Rewind, Play, Fast Forward?

Ursprünglich nur dazu gedacht, mit einer kurzen Bilderfolge für Pop- und Rocksongs zu werben, hat sich das Musikvideo zu einer eigenen, einflussreichen Form entwickelt, die inzwischen wie vielleicht keine andere Gattung unsere Alltagskultur prägt: Film, Kunst, Literatur, Werbung – sie alle stehen in ihrer Ästhetik, ihren technischen Verfahren, Bildwelten und Erzählstrategien deutlich unter seinem Eindruck.

Vor einiger Zeit begannen auch die Kulturwissenschaftler, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Jetzt organisieren die beiden Frankfurter Kunsthistoriker Prof. Henry Keazor (seit Mitte September Professor an der Universität des Saarlands, vorher Privatdozent an der Goethe-Universität) und Thorsten Wübbena eine internationale Tagung, bei der sich vom 24. bis 26. Oktober zum ersten Mal 21 internationale Wissenschaftler aus Kunstgeschichte, Kultur- Film-, Medien-, Kommunikations-, Musik- und Literaturwissenschaften sowie dem Museum und Galeriewesen zu einem Austausch in Frankfurt treffen.

Die beiden Frankfurter Wissenschaftler sind ausgewiesene Experten auf diesem Feld, bereits 2005 haben sie ein umfassendes Kompendium zur Gattung des Musikvideos unter dem Titel „Video thrills the Radio Star“ veröffentlicht haben. Videoclipregisseure wie David Fincher, Spike Jonze oder Michel Gondry drehen vielbeachtete Kinofilme, Filmregisseure selbst greifen auf die technischen wie bildsprachlichen Errungenschaften des Videoclips zurück; Künstler wie Doug Aitken, Damien Hirst, Floria Sigismondi oder David LaChapelle drehen Musikvideos, während Clip-Regisseure wie Jonas Akerlund oder Chris Cunningham sich mit ihren Arbeiten wiederum erfolgreich im Kunstbetrieb etablieren. Letzterer findet als Person und mit seinen Clips auch in der Roman-Literatur seinen Niederschlag, wo darüber hinaus auch eine Übernahme einzelner dramaturgischer Mittel des Videoclips neue Themen und Erzählstile fördert.

Zugleich befindet sich der Videoclip jedoch momentan ganz offenbar in einer Umbruchphase: Während einige Stimmen angesichts seiner stetig abnehmenden Präsenz im Fernsehen bereits vom Tod des Musikvideos sprechen, deuten andere diesen Rückzug vielmehr als konsequente und sogar neue Rezeptionswege eröffnende Entwicklung. Wieder andere sehen den Videoclip als an einem Punkt angelangt, wo er sich in verschiedene, neue Formen ausdifferenziert, die sich in der Zukunft eigenständig und unabhängig voneinander fort entwickeln werden. „Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die jüngsten Beispiele von Wahlkampfbeiträgen amerikanischer Prominenter, welche die ?Yes we can?-Rede Barack Obamas im Gewand eines Musikvideos neu interpretieren“, erläutert Keazor.

Vor diesem Hintergrund wollen die Wissenschaftler der Genese, Geschichte und möglichen Zukunft dieser Gattung nachgehen und zugleich adäquate Analysemethoden dafür entwickeln, die trotz bereits existierender Ansätze noch weitestgehend in den Kinderschuhen stecken. Denn, so Wübbena: „Die meisten Disziplinen betrachten bisher oft einseitig und isoliert die ihnen vertrauten Elemente des Videoclips.“

Unterstützt wird die Tagung wird von der VolkswagenStiftung, der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität, der Stiftung zur Förderung der internationalen wissenschaftlichen Beziehungen der Goethe-Universität, der Fazit-Stiftung sowie der Mainova.

Informationen: Prof. Dr. Henry Keazor, Institut für Kunstgeschichte, Universität des Saarlandes, Thorsten Wübbena, Kunstgeschichtliches Institut, Goethe-Universität Frankfurt, Tel. (069) 798-28336, info@muvikon08.net

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Ulrike Jaspers idw

Weitere Informationen:

http://www.muvikon08.net/

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