Mikrosystemtechnik aus Baden-Württemberg erschließt Zukunftsmärkte

Mit einer zentralen Auftaktveranstaltung in der Alten Reithalle ging am vergangenen Freitag der Spitzencluster MicroTEC Südwest an den Start. Der Verbund zur Mikrosystemtechnik ist eines der größten Technologie-Netzwerke in Europa und vereinigt über 350 Firmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen und mehr als 1.200 Wissenschaftler im Südwesten Deutschlands.

Acht strategische Leitthemenprojekte des Spitzenclusters zeigten in einer Ausstellung und in Vorträgen vor über 250 Teilnehmern den aktuellen Stand ihrer Entwicklungen. Die innovativen Mikrosystemtechnik-Lösungen begegnen zentralen Herausforderungen in Bereichen wie Gesundheit, Umwelt oder Mobilität. Thomas Rachel, Staatssekretär des Bundesministeriums für Forschung und Bildung BMBF, und Ernst Pfister, Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, erläuterten die Notwendigkeit der gezielten Millionen-Förderung – bis zu 5 Mio. Euro kommen vom Land, 40 Mio. Euro stellt das BMBF zur Verfügung.

„Baden-Württemberg ist auf dem Weg an die Weltspitze der Mikrosystemtechnik“ sagte Staatssekretär Rachel in seiner Eröffnungsrede. „Während in den vergangenen zwei Jahren in anderen Wirtschaftszweigen Furcht und Melancholie vorherrschten, sind Querschnitttechnologien offensichtlich krisenresistenter. Auch deshalb fördern wir einen solchen Verbund, weil Innovationen heutzutage eher im kreativen Dialog als beim genialen Einfall eines einzelnen Erfinders entstehen.“

„In unserer Zeit benötigen wir Produkte, die material-, energie- und umweltschonend sind und verschiedenste physikalische und chemische Größen schnell erfassen und verarbeiten. Das heißt, wir brauchen Produkte, die hochintelligent sind“, sagte Wirtschaftsminister Ernst Pfister während des Rundgangs durch die Ausstellung. „Der zentrale Schlüssel zu diesen intelligenten Produkten ist die Mikrosystemtechnik. Mit ihren besonderen Eigenschaften ist sie gerade für klassische Leitbranchen in Baden-Württemberg wie den Automobilbau, den Maschinenbau und die Medizintechnik einer der bedeutendsten Innovationstreiber.“ Weil sich gerade diese Branchen durch eine hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit auszeichnen, sei der Spitzencluster außerdem zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Region geworden.

Hans Jochen Schiewer, Rektor der Universität Freiburg, betonte, dass erfolgreicher Technologietransfer auch eine hohe Qualität der Studierenden voraussetze. „Die Unis müssen aber vor dem Hintergrund des lebenslangen Lernens noch mehr tun. Wir müssen für Weiterbildungsangebote sorgen, die das Einfließen der Spitzencluster-Ergebnisse in die Industrieforschung fördern.“

„Sicherheit in der Mobilität bedeutete vor 150 Jahren vor allem nicht vom Pferd zu fallen“, erläuterte Stefan Kampmann, Bereichsvorstand bei der Robert Bosch GmbH, mit Blick auf den historischen Tagungsort. „Heute wollen wir mehr: Bei schneeglatter Fahrbahn sicher durch die Kurve fahren, Fußgänger am Fahrbandrand auch bei Nacht erkennen oder sicher und robust das Funktionieren der Abgasreinigung in unseren Autos überprüfen lassen – dies alles wäre ohne Mikrosystemtechnik nicht möglich und vor allem für den Endverbraucher kaum bezahlbar.“

„Etwa jedes siebte Patent aus dem MST-Bereich kommt aus dem Cluster MicroTEC Südwest“, betonte Eckehardt Keip, Vorstandvorsitzender Mikrosystemtechnik BW e.V., während der Veranstaltung. „Weltmarktführer entwickeln und produzieren in diesem Cluster – das ist die größte europäische Ansammlung von Spitzenforschung in der Mikrosystemtechnik. Unser Ziel ist klar: Wir wollen gern Erfinder bleiben, aber auch Produzent sein. Das Abwandern ganzer Branchen, wie es zum Beispiel bei der Unterhaltungselektronik der Fall war, wird uns bei der Mikrosystemtechnik nicht passieren. Hier wird der Anspruch ‚Made in Germany‘ seinem traditionell guten Ruf gerecht.“

Das Clustermanagement MST BW organisiert zurzeit 350 Akteure und ist zugleich zentrale Koordinationsstelle. Auch für die Identifikation erfolgversprechender Zukunftsfelder ist MicroTEC Südwest zuständig. Denn die Mikrosystemtechnik ist eine Querschnittstechnologie, die in einer Vielzahl von Anwendungsbereichen für die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen von herausragender Bedeutung sind. „Unser Ziel ist es, MicroTEC Südwest auch als Referenzcluster in den Bereichen Management und Strategieprozesse zu entwickeln“, bringt Peter Jeuk, Geschäftsführer von MST BW die Aktivitäten auf den Punkt.

Durch den Aufschwung der Mikrotechnologien sollen bis 2020 im Cluster mehr als 62.000 neue Arbeitsplätze und Dutzende neuer Hightech-Firmen entstehen. Eine 2009 erstellte Marktstudie der Prognos AG untermauert dieses Ziel. Die Unternehmen im Cluster wollen ihren Umsatz mit Mikrotechnologien bis 2020 auf 48 Milliarden Euro verdreifachen.

Zu den strategischen Leitthemen des Spitzenclusters MicroTEC Südwest gehören:

Leuchtturm Mobilität: robuste und effiziente Sensorik
Ziel des Projekts ist es, im Straßenverkehr weniger Umweltbelastung zu erzeugen und eine höhere Verkehrssicherheit zu erhalten. Mit der Stuttgarter Robert Bosch GmbH an der Spitze werden hier die Entwicklung und Fertigung neuartiger Mikrosensoren für Fahrzeuge und industrielle Anwendungsfelder vorangetrieben. Sie sollen zum Beispiel in Nachtsichtsystemen für Fahrzeuge zum Einsatz kommen, die Lebewesen anhand der Körperwärme auch außerhalb des Scheinwerferlichts erkennen und so Kollisionen vorbeugen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung robuster Druck- und Rußpartikelsensoren, welche die Abgase überprüfen, die der Rußpartikelfilter im Dieselfahrzeug entlässt. Sie stellen fest, ob dieser noch einwandfrei arbeitet.
Leuchtturm Gesundheit
Unter dem Stichwort „personalisierte Medizin“ entstehen hier Produkte, die Behandlungsmethoden in Zukunft wirksamer und kosteneffizienter machen. Ein Schlüssel hierfür sind zum Beispiel mikrotechnische Bausteine und Herstellungsverfahren für In-vitro-Diagnosegeräte. Diese sorgen für eine schnelle und einfache Analyse des Gesundheitszustands eines Patienten zum Beispiel in der Arztpraxis, am Unfallort oder am Krankenhausbett, was zeitaufwendige Laboruntersuchungen vermeidet.
Produktionsplattform PRONTO
Die Plattform ist geeignet für alle, die eigene Ideen für Mikrosysteme in konkrete Lösungen umsetzen möchten. Wer keine eigene Entwicklungs- und Produktionsplattform besitzt, kann auf PRONTO zurückgreifen, ohne auf eine reproduzierbare Qualität verzichten zu müssen. Auf diese Weise wird die Fertigung von Kleinserien möglich. Auch als Grundlage für eigene Fertigungslinien ist die Plattform geeignet – PRONTO bietet einen kalkulierbaren Einstieg in die Mikroproduktion.
Integrationsplattform SSI
Die Aufgabe von SSI ist es, Innovationen durch die Standardisierung technologischer und organisatorischer Schnittstellen zu beschleunigen. Zukunftsthemen wie Energiewandlung, Energiespeicherung oder drahtlose Kommunikation durch wartungsfreie, permanent verfügbare Bausteine integriert die Plattform in miniaturisierte Systeme. Sie schafft als Basis für die Querschnittstechnologie Mikrosystemtechnik neue Leuchtturmprojekte in den Bereichen Gesundheit, Mobilität, Smart Buildings oder Automatisierung.
Innovationsförderung PROMITIS
Hierbei geht es um die Initiierung und Beschleunigung von Innovationsprojekten für den Mittelstand und für Start-ups. Lotsen stehen in den lokalen Zentren des Clusters bereit, um Verbindungen zwischen den Akteuren und Projekten des Clusters zu knüpfen. Ihre Aufgabe ist es, Interessierte und Beteiligte durch die Welt der Mikrosystemtechnik im Südwesten zu navigieren. Eine zentrale Internetplattform sowie ein geplantes Technologiezentrum sind die zentralen Foren für den Dialog aller Institutionen, Fachbereiche und Branchen.
Produktentstehungsprozesse OPTIMUS-SC
Integrierte Methoden und Prozesse sollen den Innovationserfolg beschleunigen. OPTIMUS wendet sich an alle, die ihre Effektivität und Effizienz in (kooperativen) Produktentstehungsprozessen erhöhen möchten. Dazu werden Methoden zur Systematisierung der Produktentstehung entwickelt und dauerhaft verankert, Bewertungssystematiken für Technologiereifegrade und Entwicklungsvorhaben entworfen und umgesetzt.
MicroTEC Worldwide
Mit der Entwicklung und Umsetzung einer Internationalisierungs- und Vermarktungsstrategie sollen der Cluster und seine Akteure weltweit bekannt werden. Ein Netz von Stützpunkten im Ausland hilft ebenso wie die Kooperationsanbahnung und Vernetzung aller Beteiligten, die mikrosystemtechnischen Innovationen aus dem Südwesten Deutschlands international zu positionieren.
MicroTEC Academy (MAC)
Die Academy hat das Ziel, die Sichtbarkeit des Clusters auch bei jungen Leuten im Ausland zu erhöhen. Sie schafft Zugang zu internationalen Fachexperten und entwickelt Methoden zur berufsbegleitenden Weiterqualifizierung für Akademiker sowie neue Qualifikationsprofile in der Mikrotechnologie. Auf diese Weise sichert MAC den langfristigen Fachkräftebedarf des Clusters und sorgt für die Verzahnung von Hochschulen und Industrie.
Über MicroTEC Südwest
Die Clusterregion im Südwesten Deutschlands vereinigt über 350 Firmen, Hochschulen und Forschungs¬einrichtungen und mehr als 1.200 Wissenschaftler. Sie ist damit eines der größten Technologie-Netzwerke in Europa. Etwa jedes siebte weltweit erteilte Patent zur Mikrosystemtechnik kommt aus dem Spitzencluster. Der Verband Mikrosystemtechnik Baden-Württemberg e.V. mit Sitz in Freiburg koordiniert und leitet die Aktivitäten innerhalb der Allianz. Ziel von MicroTEC Südwest ist es, die international führende Stellung Baden-Württembergs im Bereich der Mikrotechnologien zu stärken – sowohl in der Ausbildung und Forschung als auch in der Produktentwicklung und Fertigung. Mit Global Playern wie Bosch, Daimler, Festo, Zeiss, SICK, Endress+Hauser, Faulhaber, Balluff oder Aesculap sowie vielen innovativen mittelständischen Unternehmen bildet der Cluster MicroTEC Südwest eine branchenübergreifende Basis für zukünftige Leitinnovationen und für neues Wachstum. Weitere Informationen zu MicroTEC Südwest im Internet unter: www.microtec-suedwest.de
Kontakt
Mikrosystemtechnik Baden-Württemberg e.V. (MST BW)
Management des Spitzenclusters MicroTEC Südwest
Peter J. Jeuk (Geschäftsführer)
Emmy-Noether-Straße 2, 79110 Freiburg
Telefon 0761 897598-75, E-Mail mailto:peter.jeuk@mstbw.de

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