Wenn Kinder keine Schultüten brauchen

„Somit kann das Forschungsprojekt weiter geführt werden, das wir bereits seit 2008 durchführen“, freut sich Dr. Katrin Hille vom ZNL, das von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, geleitet wird.

Um was geht es beim „Bildungshaus 3 – 10“? In diesem Modellprojekt des Landes Baden-Württemberg entwickeln Kindergärten und Grundschulen neue Wege der Zusammenarbeit, um ihre pädagogische Arbeit miteinander zu verzahnen. So entstehen neue Formen der Kooperation, bei denen nicht nur der fachliche Austausch zwischen Erzieherinnen und Lehrerinnen intensiviert wird, sondern in denen auch die Kinder aus Schule und Kindergarten zusammenkommen und im Miteinander lernen. Ein wichtiges Ziel: Kindern den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule zu erleichtern.

Über ganz Baden-Württemberg verteilt nehmen 32 Modellstandorte an der wissenschaftlichen Begleitstudie des ZNL teil. Hinzu kommen 25 Vergleichsstandorte, die ebenfalls von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des ZNL untersucht werden. Einen besonderen Stellenwert nimmt die Dokumentation ein, denn erst Auswertung und wissenschaftliche Interpretation der umfassenden Daten schaffen auch nach 2015 (dann wird die ZNL-Studie abgeschlossen sein) die Grundlage für die erfolgreiche Weiterentwicklung interinstitutioneller Kooperationen.

„Wir haben eine Längsschnittstudie konzipiert“, erläutert Dr. Petra Arndt, die zusammen mit PD Dr. Kerstin Kipp die Projektleitung von Dr. Katrin Hille übernommen hat. „Im Rahmen dieser Studie betrachten wir die gesamte Bildungsbiographie der Kinder im Verlauf ihrer Kindergarten- und Grundschulzeit – das sind in aller Regel sieben Jahre. Wie entwickeln sich die Kinder im Bildungshaus? Wie entwickelt sich die Qualität der Einrichtungen? Wie erleben die pädagogischen Fachkräfte die Auswirkungen des jeweiligen Modellprojekts? Das sind nur einige zentrale Fragen, denen wir uns widmen“, so Dr. Arndt weiter.

„Wir betonen in Gesprächen immer wieder, dass wir nicht die Schule in den Kindergarten bringen möchten“, ergänzt Dr. Kerstin Kipp. „Uns geht es eher um die Bereitstellung eines ,Werkzeugkoffers’ für die praktische Umsetzung von Kooperationen. Die Bildungshäuser sind sehr, sehr unterschiedlich – hier gibt es keine Patentrezepte, die wir überstülpen können und wollen. Zwar geben wir Ziele vor, doch die Wege dahin können frei gestaltet werden.“

Was bedeutet das für die Praxis? Wie lassen sich die Begriffe „Bildungsbiographie“, „Werkzeugkoffer“ und „Längsschnittstudie“ mit Leben füllen? Drei Beispiele aus verschiedenen Bildungshäusern – aufgeschrieben von Mitgliedern des rund fünfzehnköpfigen ZNL-Projektteams. In ihm sind vor allem Pädagogen und Psychologen vertreten.

a) Der Besucherpass
Ein Vorschulkind im Kindergarten ist unzufrieden. „Ich möchte gerne Lesen lernen!“, ist seine Forderung. Der offizielle Schulanfang ist jedoch noch weit entfernt. Aber nichts macht mehr Spaß: kein Baubereich, kein Kreativangebot und kein Rollenspiel. Die Erzieherinnen und Lehrkräfte beschließen, dem Kind einen Besucherpass zu geben. Diesen können Vorschulkinder beantragen, wenn sie vormittags an der Freien Stillarbeit des Anfangsunterrichts der Schule teilnehmen möchten. Sechs Wochen lang nutzt der Junge seinen Besucherpass, sechs Wochen lang übt er sich in Freier Stillarbeit in der Schule – und alles scheint in Ordnung zu sein. In der siebten Woche kommt er morgens wie selbstverständlich wieder in den Kindergarten, hängt seine Jacke auf, zieht seine Hausschuhe an und geht ins Freispiel. Die Erzieherinnen wundern sich. Sie fragen ihn, warum er denn plötzlich nicht mehr in die Schule geht.

Antwort des Jungen: „Wozu, ich kann doch jetzt lesen.“

b) Vierjährige macht Schülerin Mut
Nicht nur Große helfen den Kleinen, sondern auch umgekehrt: Im Bildungshaus Münsingen-Hundersingen traut sich eine Schülerin erst über den Schwebebalken, als ihr eine Vierjährige zur Seite springt, die Hand hoch streckt und ermutigend meint: „Das schaffst du. Ich halte dich!“ Und sie schaffte es.
c) Wozu Schultüten?
Es ging auf den Sommer zu, die Einschulung der Bildungshauskinder im Kindergarten rückte näher. Wie jedes Jahr plante die Erzieherin, mit den Vorschülern Schultüten zu basteln. Doch viele Kinder meinten: „Wir brauchen gar keine Schultüten!“ Die Erzieherin war über alle Maßen irritiert. „Ihr braucht keine Schultüten?“ – „Nein, Schultüten kriegen Kinder, die in die Schule kommen, wir sind ja längst im Bildungshaus.“

„Diese Beispiele zeigen, dass es für Pädagoginnen und Pädagogen aus Kindergärten und Schulen stets eine besondere Herausforderung bedeutet, auf Kinder individuell einzugehen. Genau das ist aber wichtig vor dem Hintergrund eines sich verändernden Bildungs- und Lernverständnisses. Mit unserer Arbeit möchten wir den Prozess der pädagogischen Zusammenarbeit von Kindergarten und Schule befördern. Es geht aber auch darum, auf beiden Seiten vorhandene Vorurteile und Wissenslücken über die jeweils andere Institution abzubauen. Die Zusammenarbeit in den Bildungshäusern schafft die Voraussetzungen für ein besseres Verstehen der jeweils anderen Institution. Und das kommt ohne Zweifel den Kindern zugute“, so Dr. Petra Arndt abschließend.

Weitere Informationen:
Im Internet ist das Projekt unter www.znl-bildungshaus.de zu finden. Die Internet-Adresse des ZNL lautet www.znl-ulm.de .

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL), ein Drittmittelprojekt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III der Universität Ulm, sind davon überzeugt, dass wir weltweit am Anfang einer Integration von Gehirn- und Bildungsforschung stehen. Seit seiner Gründung im April 2004 konzentriert sich das ZNL auf beide Forschungsrichtungen. Ein Umstand, der es ihm ermöglicht, bildungsrelevante Erkenntnisse der Neurowissenschaften von der Theorie in die Praxis zu übertragen. Das interdisziplinär arbeitende Team aus Psychologen, Pädagogen und anderen Wissenschaftlern betreibt dazu Grundlagenforschung, führt Evaluationen durch und begleitet Bildungseinrichtungen in der Weiterentwicklung ihrer pädagogischen Arbeit.

Gerne vermitteln wir Ihnen Gesprächspartner. Bitte nehmen Sie Kontakt zu Jörg Portius, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Universitätsklinikum Ulm, unter der Rufnummer 0731 500-43043 auf.

Ansprechpartner für Medien

Jörg Portius idw

Weitere Informationen:

http://www.znl-ulm.de

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