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Jenseits der Kristallkugel - Computer-gestützte Prognosemodelle optimieren Pflanzenschutz

27.09.2006
Wer kann einem Landwirt vorhersagen, wann eine durch Pilze oder Bakterien hervorgerufene Krankheit oder ein Schädling seinen Bestand befällt?

Wahrsager vermutlich nicht. Die Antwort liegt in EDV-gestützten Modellen und Programmen. Mit Hilfe exakter Wetterdaten und Daten zur Biologie des Erregers prognostizieren sie die Wahrscheinlichkeit und die Gefahr eines Befalls. Während der vom 25. -28.9. stattfindenden 55. Deutschen Pflanzenschutztagung werden in mehr als 40 Vorträgen und Postern neue oder optimierte Modelle präsentiert.

Vorgestellt wird u. a. ein neu entwickeltes Modell, das die Bekämpfung von Getreidebeständen optimiert, wenn diese mit Pilzen der Gattung Fusarium befallen sind. Ein hoher Befall des Ernteguts kann nicht toleriert werden, da diese Pilze für Mensch und Tier giftige Mykotoxine bilden können. Ziel des Modells ist, überflüssige Vorsorgebehandlungen des Getreides mit Fungiziden einzusparen, aber dennoch gesundes Getreide zu ernten. Mit den seit dem 1.7.2006 geltenden strengeren Vorschriften wurden Grenzwerte für die Toxine auch für die Rohware Getreide festgelegt.

Wird Mais als Vorfrucht angebaut und der Boden vor der danach folgenden Weizenaussaat nur pfluglos bearbeitet, sind die Mykotoxinwerte siebenfach höher als bei einer Rapsvorfrucht und anschließendem Pflügen. Auch die Sortenanfälligkeit beeinflusst die Infektionsgefahr. So die Ergebnisse der Wissenschaftler des Fachgebiets Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz der Universität Göttingen. Sie untersuchten über mehrere Jahre, welchen Einfluss die Bodenbearbeitung, die Art des Erregers, der Ort der Infektion und die Vorfrucht auf die Infektion der Getreideähren hat. Eine sichere und schnelle Testmethode wurde entwickelt, mit der fast 1.000 Proben auf ihren Gehalt an dem Mykotoxin, aber auch die Menge der Erreger getestet wurden (s. Presseinformation der DPST vom 26.9.09: Vor dem Heilen steht die Diagnose - auch bei Pflanzenkrankheiten)

"Nur die Kooperation mit den Pflanzenschutzdienststellen der Bundesländer erlaubte es, an 54 Standorten diese enorme Datenfülle zu erheben, die für ein exaktes Prognosemodell unerlässlich sind", so Prof. Dr. Andreas von Tiedemann von der Universität Göttingen. Das von der Zentralstelle der Länder für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz (ZEPP) zusammen mit dem Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Bad Kreuznach entwickelten Modell FUS-OPT basiert auf diesen Daten zusammen mit den standortspezifischen Niederschlägen und Temperaturen. Das Modell zeigt dem Anwender täglich, welcher Infektionsdruck für einen Befall mit Fusarium-Pilzen vorliegt. Erst, wenn in einer definierten Entwicklungsphase des Weizens (der Phase, in der eine Ähreninfektion möglich ist) ein bestimmter Schwellenwert überschritten ist, muss der Landwirt handeln. Die ersten Praxistests können sich sehen lassen: In 90 % der Fälle gab das Modell die richtige Empfehlung, was meist bedeutete, dass keine Behandlung notwendig war.

Viele Vorträge und Poster beschäftigen sich mit der Verbesserung bereits in der Praxis eingeführter Modelle wie z. B. gegen die Kräuselkrankheit an Pfirsich oder Schädlinge im Winterraps.

Erstmals wurde ein Prognosemodell zur Bekämpfung der im Winterroggen wichtigsten pilzlichen Blattkrankheit, dem Braunrost (Puccinia spp.) erarbeitet. Dafür untersuchten Wissenschaftler der Universität Hannover die Epidemiologie dieses Erregers. Das ebenfalls im Verbund mit der ZEPP und dem DLR entwickelte Entscheidungsmodell wird derzeit im Praxistest geprüft.

Krautfäule an Kartoffeln ist im Ökoanbau ein Problem, das immer größere Bedeutung erlangt. Der Kupfereinsatz pro Jahr ist begrenzt. Das in der Praxis seit Jahren hilfreiche Modell SIMPHYT wurde an die Anforderungen des Ökoanbaus angepasst. Die Grunddaten bleiben immer gleich. Lediglich kleinere Veränderungen und die unterschiedliche Bekämpfungsstrategie mussten für das neue Modell angepasst werden. Die Praxistests stehen kurz vor dem Abschluss, so die Bayerische Landesanstalt für Pflanzenschutz, die das Verbundprojekt koordiniert.

"In Zukunft werden Prognosemodelle weiter an Bedeutung gewinnen", so Dr. Benno Kleinhenz von der ZEPP. "Landwirte müssen keine PC-Spezialisten sein, um mit unseren Modellen online für ihren eigenen Standort eine Vorhersage treffen zu können". Eine clevere Möglichkeit, Pflanzenschutzmitteleinsätze zu vermeiden oder einsparen.

Mitteilungen der Biologischen Bundesanstalt, Band 400, 2006, 496 S. (Tagungsband):
S. 66, Vortrag 01-3 am 25.9.06
S. 270, Vortrag 45-3 am 28.9.06
S. 280, Vortrag 55-2 am 28.9.06
S. 281, Vortrag 55-3 am 28.9.06
S. 327, Vortrag 27-2 und 27-3 am 27.9.06
S. 329, Vortrag 27-4 am 27.9.06
S. 277/78, Vortrag 55-5 und 55-6 am 28.9.06
Weitere Beispiele zum Thema Prognose im Tagungsband:
S. 269 - 292
Vortrag 22-5, S. 476
Poster Nr. 038, S. 143
Poster Nr. 298, S. 481
Weitere Informationen:
htpp://www.pflanzenschutztagung.de
htpp://www.isip.de - alle Modelle der ZEPP
htpp://www.zepp.info
htpp://www.proPlant.de
htpp://www.uni-goettingen.de

Dr. Gerlinde Nachtigall | idw
Weitere Informationen:
http://www.bba.bund.de

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