Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„UrbanFoodPlus“: Ein Beitrag zur Ernährungssicherung westafrikanischer Städte

30.04.2013
Tierhaltung an der Ausfallstraße und intensiv bebaute Gemüsefelder im Flussbett: Ein Forschungsprojekt unter Leitung der Universitäten Kassel und Bochum will dazu beitragen, das Potenzial urbaner Lebensmittelproduktion systematisch zu erschließen.
Aufgrund mangelnder Bodenfruchtbarkeit und geringer Wasserverfügbarkeit ist die Ernährungslage in Afrika schwieriger als auf jedem anderen Kontinent. Diesen Herausforderungen begegnen die Menschen aber auch mit Erfindungsreichtum und Improvisation, um jede verfügbare Ressource zu nutzen.

Von Politik und Wissenschaft jahrzehntelang vernachlässigt, trägt die intensive Bewirtschaftung städtischer und stadtnaher Gebiete wesentlich zur Einkommens- und Ernährungssicherung armer Bevölkerungsschichten bei, birgt aber zugleich Risiken für Gesundheit und Umwelt. Die verschiedenen Formen urbaner Landwirtschaft zu verstehen, zu fördern und zu optimieren, ist das Ziel des Projektes „UrbanFoodPlus“, das von der Universität Kassel und der Ruhr-Universität Bochum koordiniert wird.
Hier entwickeln Agrarwissenschaftler und Bodenkundler gemeinsam mit Ökonomen und Abwasseringenieuren sowie mit Ethnologen aus Göttingen und Geographen aus Freiburg interdisziplinäre Ansätze, um die Potenziale beim Anbau von Grundnahrungsmitteln und Gemüse sowie in der Tierhaltung in landwirtschaftlichen Nischen von Städten und Stadt-Peripherien in vollem Umfang zu erschließen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das insgesamt 7,5 Mio Euro umfassende Fünfjahresvorhaben über die ersten drei Jahre mit zunächst 4,3 Mio Euro.

90 Prozent des Gemüsebedarfs und bis zu einem Drittel des gesamten Lebensmittelbedarfs afrikanischer Städte werden heute bereits in den Städten selber produziert, betont Prof. Dr. Andreas Bürkert, der das Projekt „UrbanFoodPlus“ koordiniert: „Die Menschen nutzen Flächen neben Ausfallstraßen, zwischen Wohnblocks, in trockenen Flussbetten oder anderes Brachland. Das ist meist illegal, aber häufig arbeits- und flächeneffizienter als die klassische Produktion auf dem Land.“ Die Felder und Weiden erreichten Größen von 500 Quadratmeter bis zehn Hektar, seien für die Versorgung der Stadtbevölkerung enorm wichtig und dennoch oft von der Zerstörung bedroht: „Weil die rechtliche Grundlage fehlt, schicken die Behörden immer wieder Bulldozer und lassen Feldbestände niederwalzen“, merkt Bürkert an.

Oft seien die Produzenten Migranten, die das Knowhow für Ackerbau und Viehzucht vom Land mitbrächten, erklärt Bürkert weiter. Im Gegensatz zu den Landbauern seien sie aber viel näher an den Märkten, könnten Produktion und Ernte daher besser auf den Bedarf abstimmen und hätten keine Transportverluste. „Die Wissenschaft hat sich lange Zeit nur mit dem Hinterland beschäftigt und dabei die urbane Lebensmittelproduktion vernachlässigt, die zwar effizient ist, aber immer noch große Möglichkeiten der Ertragssteigerung bietet. Wir müssen dieses Potenzial nutzen, auch um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten“, erklärt Bürkert. Die UNO erwartet, dass sich die Bevölkerung Afrikas von derzeit einer Milliarde Menschen bis 2050 etwa verdoppelt.

Zusammen mit 14 afrikanischen Partnerinstitutionen und zwei Internationalen Agrarforschungsinstituten, deren Beiträge das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit zusätzlich 400.000 Euro fördert, entwickelt „UrbanFoodPlus“ ab Juni 2013 Maßnahmen, um die Lebensmittelproduktion in Städten und Stadtrandgebieten zu steigern, die Ressourceneffizienz zu erhöhen, die Ernährungslage zu verbessern und durch Zertifizierungsmaßnahmen Konsumenten- und Produzentenansprüche an Produktqualität zusammen zu bringen. Auf der Basis der erhobenen Daten wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit Bauernorganisationen und lokalen Behörden die armutsbekämpfende Wirkung dieser Form der Landwirtschaft besser verstehen, um sie aus der Illegalität zu holen.

Erste Feldforschungen finden in Ouagadougou/Burkina Faso und Tamale/Ghana statt, sie werden dann ausgedehnt auf weitere Städte Westafrikas. Die Untersuchungen beinhalten kleinbäuerliche Anbauversuche, Befragungen von Erzeugern, Händlern und Vertretern der Verwaltung sowie umfangreiche Schulungsmaßnahmen zu einfachen technologischen Innovationen. Dazu gehört etwa der Einsatz von Holzkohlefiltern zur gleichzeitigen Wasserreinigung und organischen Düngung.

Das Vorhaben gliedert sich in mehrere Teilprojekte. Eine Arbeitsgruppe unter Bürkerts Leitung untersucht Biodiversität, Nährstoffeffizienz, Stoffflüsse und Zertifizierungsmaßnahmen im Gemüseanbau. Prof. Schlecht (Universität Kassel und Georg-August-Universität Göttingen), leitet eine Projektgruppe, die die Effizienz der Tierhaltungssysteme analysiert; das beinhaltet den Einsatz von Futtermitteln ebenso wie das Verwerten des anfallenden Dungs. Weitere Teilprojekte unter Leitung von Prof. Marschner und Prof. Wichern (beide Ruhr-Universität Bochum) bestimmen den Einfluss von Naturdüngern und Brauchwasser auf die Bodenqualität und Produkthygiene, Aspekte der Nahrungsmittelsicherheit, sozialpolitische Rahmenbedingungen (Prof. Schareika, Universität Göttingen) und mögliche volkswirtschaftliche Gewinne durch die vorgeschlagenen Verbesserungen (Prof. Löwenstein, Universität Bochum).
„Dabei wollen wir auch soziologische und wirtschaftspolitische Folgen berücksichtigen“, sagte Bürkert: „Wie senken diese städtischen Wirtschaftskreisläufe das Armutsrisiko? Welche Teilhabe finden Frauen und wie beeinflusst ihre Aufgabe in der Ernährungssicherung ihre Rolle in der Gesellschaft? Welche Bedeutung hat diese Art von Landwirtschaft gerade für ethnische Minderheiten in einer Gesellschaft?“ Hiermit beschäftigt sich insbesondere auch Prof. Drescher an der Universität Freiburg.

In die Organisation des Vorhabens ist das Exceed-Zentrum International Center for Development and Decent Work (ICDD) der Universität Kassel eng eingebunden.

Innerhalb des Projekts „UrbanFoodPlus“ wird eine internationale Graduiertenschule für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Deutschland, Europa und Afrika eingerichtet, bei der 15 Promotionsstipendien und sieben Promotionsstellen angesiedelt sind. Diese Graduiertenschule koordiniert Prof. Dr. Bernd Marschner, Leiter des Arbeitsbereichs Bodenkunde und Bodenökologie an der Universität Bochum. Das Kolleg dient somit auch dem wissenschaftlichen Austausch zwischen Afrika und Europa.

Das UrbanFoodPlus-Vorhaben ist Teil des Förderprogramms „GlobE – Globale Ernährungssicherung“ des BMBF.

Weitere Informationen unter: www.urbanfoodplus.org

Bildmaterial:

Bild von Prof. Dr. Andreas Bürkert (Foto: Bürkert) unter:
www.uni-kassel.de/uni/fileadmin/datas/uni/presse/anhaenge/2013/Buerkert.JPG

Bild von Prof. Dr. Bernd Marschner (Foto: Marschner) unter:
www.uni-kassel.de/uni/fileadmin/datas/uni/presse/anhaenge/2013/Marschner.JPG

Kontakt:
Prof. Dr. Andreas Bürkert
Universität Kassel
Fachgebiet Ökologischer Pflanzenbau und Agrarökosystemforschung in den Tropen und Subtropen
Tel.: +49 5542 98 1228
E-Mail: buerkert@uni-kassel.de

Dr. Guido Rijkhoek | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Rinderhaltung: Europäische Agrarwissenschaftler betreten Neuland in der Forschungskooperation
16.02.2018 | Leibniz-Institut für Nutzierbiologie (FBN)

nachricht Entwaldung in den Tropen
15.02.2018 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics