Neurologische Forschung sichtbar machen – die Gewinner des Deutschen Journalistenpreises Neurologie

Haben die Neurowissenschaften und ihre bildgebenden Verfahren die alte Utopie von der Lesbarkeit des Menschen verwirklicht? Dass die Dekodierung der menschlichen Regungen tatsächlich nicht so unproblematisch ist, wie manche Ergebnisse von Neuroimaging-Forscher glauben machen, zeigt Dr. Andreas Bernard in seinem Beitrag „Die Hirnforschung ist die Königin aller Wissenschaften” im SZ-Magazin vom 31.8.2012 auf.

Was auf den ersten Blick wie eine Jubelarie klingt, stellt sich beim Lesen als eindeutige Kritik an den modernen Neuromythen heraus: „Schonungslos führt er dem Leser vor Augen, wie dessen eigene dankbare Gläubigkeit dazu führt, dass nicht hinterfragt wird, was Neuro-Koryphäen verbreiten“, urteilt die Jury. Er entlarvt, wie Nicht-Mediziner, aber auch wie bisweilen die Forscher selber der Hightech-Wissenschaft blind vertrauen – beseelt vom Wunsch, endlich eine Vorstellung vom Unvorstellbaren zu erhalten.

Bernard zeigt dem Leser unerschrocken, dass es bei der Interpretation des Hirnscans um die Frage geht, was tatsächlich gemessen werden kann: keinesfalls die Gefühle und Gedanken an sich, wie die Berichterstattung häufig suggeriert. Andreas Bernard:

„Der Artikel verdankt sich einem gewissen Unmut, dass in der Berichterstattung über die Neurowissenschaften immer so getan wird, als würde inzwischen ein unverstellter Einblick in die Hirntätigkeit des Menschen möglich sein. Die Darstellungsweisen der Hirnforschung werden dabei immer ausgeblendet. Ich habe mit dem Artikel versucht, den indirekten, unsicheren, manchmal auch willkürlich gestifteten Zusammenhang zu beschreiben, der zwischen den Bildern der Hirnforschung und ihrem Gegenstand besteht.”

Der promovierte Literaturwissenschaftler Andreas Bernard (44) arbeitete zunächst als Autor für das Jugendmagazin „jetzt“ der Süddeutschen Zeitung, später in deren Feuilleton, bevor er für das wöchentlich erscheinende Supplement „Süddeutsche Magazin“ tätig wurde. Er veröffentlichte außerdem Bücher, u.a. „Über das Essen“ (2002) und „Geschichte des Fahrstuhls. Über einen beweglichen Ort der Moderne“ (2006). Er lebt in Berlin und München.

Volkart Wildermuth ist Preisträger in der Kategorie „Elektronische Medien“. Er beleuchtete mit seinem Radiofeature im Deutschlandfunk „Das Prion-Prinzip. Der neue Blick auf Alzheimer, Parkinson und Huntington“ differenziert und anschaulich die Mechanismen, die für diese Erkrankungen des Gehirns verantwortlich sind. So nimmt er den Zuhörer mit in internationale Labore, in denen Neurowissenschaftler an der grauen Substanz Verstorbener nach den Ursachen und Auslösern neurodegenerativer Erkrankungen fahnden. Der Zuhörer erfährt, wie Prionen gesunde Strukturen im Gehirn zerstören und wie Forscher versuchen, über das Prion-Prinzip gefürchtete Krankheiten des Gehirns zu stoppen. „Das Ganze so perfekt, dass die Panik, menschliche Krankheiten könnten eng mit BSE und Creuzfeldt-Jakob in Verbindung stehen, gar nicht erst aufkommt. Gerade bei diesem Thema eine hohe Kunst“, so das Urteil der Jury. „Das Thema war ein harter Brocken, weil es doch um recht abstrakte Konzepte geht. Umso schöner, dass die Sendung die Jury überzeugt hat“, freut sich Volkart Wildermuth.

Volkart Wildermuth (51) studierte Biochemie in Tübingen und Berlin und arbeitete parallel als Reporter für den Südwestfunk. Seit 1996 konzentriert er sich auf den Wissenschaftsjournalismus mit dem Schwerpunkt Lebenswissenschaften. Seine mehrfach preisgekrönten Kurzbeiträge und längeren Sendungen, Kommentare und Rezensionen laufen regelmäßig im Deutschlandfunk und im Westdeutschen Rundfunk, in weiteren ARD-Anstalten sowie gelegentlich im Schweizer, Österreicher und Australischen Rundfunk. Volkart Wildermuth moderiert Diskussionsrunden zu Forschungsthemen und ist Autor des Buchs „Biotechnologie. Zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und ethischen Grenzen“. Seit 2007 ist er regelmäßig als Medientrainer für Wissenschaftler tätig. Er lebt in Berlin.

Der Deutsche Journalistenpreis Neurologie wird seit 2008 von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vergeben und ist mit insgesamt 3000 Euro in zwei Kategorien dotiert. Der Preis wird nicht von der Industrie unterstützt. Er würdigt Autoren mit journalistischen Beiträgen für die breite Öffentlichkeit, die sich einerseits durch fundierte Recherche, andererseits aber auch durch journalistische Kompetenz und Kreativität auszeichnen. Jährlich bewerben sich rund 50 Journalisten oder Autorenteams um die Auszeichnung. Die Jury besteht aus dem 1. Vorsitzenden und dem Pressesprecher der DGN sowie renommierten Journalisten, in diesem Jahr Vera Cordes (Visite, NDR), Dr. Joachim Müller-Jung (FAZ) und Dr. Hans Haltmeier (Apothekenumschau). Die Preisverleihung findet im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des 86. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie am Donnerstag, 19. September 2013, von 11:00 – 13:15 Uhr in der Messe Dresden statt.

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V.
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Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 7500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist seit 2008 die Bundeshauptstadt Berlin.

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