbeiters entsprechend anpassen und bei ‚Out of Office‘ Energie sparen.“

Damit ist klar: Im Gebäude der Zukunft wird der digitale Hausdiplomat neben einem zentralen Nervensystem vor allem eines haben – ein offenes Ohr für die Wünsche seiner Bewohner.

Weitere Informationen: www.siemens.com

Nils Ehrenberg | Siemens - Pictures of the Future

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Holzhäuser bei grauer Energie im grünen Bereich
22.06.2017 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

nachricht Wie Menschen Schäden an Gebäuden wahrnehmen
22.06.2017 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Umfangreiche Fördermaßnahmen für Forschung an Chromatin, Nebenniere und Krebstherapie

28.06.2017 | Förderungen Preise

Immunabwehr: Wie Proteine Membranbläschen zusammenbringen

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das Auto lernt vorauszudenken

28.06.2017 | Maschinenbau