Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das mehrfach ausgezeichnete SOLANOVA-Konzept der Uni Kassel macht energetische Sanierungen von Altbauten wirtschaftlich rentabel

23.05.2007
80 bis 90 Prozent weniger Heizkosten für Mehrfamilienhäuser, mehrgeschossige Plattenbauten und ganze Miethaussiedlungen: Für den Kasseler Umweltsystemforscher Andreas Hermelink vom Center for Environmental Systems Research (CESR) ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das in Deutschland und Europa Realität wird. Denn das passende Sanierungskonzept liegt schon auf seinem Tisch. Erprobt hat es Hermelink in Ungarn am SOLANOVA-Projekt, das jüngst in Brüssel mit dem "Oscar für Nachhaltigkeit" ausgezeichnet wurde. Jetzt soll der deutsche Wohnbaubestand und nicht zuletzt das Klima von diesem revolutionärem Konzept profitieren.

Ein saniertes Gebäude verbraucht zehn bis 30 Prozent weniger Heizenergie - so die übliche Vorstellung. Das von der Europäischen Kommission geförderte Forschungsprojekt SOLANOVA aber hat gezeigt, dass bis zu 91 Prozent möglich sind. Ein achtgeschossiger Plattenbau südlich von Budapest wurde unter Leitung der Universität Kassel saniert, an Fassade, Dach, Heizung und Fenstern. In Kombination mit komfortabler Lüftungstechnik und solarer Energiegewinnung konnte sein Energieverbrauch von umgerechnet 22 auf zwei Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr gesenkt werden. Damit liegt er weit unter dem Durchschnittswert für Neubauten in Deutschland von sieben Litern Heizöl pro Quadratmeter und Jahr.

Jeder sanierte Quadratmeter des SOLANOVA-Hauses hat 240 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer gekostet. Die Sanierung hält für mindestens 30 Jahre. In elf Jahren wird sie sich amortisiert haben. Verglichen mit dieser ökonomischen Sichtweise ergab die ökologische Sichtweise eine noch schnellere Amortisation. Es brauchte nur einen Winter, dann hatte der Plattenbau im sanierten Zustand schon mehr Energie eingespart, als für Sanierungsarbeiten und Herstellung der eingesetzten Technologie an Energie verbraucht wurde.

Das wirtschaftliche Potenzial ist riesig

... mehr zu:
»Energie »Plattenbau »Sanierung
Vergleichbar günstige Projekte in Deutschland gibt es nicht. Noch nicht.
Sanieren wird aber auch hier immer attraktiver. "Das wirtschaftliche Einsparpotenzial war nie größer als heute!", sagt Hermelink und schätzt es auf etwa 70 Prozent. Als Grund dafür sieht der Projektkoordinator von SOLANOVA neben steigenden Energiepreisen und einer gegenwärtigen Neubaurate von unter einem Prozent vor allem aktuelle Finanzierungs- und Förderbedingungen. Seit Januar wirbt die Bundesregierung mit zinsverbilligten Darlehen der KfW-Förderbank für umfangreiche Sanierungen.

Verbraucht das sanierte Gebäude schließlich genauso viel oder noch weniger Energie wie ein vergleichbarer Neubau, gibt es sogar zusätzlich Tilgungszuschüsse. Würde ein Gebäude das Energieniveau von SOLANOVA erreichen, ist das Darlehen im Ergebnis zinsfrei.

Gesetzesnovelle: Energieverbrauch von Gebäuden wird Wettbewerbsfaktor Für Neubauten und für den Gebäudebestand wird ab 2008 der Energieausweis eingeführt. Den können Kauf- und Mietinteressenten vom Eigentümer oder Vermieter einfordern, um sich über die energetische Qualität des Gebäudes zu informieren. Diese Regelung macht den Energieausweis zu einem Marktinstrument. "Es ist ziemlich offensichtlich, dass das Kriterium Energieverbrauch zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor wird", sagt Hermelink und sagt für die nächsten Jahre eine drastische Verschärfung der Richtlinien für den Energieverbrauch von Gebäuden voraus.

Klimaschutz mit Weitblick

Hermelink und seine Kollegen wollen nun mit ihrem Wissen in Deutschland eine Sanierungswelle in Gang zu setzen. Der erste Schritt ist der Kontakt zu Wohnungsbaugesellschaften. Das Interesse ist groß, der potenzielle Gewinn für Mieter, Wohnungsbaugesellschaften und für die Umwelt riesig. Die SOLANOVA-Technologie kann, sofern großflächig eingesetzt, ein effektives In-strument im Kampf gegen den Klimawandel werden: Um die Klimaerwärmung in akzeptablen Grenzen zu halten, müssen Industrieländer ihre Klimagasemissionen insgesamt um 80 bis 90 Prozent reduzieren. Das Sanierungskonzept von SOLANOVA kann dies im Gebäudebestand leisten. Dort liegen im Vergleich zu anderen Sektoren, wie beispielsweise dem Verkehr, besonders hohe Einsparpotenziale. Mehr als ein Viertel aller Energie in Deutschland wird für das Heizen von Wohnungen und die Warmwasseraufbereitung genutzt.

Uni Kassel berät Folgeprojekte: Sanierung ganzer Wohnviertel Durch den Erfolg von SOLANOVA fördert die Europäische Kommission nun noch größere Forschungsprojekte: Statt Plattenbauten werden ganze Wohnviertel saniert und das Energieversorgungssystem in das Konzept mit einbezogen.

Die Uni Kassel ist beratend bei einem Projekt dabei, das in Budapest, Sofia und Amsterdam durchgeführt wird. Es ist Teil der Concerto-Initiative der Kommission und baut auf dem theoretischen Ansatz von SOLANOVA auf.

Hintergrund: Das SOLANOVA-Projekt

SOLANOVA - "Solar unterstützte, integrierte ökoeffiziente Renovierung von großen Wohngebäuden und Energieversorgungssystemen" (www.solanova.eu) begann im Januar 2003. Es ist das erste Ökogebäude-Projekt der Europäischen Kommission in Osteuropa, das sich mit der Sanierung von großen Mehrfamilienhäusern beschäftigt. Äußerst kostengünstig und nachhaltig haben die Kasseler Wissenschaftler Hartmut Hübner und Andreas Hermelink einen energiefressenden Plattenbau in Ungarn zum komfortablen Super-Niedrigenergiehaus umgebaut.

Mit hocheffizienter Technologie werden die Wohnungen im Sommer kühl und im Winter warm gehalten. Alle Wohnungen besitzen etwa ein Lüftungsgerät mit Wärmerückgewinnung; Süd- und Westfenster sind mit wirksamem Sonnenschutz ausgestattet.

Solarenergie und Energieeffizienz werden zudem optimal miteinander kombiniert. Der Einsatz von Solarenergie kann nur dann große Anteile an der Energieversorgung erreichen, wenn ihm drastische Maßnahmen zur Verringerung des Energieverbrauchs voraus gehen. Dann ist es wie bei SOLANOVA möglich, dass eine nur 70 m2 große Solaranlage 20 Prozent des nach den Sanierungsarbeiten noch verbliebenen Gesamtwärmeverbrauchs von 42 Wohnungen deckt und so die Hälfte der benötigten Energie für Warmwasser bereitstellt. Bedürfnisse, Wünsche und Fähigkeiten der Bewohner wurden in dem Sanierungskonzept berücksichtigt.

Als soziales Projekt kann SOLANOVA den Abriss energetisch nicht tragfähiger Wohnquartiere und damit die Zerschlagung gewachsener Sozialstrukturen verhindern. In Ungarn wäre etwa ein Siebtel der Bevölkerung davon betroffen. Attraktivität von und Einkommensniveau in Plattenbausiedlungen sind zudem üblicherweise sehr gering. Nachhaltiges Sanieren wertet solche Wohnquartiere beträchtlich auf und die Wohnqualität nimmt zu.

Für ihr Konzept zur energetischen Sanierung unter Nutzung von Solarenergie wurden die Kasseler Wissenschaftler Ende 2006 mit dem Europäischen Solarpreis und Anfang 2007 mit dem Energy Globe Award ausgezeichnet. Er gilt als "Oscar für Nachhaltigkeit".

Andreas Hermelink | Universität Kassel
Weitere Informationen:
http://www.solanova.eu

Weitere Berichte zu: Energie Plattenbau Sanierung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Wohnungsbaugenehmigungen in den Großstädten stagnieren
22.04.2016 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Brandschutz für Gebäudefassaden
22.04.2016 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Experiment im schwebenden Tropfen

Der genaue Aufbau von Proteinen standardmässig mittels Röntgenstrahlung entschlüsselt. Die beiden Wissenschaftler Soichiro Tsujino und Takashi Tomizaki am Paul Scherrer Institut PSI haben diese Methode nun trickreich weiterentwickelt: Sie haben erfolgreich die Struktur eines Proteins bestimmt, das sich in einem frei in der Luft schwebenden Flüssigkeitstropfen befand. Den Tropfen hielten sie mittels Ultraschall in der Luft. Mit diesem Kniff gelang ihnen die Strukturanalyse bei Raumtemperatur und damit sehr nahe an den natürlichen Bedingungen im Organismus. Ihre Studie haben Soichiro Tsujino und Takashi Tomizaki nun in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

Eine ungewöhnliche Trägersubstanz haben sich zwei Wissenschaftler am Paul Scherrer Institut PSI ausgesucht, um ein Protein zu untersuchen: einen frei...

Im Focus: Sei mit STARS4ALL dabei, wenn Merkur vor die Sonne wandert

2012 war es die Venus, in diesem Jahr ist der Planet Merkur dran, vor der Sonne zu passieren. Für fast acht Stunden werden wir am 9. Mai 2016 die Möglichkeit haben, den Planeten Merkur als kleinen schwarzen Punkt auf der Oberfläche der Sonne durchziehen zu sehen. Das EU-Projekt STARS4ALL, an dem auch das IGB beteiligt ist, wird in Zusammenarbeit mit www.sky-live.tv das Phänomen von Teneriffa und von Island aus live übertragen. STARS4ALL bietet dazu Bildungsmaterial für Schüler an.

Am 9. Mai 2016, um die Mittagszeit, wird der Planet Merkur anfangen, die Scheibe der Sonne zu kreuzen; eine Reise, welche über sieben Stunden dauern wird.

Im Focus: MICROSCOPE sendet

Am Montag, 2. Mai 2016, erreichte die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) der Universität Bremen die erste Erfolgsmeldung von ihrem Forschungs-Satelliten. Per Videoübertragung waren sie zugeschaltet, als die französischen Kollegen das Experiment an Bord von MICROSCOPE (MICRO Satellite à traînée Compensée pour l'Observation du Principe d'Equivalence) initialisierten und das Messinstrument die ersten Testdaten übermittelte. Damit ist der wichtigste Meilenstein der Testphase erreicht, bevor sich herausstellt, ob Einsteins Relativitätstheorie auch nach dieser Satellitenmission noch Bestand haben wird.

“#TSAGE @onera_fr is on. The test masses have been released and servo looped!!!! Great all green“ lautet die Twitter-Nachricht der französischen Partner, die...

Im Focus: Genauester Spiegel der Welt bei European XFEL in Hamburg eingetroffen

Der vermutlich präziseste Spiegel der Welt ist bei European XFEL in der Metropolregion Hamburg eingetroffen. Der 95 Zentimeter lange Spiegel ist ein wichtiges Bauteil des Röntgenlasers, der 2017 in Betrieb gehen soll. Auf den ersten Blick sieht er einem normalen Spiegel durchaus ähnlich, ist jedoch extrem flach und glatt. Die größten Unebenheiten auf seiner Oberfläche haben eine Dimension von gerade einmal einem Nanometer, einem milliardstel Meter. Diese Präzision entspräche einer 40 Kilometer langen Straße, deren maximale Unebenheit gerade einmal so groß ist wie der Durchmesser eines Haars.

Der Röntgenspiegel ist der erste von mehreren, die an unterschiedlichen Stellen der Anlage zum Spiegeln und Filtern des Röntgenlaserstrahls eingebaut werden....

Im Focus: Erste Filmaufnahmen von Kernporen

Mithilfe eines extrem schnellen und präzisen Rasterkraftmikroskops haben Forscher der Universität Basel erstmals «lebendige» Kernporenkomplexe bei der Arbeit gefilmt. Kernporen sind molekulare Maschinen, die den Verkehr in und aus dem Zellkern kontrollieren. In ihrem kürzlich in «Nature Nanotechnology» publizierten Artikel erklären die Forscher, wie bewegliche «Tentakeln» in der Pore die Passage von unerwünschten Molekülen verhindern.

Das Rasterkraftmikroskop (AFM) ist kein Mikroskop zum Durchschauen. Es tastet wie ein Blinder mit seinen Fingern die Oberflächen mit einer extrem feinen Spitze...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Entdeckungsreise durch die Welt der Meere und Ozeane auf dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft

06.05.2016 | Veranstaltungen

Entscheidende Impulsgeber

06.05.2016 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Berlin beginnt heute

04.05.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Venusfliegenfalle: Vom Opfer zum Angreifer

06.05.2016 | Biowissenschaften Chemie

Regulator von Todesrezeptor gefunden

06.05.2016 | Biowissenschaften Chemie

Riechen und schmecken, was gut ist

06.05.2016 | Biowissenschaften Chemie