Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auch Kühe brauchen Komfort - Im EU-Forschungsprojekt "Lamecow" untersuchen Tierärzte Klauenerkrankungen bei Milchkühen

13.07.2006
Erkrankungen der Klauen werden oft erst dann erkannt, wenn die Symptome offensichtlich sind: Die Kuh lahmt. Sie hat Schmerzen, produziert weniger Milch und ihre Fruchtbarkeit ist gestört. Die Ausgaben für den Tierarzt steigen. "Jedes Tier, das eine erkrankte Klaue hat, verursacht für den jeweiligen Milchbetrieb ökonomische Verluste", sagt Dr. Christoph Mülling vom Institut für Veterinär-Anatomie der Freien Universität Berlin. Ein Klauengeschwür beispielsweise sei mit direkten und indirekten Kosten in Höhe von bis zu 300 Euro verbunden.

Klauenerkrankungen sind in der Nutztierhaltung ein europaweites Problem: Im Jahr 2002 waren etwa 23 Prozent der insgesamt 21,5 Millionen europäischen Kühe von Lahmheit betroffen. Nach Schätzungen entstanden den europäischen Landwirten dadurch Verluste in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro pro Jahr. Vor diesem Hintergrund finanzierte die Europäische Union das interdisziplinäre Projekt "Lamecow". Dessen Ziel ist es, das Ausmaß der Krankheit einzudämmen, die Haltungsbedingungen und das Wohlbefinden der Tiere - den so genannten "Kuhkomfort" - zu verbessern und die betroffenen Milchbetriebe wirtschaftlich zu stärken. Die Forschungsarbeiten der sieben Partner aus sechs Mitgliedstaaten sind seit kurzem erfolgreich abgeschlossen. Das Projekt wurde mit insgesamt drei Millionen Euro gefördert, 450.000 Euro davon flossen an die Freie Universität Berlin. "Es geht in erster Linie um Prävention", erklärt Christoph Mülling, der das EU-Projekt gemeinsam mit Professor Klaus-Dieter Budras am Institut für Veterinär-Anatomie geleitet hat: "Kühe sind Weichbodengänger. Die Haltung auf harten Beton- oder Asphaltböden erleichtert den Menschen die Arbeit, schädigt aber die Klauen. Hinzu kommen Verschmutzungen durch Kot oder Urin und Feuchtigkeit in den Ställen, die den Hornschuh aufweicht." Ein Klauengeschwür entsteht, wenn durch diese negativen äußeren und inneren Einflüsse ein Loch im Hornschuh entsteht. Dann können Bakterien eindringen, die das Klauengewebe zerstören.

Im Rahmen des "Lamecow"-Projektes wurde ein Katalog von "best practice"-Richtlinien entwickelt und getestet. Er soll eine tiergerechte Haltung ermöglichen und Betrieben, Tierärzten und Pflegern zur Anwendung empfohlen werden. Dazu gehört vor allem den Kuhkomfort zu verbessern: Die Laufgänge in den Ställen können mit elastischen Gummimatten ausgelegt werden, sodass die Klaue geschont wird und die Tiere nicht rutschen oder sich verletzen. Hygienemaßnahmen - regelmäßige Entmistung, Entfernung von Staunässe - reduzieren die Infektionsgefahr und die Feuchtigkeit in den Ställen erheblich. Die Boxen sollten komfortabel mit Stroh ausgelegt und groß genug sein, denn die Kuh ist bekanntlich ein Wiederkäuer und liegt, wenn sie die Möglichkeit hat, zwischen 16 und 18 Stunden am Tag.

Bei der Prävention spielt auch die professionelle Klauenpflege eine wichtige Rolle. Die "Pediküre für Tiere" ermöglicht es, Krankheiten zu einem Zeitpunkt zu erkennen, an dem die Lahmheit noch nicht so weit fortgeschritten ist. "Klauenerkrankungen haben vielfältige Ursachen", erläutert Kerstin Müller, Professorin und Geschäftsführende Direktorin der Klinik für Klauentiere auf dem Campus Düppel der Freien Universität Berlin. "Das Ausmaß der Lahmheit in den einzelnen Betrieben hängt von der Umgebung, dem Kuhkomfort und der Futterqualität ab. Es gibt auch saisonale Schwankungen."

... mehr zu:
»Klauenerkrankungen »Kühe »Ställen

In der Klinik für Klauentiere werden pro Jahr etwa 500 Kuhpatienten stationär behandelt. Das Tierkrankenhaus verfügt über eine Ambulanz, einen Diagnostischen Dienst und hat mit Großbetrieben Betreuungs-Vereinbarungen getroffen. Die Agrar GmbH Flämingland Blönsdorf ist einer von ihnen. Zwei mal die Woche fährt Tierarzt Karsten Daetz mit Studierenden ins brandenburgische Blönsdorf hinaus, um erkrankte Tiere zu behandeln. "Die Zusammenarbeit ist aus der Not heraus entstanden", erinnert sich Geschäftführer Bernd Thiele. "Wir hatten ein echtes Klauenproblem." Sein Betrieb verfügt über 573 Hochleistungsmilchkühe, die pro Tag etwa 12.000 Liter Milch produzieren. Ein moderner Milchviehbetrieb kann im Jahr maximal zehn Prozent Neuerkrankungen an Lahmheit in seiner Herde verkraften. Alles was darüber liegt, ist wirtschaftlich nicht mehr akzeptabel. Noch vor zwei Jahren musste die Agrar GmbH knapp 37 Prozent ihrer Kühe wegen Lahmheit aussortieren und schlachten. Inzwischen hat sich die Lage wesentlich verbessert. Unter der Leitung von Bernd Thiele wurden die Ställe saniert, die Fütterung verändert und mehr Geld in tierärztliche Behandlungen und Klauenpflege investiert. Als nächster Schritt steht die Anschaffung eines Schleppschiebers für Kot ins Haus, mit dem die Stallflächen automatisch gereinigt werden. In Zusammenarbeit mit der Klinik für Klauentiere führt der Betrieb eine Studie durch, in der getestet wird, ob sich der Einsatz von Gummimatten in den Ställen rentiert.

Der Erfolg dieser Maßnahmen zeigt sich in der Milchleistung pro Kuh und Jahr: Während die Agrar GmbH im Jahr 2003 noch 7392 Liter Milch verkaufte, waren es im Jahr 2005 schon 7822 Liter. "Im vergangenen Jahr haben wir zum ersten Mal wieder die Gewinnzone erreicht", sagt Thiele nicht ohne Stolz, "wir hoffen, dass das auch so bleibt."

Vorsorge in der Haltungspraxis und Krankheitsprophylaxe sind das eine. Wer aber das Übel bei der Wurzel packen will, muss Grundlagenforschung betreiben. Neben Feldstudien auf Betrieben der Partnerländer ist dies die zweite Säule des EU-geförderten "Lamecow"-Projektes. Christoph Mülling war als Subkoordinator mit dem Bereich der nicht-infektiösen Klauenerkrankungen befasst. Dazu gehört beispielsweise die Klauenrehe. "Die Klauenrehe ist das Hauptproblem. Sie liegt den meisten Erkrankungen in Brandenburgs Milchkuhherden zu Grunde", betont der Veterinärmediziner. Die Klauenrehe entsteht häufig in Folge einer Allgemeinerkrankung und/oder einer Stoffwechselstörung des Organismus. Sie zeigt zunächst noch keine Symptome und führt erst allmählich zu einer Schädigung des Klauengewebes. Geschwüre sind typische sekundäre Folgeerkrankungen, die zu Lahmheit führen. Am Institut für Veterinär-Anatomie wurden deshalb die Abläufe im Gewebe erforscht, die zu einer Erkrankung führen. Das Berliner Team untersuchte Klauengewebe von geschlachteten Tieren aus den Partnerländern licht- und elektronenmikroskopisch und führte im Zellkulturlabor Untersuchungen im Reagenzglas durch. Dafür wurden innovative organotypische Zellkulturmodelle etabliert, die der realen Situation beim lebendigen Tier nahe kommen. Zu diesem Zweck wurde eigens eine neue Zellkulturkammer entwickelt. Die Modelle und das technische Know-how sind nun auch anderen Forschern zugänglich. Des Weiteren wurde getestet, welche Rolle bioaktive Moleküle spielen, die als Botenstoffe Entzündungen auslösen können: "Wir konnten erste Verbindungen zwischen Allgemeinerkrankungen, Stoffwechselprodukten und krankhaften lokalen Reaktionen in der Klaue nachweisen", bilanziert Mülling. Die erfolgreiche Simulation von Sauerstoffmangel und Durchblutungsstörungen - Faktoren, die ebenfalls krankheitsauslösend sind - an einem isolierten Gliedmaßenmodell ist ein weiteres Resultat der Berliner Versuchsreihen.

Die Auswertung und Publikation der Ergebnisse wird sicherlich noch zwei Jahre in Anspruch nehmen. Eine DVD, ein "training package", das sich an alle in Landwirtschaft, Lehre und Forschung tätigen Berufsgruppen richtet, wird bereits Anfang Juli dieses Jahres verfügbar sein. Das multimediale Programm, in dem umfassende Informationen und neueste Erkenntnisse rund um das Thema Lahmheit bei Milchkühen zusammengetragen wurden, soll in sechs Sprachen europaweit vertrieben werden.

Von Barbara-Ann Rieck

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Christoph Mülling, Institut für Veterinär-Anatomie der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-53954 und 838-53555, E-Mail: muelling@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.abdn.ac.uk/lamecow
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Klauenerkrankungen Kühe Ställen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Klimawandel – die Tanne sticht Fichte und Buche aus
10.08.2017 | Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

nachricht Feuerbrand bekämpfen und Salmonellen nachweisen
14.06.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten