Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tiefflieger im Netz. Neu entwickelter Moskito-Zaun schützt Pferde vor lästigen Insekten

10.07.2006
Die Gefahr surrt und summt dicht über der Grasnarbe. Die Gefahr hat viele winzige Flügel, aber vor allem hat sie viele Stechrüssel. Die Gefahr - das sind Stechfliegen und Bremsen. Im Tiefflug nehmen sie Kurs auf ihre Opfer, dicht über dem Boden sausen sie über Felder, erst kurz vor dem Ziel gewinnen sie an Höhe und greifen an. Jeden Sommer werden sie zur Plage - vor allem für Pferde. Während Menschen meist nur genervt sind von den stechenden Insekten, sind sie für die Vierbeiner eine echte gesundheitliche Gefahr. Wissenschaftler vom Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin der Freien Universität Berlin haben jetzt ein Verfahren entwickelt, wie Pferde effektiv geschützt werden können: Sie zäunen die Koppel mit einer Art Moskitonetz ein.

Das Prinzip ist einfach: "Die Insekten fliegen auf der Höhe der Wirtstiere", sagt Privatdozent Dr. Peter-Henning Clausen, "höchstens einen Meter über dem Boden". Für die Jagd sei das die optimale Flughöhe, von weiter oben könnten die Insekten ihre Opfer nicht so gut riechen und erkennen. Es reicht also, das Netz in einer Höhe von bis zu einem Meter aufzuspannen. Wichtig: Das Hindernis muss so fein sein, dass es für Insekten unsichtbar ist. "Das Insektenauge kann das schwarze, feinmaschige Netz nicht wahrnehmen, so dass die Fliegen und Bremsen auf der Suche nach ihren Wirten früher oder später dagegen fliegen", sagt der Veterinärmediziner. Damit die Insekten nicht weiterfliegen können, werden die Netze mit einem Insektizid behandelt - Bremsen und Fliegen sterben selbst nach kurzem Kontakt innerhalb von fünf Minuten.

Für die rund eine Million Pferde in Deutschland kann das eine enorme Erleichterung bedeuten. Um die Insekten zu verscheuchen, bewegen Pferde hektisch ihre Köpfe, schlagen mit ihrem Schweif hin und her, galoppieren panisch über die Weiden und wälzen sich auf dem Boden. Bei manchen führt das zu Verhaltensstörungen: Sie durchbrechen Zäune und verletzen sich selbst. Es gibt Pferdehalter, die ihre Tiere nur noch nachts weiden lassen können.

Auch das Infektionsrisiko der Pferde steigt, wenn sie gestochen werden. Die Weidestechfliege verursacht Hautbluten und Blutverlust, die schmerzhaften Stiche der Bremsen lösen Quaddeln in der Haut aus. Nach massiven Attacken durch Kriebelmücken kann es sogar zu allergischen Überreaktionen kommen, die Veterinärmediziner sprechen von einem "anaphylaktischen Schock". Noch schlimmer setzt den Pferden die Magenbremse zu. Diese klebt ihre Eier an die Haare der Pferde, besonders in der Nähe der Vorderbeine. Die Pferde lecken an den Eiern, daraufhin schlüpfen Larven, die über die Zunge in die Mundhöhle des Pferdes und dann weiter in den Magen wandern, wo sie sich an die Magenwand heften. Dort verursachen sie Geschwüre. Die Pferde leiden in der Folge an Verdauungsstörungen und Abmagerung.

... mehr zu:
»Bremse »Insekt »Moskito-Zaun »Pferd

Bisher gibt es für Pferdehalter nur zwei Wege, ihre Tiere zu schützen: Entweder sie hüllen die Pferde in Decken und Kopfmasken ein. Oder sie benutzen Schutzmittel und Lotionen, mit denen sie die Vierbeiner einsprühen und einreiben. Doch solche Mittel wirken meist nur wenige Stunden oder Tage. "Unsere Fliegennetze dagegen halten mehrere Monate", sagt Dr. Burkhard Bauer vom Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin der Freien Universität Berlin. "Unsere Methode ist nicht nur effizienter, sondern auch gesünder für die Pferde, weil wir die Tiere damit nicht, wie etwa bei Insektenschutzmittel, direkt behelligen müssen."

Clausens und Bauers vierköpfige Arbeitsgruppe hat bei Studien in Brandenburg die Wirksamkeit des Netz-Zaunes getestet. Demnach konnte der Fliegenbefall bei Pferden bis zu 90 Prozent reduziert werden. Gemessen haben die Forscher dies mit Insektenfallen. Die Wirkung wurde mit Fotos und Videos dokumentiert. Demnach bewegten sich die Tiere auf der umzäunten Weide wesentlich ruhiger und weniger hektisch als auf einer Vergleichsweide. Zudem fanden die Wissenschaftler heraus, dass nicht die gesamte Weide mit dem Netz eingezäunt werden muss. Es reicht, das Netz in der Einflugschneise der Insekten aufzuspannen. In einer Untersuchung seien, so Bauer, nur 170 Meter der Koppel geschützt worden - von insgesamt 800 Metern. Und trotzdem profitierten die Pferde.

Schon gibt es Verhandlungen mit einer dänischen Firma, die Netze im Sommer des kommenden Jahres auf den Markt zu bringen. Doch bis dahin wollen die Forscher die Methode noch weiter testen und die Technik verfeinern. "Außerdem wollen wir herausfinden, welche Auswirkungen unsere Netze auf Nutzinsekten haben, zum Beispiel auf Bienen", sagt Peter-Henning Clausen.

Und auch ein neuer Angreifer rückt ins Blickfeld: winzige Mücken, so genannte Gnitzen - eine Plage in vielen europäischen Gegenden, aber auch in ganz anderen Klimazonen. Versuche im Afrika lassen hoffen, dass der Insekten-Zaun auch gegen die Gnitzen wirksam ist. Milchkühe wurden dort mit den Netzen gegen die Stiche der Tsetse-Fliege und gegen Moskitos geschützt. Da in der Nähe der Netze der Insektenbestand insgesamt zurückgeht, hofft Burkhard Bauer, mit der Methode "gleichzeitig Menschen und Tieren zu helfen".

Von Oliver Trenkamp

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Peter-Henning Clausen, Institut für Parasitologie und Internationale Tiergesundheit der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-62505, E-Mail: p-h-clausen@gmx.net

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Bremse Insekt Moskito-Zaun Pferd

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Innovationen für eine nachhaltige Forstwirtschaft
06.12.2016 | Steinbeis-Europa-Zentrum

nachricht Die smarte klassische Landhausvilla
28.11.2016 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Speicherdauer von Qubits für Quantencomputer weiter verbessert

09.12.2016 | Physik Astronomie