Wissen hilft nicht: Immer mehr Erwachsene zu dick

Unser Ess- und Bewegungsverhalten wird vor allem durch Emotionen beeinflusst, jedoch kaum durch besseres Wissen. Nährstoffangaben auf der Lebensmittelpackung helfen deshalb nicht automatisch gegen Übergewicht. Bloße Appelle, sich mehr zu bewegen, laufen ins Leere. Hinweise auf eine „bedarfsgerechte“ Ernährung ändern nichts, weil mit Essen vor allem Bedürfnisse befriedigt werden.

Darin waren sich die Experten einig, die Mitte Februar 2009 in der Ärztekammer Niedersachsen in Hannover auf einer Fachtagung des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Sektion Niedersachsen, referierten. Thema war: „Prävention von Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter“. Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Martina Wenker, betonte in ihrer Begrüßungsrede vor etwa 150 Ärzten, Pädagogen, Ernährungsfachkräften und Psychologen: In der Vorbeugung von Übergewicht liegen große Chancen für Gesundheit und Lebensqualität.

Die Bewegung kommt zu kurz! Nicht einmal 30 Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung bewegen sich ausreichend. Welche Folgen dies hat, zeigte Prof. Dr. Claus Vögele, Psychologe an der Universität Roehampton (London) in seinem Vortrag. Danach ist nicht in erster Linie das Übergewicht selbst, sondern häufig mangelnde körperliche Aktivität für eine Lebensverkürzung verantwortlich. Gute Vorsätze, dies zu ändern, währen nur kurz: Fitness-Studios und Sportvereine melden im ersten halben Jahr nach einer Anmeldung Abbruchquoten von bis zu 80 Prozent. „Dass der Mensch sich selbst mehr bewegen will, gibt den Ausschlag“, sagte Vögele. „Die innere Motivation, die Freude an der Bewegung und die feste Überzeugung, dass mehr Bewegung mehr Gesundheit bringt, sind die wichtigsten Voraussetzungen.“ Viele Menschen könnten gesteigerte Alltagsbewegung anstelle von Sport besser langfristig durchhalten. Dadurch erreiche man eine ebenso gute Wirkung auf die Gesundheit.

„Die Kennzeichnung von Lebensmitteln nach dem „Ampelprinzip“ wird dem Verbraucher kaum helfen, die richtige Lebensmittelwahl im Supermarkt zu treffen“, so Priv. Doz. Dr. Thomas Ellrott vom Institut für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Die Idee: Mit roten, gelben und grünen Punkten gekennzeichnete Lebensmittel sollen dem Verbraucher eine gesunde Auswahl erleichtern. Das gute Rapsöl wird jedoch mindestens einen roten Punkt, gesunder Lachs gar rot-gelb-grün-rot für den Fettgehalt, den Gehalt an gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz erhalten. Wie soll der Verbraucher bei diesem Ampelwald entscheiden? „Das Modell der Ampel mit ihren rigiden Start-Stopp-Signalen ist für die Lebensmittelauswahl gänzlich untauglich, da es beim Essen nicht um „gar nicht“ bzw. „nur noch“ geht“, sagt Ellrott. „Die Gesamtauswahl zählt, nicht das einzelne Produkt. Viele gesundheitsfördernde Produkte wie Nüsse und hochwertige Pflanzenöle würden rote Punkte für einzelne Nährstoffe erhalten. Der Verbraucher würde dann solche Produkte nicht mehr wählen.“ Erfahrungen aus den USA zeigen: Es ist eine Illusion zu glauben, die Nährwertkennzeichnung allein würde die Bevölkerung schlank machen. Aber gerade das würde derzeit suggeriert, so Ellrott.

Wie wenig Einfluss Informationen überhaupt auf das Essverhalten haben, dies zeigte Prof. Dr. Volker Pudel an einer repräsentativen Untersuchung bei sechs- bis 16-jährigen Kindern. Kinder und Jugendliche in Deutschland können Lebensmittel zutreffend bewerten: Vollkornbrot ist gesund, macht stark. Doch sie mögen es nicht. Schokolade macht dick und ist nicht gesund. Das haben Schüler gelernt, aber genau die mögen sie.

Die Erkenntnis der Experten: Der Verbraucher möchte keine „bedarfsgerechte Ernährung“, sondern ein Essen, das seinen Bedürfnissen entspricht. Deshalb lautet der Weg: Wer die Verbraucher bei diesen Bedürfnissen abhole, kann auch deren Verhalten ändern. So lief unter dem Slogan „Mehr Lust auf Leben“ in Baden-Württemberg und Sachsen die bisher größte Gesundheitsaktion PfundsKur/PfundsFit.

Wie können Verbraucher motiviert werden, richtig zu essen und zu bewegten Menschen zu werden? Die Ergebnisse der Tagung: Der Spaß- und Erlebnisfaktor darf nicht zu kurz kommen. Die Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden. Nicht Informationen ändern Ess- und Bewegungsverhalten, sondern nur praktische Trainingsangebote in kleinen Schritten. Emotionales Verhalten ändert sich nur durch emotionale Erlebnisse und reagiert nicht auf kluge Ratschläge.

WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Institut für Ernährungspsychologie
Priv. Doz. Dr. Thomas Ellrott, Telefon 0551 / 39-22742, Fax 0551 / 39-9621
Humboldtallee 32, 37073 Göttingen
www.ernaehrungspsychologie.org (Tagungsprogramm)
thomas.ellrott@gmx.com

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Stefan Weller Uni Göttingen

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