Hochleistungswerkstoffe für Europas schnellstes Renntretboot

Robert Tietze und Benjamin Milkereit (vorne) auf annaX beim Start zum 10 m Sprint. (Foto: Uni Rostock)

Strahlende Gesichter, geballte Fäuste, jubelnde Hände, Umarmungen, Laola‐Wellen am Wasserrand. Vor wenigen Augenblicken ist das 100 m‐Sprint Finale zu Ende gegangen. Die Königsdisziplin der schnellsten Boote der Internationalen Waterbike Regatta. Und die Rostocker Tretbootfahrer haben Grund zur Freude.

AnnaX, das Flagschiff der Hansestädter, zeigte sich wieder einmal als unschlagbar im Feld der 33 Tretboote. In den Vorläufen, im Halbfinale und auch im Rennen der schnellsten vier Tretboote fuhren die Rostocker eine Bestzeit nach der anderen und stellte erneut ihre Dominaz bei Sprint‐ und Langstreckendisziplinen eindrucksvoll unter Beweis.

AnnaX: Renntretboot für Höchstgeschwindigkeiten als Zweirumpf‐Outrigger‐Konstruktion nach klassischem, polinesischem Vorbild, Rumpf aus Carbonfaserverstärktem Epoxidharz als Sandwichkonstruktion mit Polyurethanschaum und Wabenkern und einem Antrieb aus seewasserbeständigen Wellen und Propeller aus höchstfesten Aluminiumlegierungen, knapp 6 m lang, 45 kg leicht und bis zu 12 kn schnell.

Bereits seit mehr als 30 Jahren werden an schiffbauenden Universitäten in Deutschland und in ganz Europa Renntretboote konstruiert, gebaut und bei internationalen Regatten erprobt. Was zunächst ein Domizil der Schiffbauer war, denn um Wasserfahrzeuge ging und geht es immer noch, zeigt sich heute als weites Lernfeld für Studierende mit breiter interdisziplinärer Verknüpfung. Ein hoher Grad an Eigenmotivation, Entdeckerfreude und Forscherdrang ermöglicht den Studierenden auf entdeckende und damit nachhaltige Weise Erlerntes in einen konkreten, praktischen Bezug zu setzen und mit Spaß und hoher Fehlertoleranz zu erproben. Real gefertigte Bauteile als Lösungen von fächerübergreifenden Kooperationen sind das schwimmende Ergebnis.

Eine weitere Disziplin der jährlichen Internationalen Waterbike Regatta im Siebenkampf zu Wasser ist ein Rennen über 100 m vorwärts und 100 m Rückwärts mit zwischenzeitlichem Aufstoppen. „Im Jahr 2009 belegten wir mit AnnaX den 12 Platz.“ Berichtet Dr.‐Ing. Benjamin‐Milkereit. Der ehemalige Student und heutige Mitarbeiter des Lehrstuhles für Werkstofftechnik der Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik an der Universität Rostock gehört seit Jahren zum Waterbiketeam, war Kapitän der Mannschaft und leitete den Bau von AnnaX.

„Wir mussten über technische Lösungen nachdenken, die dem Boot bessere Platzierungen in dieser Disziplin ermöglichen. Für eine bessere Anströmung beim Rückwärtsfahren haben wir zwei Rumpfergänzungen für das Heck und eine modifizierte Ruderanlage konstruiert und gebaut. Um den Weg des Aufstoppens deutlich zu verringern, kamen im Jahr 2011 zwei Umkehrschub‐Brems‐Schaufeln hinzu.“ Der Erfolg dieser Ideen zeigt sich in den Ergebnislisten dieser Disziplin: Zweitbeste Zeit im Vorlauf und im ersten Halbfinale für AnnaX.

Neben den Fachleuten für die ingenieurwissenschaftlichen Fragestellungen aus Werkstoff‐ und Antriebstechnik wie auch aus Konstruktion und Strömungslehre braucht ein erfolgreiches Waterbiketeam viele weitere Spezialisten. Projektmanagement, Betriebswirtschaft, Führung und Arbeiten im Team, Moderation und Kommunikation von Entscheidungsprozessen, der Umgang mit Stress und Termindruck, die Kooperation zwischen Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Professoren unterschiedlichster Fachrichtungen, Öffentlichkeitsarbeit und interkultureller Austausch sind unverzichtbare Bestandteile auf dem Weg zum Sieg in der Königsdisziplin.
Ein bisschen verrückt sind sie schon und auch kunterbunt trotz schwarzer T‐Shirts. Der Spaß kommt nicht zu kurz, auch wenn der sportliche Erfolg das Ergebnis ernsthafter wissenschaftlicher und technischer Arbeit ist. Mehrere Studien‐ und Diplomarbeiten konnten zu Fragestellungen aus dem Umfeld des Waterbiketeams erfolgreich bearbeitet und wissenschaftlich begleitet werden. Der Zusammenhalt über viele Generationen von Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen stärkt den Charakter eines gelebten sozialen Netzwerkes, das weit über die eigene Studienzeit hinaus trägt. Da muss es nicht wundern, das auch Herren in Anzügen mit grauen Schläfen und Lesebrillen mit dabei sind, wenn der Kampf Bug an Bug geführt wird oder die Fachsimpelei an Land erfreut.

Das Waterbiketeam der Universität Rostock plant längst schon den nächsten Coup: Ein neues Boot! Für die Umsetzung werden begeisterungsfähige Studierende aller Fachrichtungen gesucht.

Kontakt:
Universität Rostock
Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik
Lehrstuhl für Werkstofftechnik
Prof. Olaf Keßler
T: 0381 498 9470
e-mail: olaf.kessler@uni‐rostock.de

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Ingrid Rieck Universität Rostock

Weitere Informationen:

http://www.uni‐rostock.de

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