Forschen für die Zukunft des Alterns

Der demografische Wandel wird in Deutschland vor allem unter sozial- und beschäftigungspolitischen Vorzeichen diskutiert. Die sich umkehrende Alterspyramide stellt die Rentensysteme vor Probleme. Und der Mangel an jungen Fachkräften führt zu Überlegungen, die Zuwanderung von hochqualifizierten Ausländern zu erleichtern. Die Herausforderungen dagegen, die sich für das Gesundheitssystem ergeben, werden erst in Ansätzen thematisiert. Um diesem Defizit zu begegnen, fand jetzt eine wissenschaftliche Tagung an der Universität Witten/Herdecke statt.

Besonders in zwei Punkten waren sich die Experten einig: Ältere Patienten leiden meist an verschiedenen Krankheiten gleichzeitig, was die Versorgung erheblich schwieriger gestaltet. Und: Eine adäquate Versorgung kann in Zukunft nur im Zusammenspiel der Professionen, der Ärzte und der Pflegenden, gelingen.

Die Tagung an der Universität Witten/Herdecke (UWH) trug den Titel „Alter und demografischer Wandel – Forschen für die Versorgung“. Veranstalter waren die UWH in Kooperation mit der Clearingstelle Versorgungsforschung NRW und der Ruhr-Universität Bochum. Die Clearingstelle ist eine Einrichtung zur Vernetzung von Forschungseinrichtungen unter Förderung des nordrheinwestfälischen Landesministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales. In seiner Begrüßung betonte PD Dr. Martin Butzlaff, Dekan der Wittener Fakultät für Medizin, dass sich durch die alternde Gesellschaft ein völlig neues Aufgabenspektrum für die medizinische Versorgung ergebe.

Hier gelte es die Forschungsfragen zu präzisieren, um auf die Herausforderungen der Zukunft adäquat reagieren zu können. Neben der Medizin käme hier auch der Pflegewissenschaft eine große Bedeutung zu.

Zu den pflegewissenschaftlichen Beiträgen der Tagung gehörte der Vortrag „Mangelernährung – oft zu wenig beachtet“. Magda Schreier vom UWH-Institut für Pflegewissenschaft wies auf jüngste Studien hin, wonach 40 bis 85 Prozent der Altenheimbewohner in Deutschland Hinweise für eine Fehl- oder Mangelernährung zeigen. Diese Mangelernährung zeichnet sich oftmals schon zu Hause ab und ist ein häufiger Grund für eine Unterbringung in der stationären Altenhilfe. Der Mangelernährung zu begegnen ist eine „multiprofessionelle Aufgabe“, bei der besonders den Pflegenden eine große Verantwortung zukommt, für die sie häufig mehr Zeit und eine bessere Schulung benötigen.

Die Tatsache, dass ältere Menschen häufig an mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden, hat zur Folge, dass sie auch mehr als nur ein Medikament benötigen. Daraus resultieren nicht unerhebliche „Medikationsprobleme beim alten Menschen“ – so auch der Titel des Vortrags von Prof. Dr. Petra Thürmann, Lehrstuhlinhaberin für klinische Pharmakologie der UWH. Laut einer Studie nehmen rund ein Drittel aller über 70-Jährigen in Deutschland pro Tag drei oder mehr verschiedene Medikamente ein. „Durch diese Multimedikation steigt das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen beträchtlich“, so Frau Thürmann. Ein weiteres Problem: „Medikamente, die wir gegen Nebenwirkungen einsetzen, können ihrerseits wieder Nebenwirkungen hervorrufen.“ Hinzu kommt, dass der Organismus älterer Menschen empfindlicher ist und die Medikamente ihren Nutzen oft nur in Studien mit jüngeren Menschen gezeigt haben.

Die Erkenntnis, dass ein älterer Patient anders behandelt werden muss als ein jüngerer, betonte auch Prof. Dr. Ludger Pientka von der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation des Marienhospitals Herne, eines Klinikums der Ruhr-Universität Bochum. Prof. Pientka und Prof. Thürmann kooperieren ab Herbst in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt, das die Multimorbidität älterer Menschen zum Thema hat. Auf der Tagung sprach Pientka über die „Herausforderung an die stationäre Versorgung durch den demografischen Wandel“. Während bei der Behandlung junger Patienten die Lebenserwartung im Mittelpunkt steht, sollte man, so der Mediziner, bei älteren mehr auf die Lebensqualität achten. Auch ist die Zuordnung von Symptomen zu Krankheiten bei betagten Menschen sehr viel schwieriger. Ziel sollte immer sein, eine Krankenhaus-Einweisung für ältere Menschen zu umgehen, betonte Prof.

Pientka. Besonders für Ältere ist ein Klinikaufenthalt auch eine große psychische Belastung. Bei unvermeidbaren Aufenthalten sollte die Verweildauer so kurz wie möglich sein. Eine nachsorgende Pflege könne viel besser und kostengünstiger in speziellen Einrichtungen oder zu Hause geleistet werden.

Dass die ambulante oder auch häusliche Versorgung eine wesentliche Chance zukünftiger Versorgungsformen darstellt, betonte auch der Wittener Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Wilfried Schnepp. Er stellte das Modell der „Family Health Nurse“ vor. Die „Familiengesundheitsschwester“ könnte regelmäßige Hausbesuche machen und auch als Bindeglied zu Ärzten, Krankenkassen und Pflegeeinrichtungen fungieren. Wie solche Versorgungsformen im Ausland funktionieren, wurde von einem Allgemeinarzt aus Sussex in England vorgestellt: Dr. Stephan Quentin, selbst Alumnus der UWH, berichtete aus seiner Praxis: „Der größte Teil der chronisch Kranken mit Bluthochdruck, Asthma oder ähnlichen Krankheiten wird regelmäßig und mit hoher Qualität von unseren festangestellten Krankenschwestern betreut.

Der Hausarzt wird nur hinzugezogen, wenn die Standard-Behandlung nicht greift. Unser System stärkt die Rolle des Hausarztes.“ In England wird schnell und tiefgreifend auf neue Anforderungen des gesellschaftlichen Wandels reagiert. Ebenso schnell können nicht erfolgreiche Änderungen aber auch wieder zurückgenommen werden. Quentin: „Mehr Flexibilität in gesundheitspolitischen Reformen würde auch Deutschland gut tun.“

Infos: PD Dr. Martin Butzlaff, 02302/926-714, www.versorgungsforschung.nrw.de

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Sigrun Pardon Uni Witten/Herdecke

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