Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Intensive Landwirtschaft verschlechtert Klimabilanz

23.11.2009
Die Emissionen von Stickoxiden und Methan machen den Effekt von europäischen Wäldern als Kohlenstoff-Speicher fast vollständig zunichte

Die intensive Landwirtschaft in der EU setzt so viel Klima schädigende Stickoxide und Methan frei, dass der positive Effekt von Wäldern, Grasland und Torfmooren als Kohlenstoff-Speicher gegen Null geht. Das berichtet eine europäische Forschergruppe um Ernst-Detlef Schulze vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. (Nature Geoscience, Online-Vorabveröffentlichung, 22. November 2009)

Von allen globalen Kohlendioxid-Emissionen gelangt weniger als die Hälfte in die Atmosphäre und trägt dort zur globalen Erderwärmung bei. Der Rest wird in den Ozeanen und terrestrischen Ökosystem wie Wäldern, Graslandschaften und Torfmooren gespeichert. Vor allem Pflanzen nehmen, indem sie wachsen, viel Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) auf. "Daher war man bislang der Überzeugung, die terrestrischen Ökosysteme Europas wirkten sich auf die Treibhausgasbilanz Europas positiv aus", sagt Ernst-Detlef Schulze vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. Doch das stimmt nicht, wie er gemeinsam mit Wissenschaftlern aus 17 europäischen Ländern, die in dem Projekt CarboEurope kooperieren, festgestellt hat.

Methan und Stickoxide - starke Treibhausgase, die bei der Viehhaltung und intensivem Ackerbau freiwerden - beeinträchtigen die Treibhausgas-Bilanz Europas nämlich erheblich. Sie wiegen den positiven Effekt, den vor allem Wälder als Kohlendioxidspeicher ausüben, nahezu auf. Zu diesem Ergebnis kommt das internationale Forscherteam, nachdem sie die erste, vollständige Treibhausgasbilanz Europas für die Jahre 2000 bis 2005 aufgestellt und dabei neben Kohlendioxid erstmals auch Methan und Stickoxide berücksichtigt haben.

Europäische Wälder und Grasland nehmen rund 305 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr aus - das entspricht rund 19 Prozent der Emissionen, die durch die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas entstehen. Doch intensive Landwirtschaft und trockengelegte Moore geben wiederum Kohlendioxid an die Atmosphäre ab und verschlechtern so die Kohlendioxidbilanz. Der europäische Kontinent speichert daher netto nur 274 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr - das sind 15 Prozent der Emissionen fossiler Brennstoffe.

Doch diese Bilanz fällt immer noch zu positiv aus - denn sie vernachlässigt andere Treibhausgase wie beispielsweise Stickoxide oder Methan. Dieses Manko beheben nun die Wissenschaftler um Detlev Schulze. Sie kommen dabei zu dem Ergebnis, dass diese bislang vernachlässigten Emissionen fast den gesamten Effekt des Kohlenstoff-Speichers zunichte machen. Unterm Strich kompensieren die Pflanzen in allen terrestrischen Ökosystemen demnach nur rund zwei Prozent der Kohlendioxid-Emissionen aus Haushalten, Verkehr und Industrie. Und diesen kleinen Effekt hat Europa vor allem den östlichen Ländern wie Russland zu verdanken.

In den 25 Staaten der Europäischen Union fällt die Bilanz noch ernüchternder aus. Hier nehmen Wälder und Grasland zwar 13 Prozent der Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger auf. Die intensive Landwirtschaft und der Abbau von Torf reduzieren die Netto-Menge an Kohlendioxid, die diese Ökosysteme aufnehmen, auf elf Prozent der Emissionen aus fossilen Brennstoffen. Selbst diesen Effekt machen aber die Methan- und Stickoxid-Emissionen aus der intensiven Landwirtschaft vor allem in Mitteleuropa - in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den Benelux-Ländern - zunichte. Schlimmer noch: Sie führen dazu, dass die Landoberfläche in der Europäischen Union gar kein Treibhausgas speichert, sondern sogar Treibhausgase, die 34 Millionen Tonnen Kohlendioxid entsprechen, freisetzen.

Als Ausweg sieht Ernst-Detlef Schulze nur eine Änderung in der Bewirtschaftung der europäischen Landschaft: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir Land anders als bislang nutzen müssen, wenn die europäische Landschaft dazu beitragen soll, die globale Erwärmung abzuschwächen", sagt er: "Methan und Stickoxide sind derart starke Treibhausgase, dass wir eine Bewirtschaftung erreichen müssen, die weniger dieser Treibhausgase freisetzt."

Originalveröffentlichung:

E. D. Schulze, S. Luyssaert, P. Ciais, A. Freibauer, I. A. Janssens et al.
Importance of methane and nitrous oxide for Europe’s terrestrial greenhouse-gas balance

Nature Geoscience, 22. November 2009

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Ernst-Detlef Schulze
Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Jena
Tel.: +49 3641 576100 oder 01
E-Mail: dschulze@bgc-jena.mpg.de
Philippe Ciais
IPSL - LSCE, CEA CNRS UNSQ, Frankreich
Tel.: +33 01 6908 9506
E-Mail: philippe.ciais@cea.fr
Ivan Janssens
Universiteit of Antwerp, Belgien
Tel.: +32 3 265 22 55
E-Mail: Ivan.Janssens@ua.ac.be

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Mischwälder: ökologisch und ökonomisch überlegen
09.05.2018 | Technische Universität München

nachricht Wertvolle Böden erhalten
03.05.2018 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics