Hochschulpakt 2020 Phase I – eine gelungene Generalprobe

1. Der bundesweite Anstieg der Studienanfängerzahlen fiel mit insgesamt 187.000 zusätzlichen Studienanfänger(innen) gegenüber 2005 deutlich höher aus als im Hochschulpakt anvisiert (plus 91.370). Damit haben sich die vorsichtigen CHE-Vorausberechnungen als durchaus belastbar erwiesen, die ein Plus von mindestens 140.000 Studienanfänger(innen) prognostiziert haben. Hinter der politischen „Übererfüllung“ des Planungssolls verbirgt sich jedoch im besten Falle nur eine Erfüllung – nämlich dass alle Studieninteressierten einen Studienplatz gefunden haben.

2. Der Hochschulpakt hat in seiner ersten Phase 85 Mio. € für die ostdeutschen Länder bereitgestellt, um die durch die demographischen Entwicklungen frei werdenden Studienplätze durch die erhöhte Nachfrage aus den westdeutschen Ländern aufzufüllen. Diese Maßnahme war ein voller Erfolg. Tatsächlich verzeichneten die ostdeutschen Länder statt einer geplanten schwarzen Null ein deutliches Plus von insgesamt 25.000 zusätzlichen Studienanfänger(innen) (gegenüber 2005), womit auf sie 13% des bundesweiten Aufwuchses entfällt.

3. Nicht nur die Summe der Studienanfänger(innen) ist in den letzten Jahren gestiegen, sondern auch die Anzahl der Professor(innen) an deutschen Hochschulen. Nach einem historischen Tief in 2006 (37.700) waren 2009 etwa 2.100 Hochschullehrer mehr eingestellt. Der personelle Ausbau konnte jedoch nicht mit der gestiegenen Studiennachfrage mithalten, so dass sich das Betreuungsverhältnis (Studienanfänger(in) je Professor(in)) im gleichen Zeitraum von 9,2 auf 10,7 verschlechterte. Mit Blick auf die weitere Gestaltung des Studienplatzausbaus ergibt sich daraus die Forderung, dass es zwischen der Zulassung von mehr Studienanfänger(innen) und der Betreuungsqualität keinen Trade-Off geben darf.

Diese Ergebnisse beweisen, dass Bund und Länder in gemeinsamer Anstrengung bildungspolitisch ambitionierte Ziele erreichen können, auch wenn noch Raum für Verbesserungen festzustellen bleibt.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Im nächsten Jahr beginnt die zweite Phase des Hochschulpaktes 2020, in der mindestens mit der dreifachen Anzahl an zusätzlichen Studienanfänger(innen) zu rechnen ist. Angesichts neuer Prognosen ist jedoch zu erwarten, dass die aktuelle Planung (+275.000 zwischen 2011 und 2015) nicht ausreichen wird. CHE Consult wird dazu in Kürze eine neue Modellrechnung vorlegen. Verschärfend tritt die bevorstehende Aussetzung der Wehrpflicht hinzu, die einen zusätzlichen Andrang der Studienanfänger(innen) just in den nächsten zwei bis drei Jahren erwarten lässt.

Die erste Phase des Hochschulpaktes kann insgesamt als gelungen bezeichnet werden. In der zweiten Phase aber müssen sich nun Bund und Länder einer – nicht nur quantitativ – erheblich größeren Herausforderung stellen:

1. Der vorübergehende Anstieg der Studierendenzahlen geht nicht allein auf die Schulzeitverkürzung am Gymnasium zurück, sondern auch auf eine kurze demographische Erholung, besonders aber auf einen anhaltenden Trend zu den höheren Bildungsabschlüssen. Wenn diese erfreuliche Entwicklung andauert, dann ist damit zu rechnen, dass noch sehr viel mehr junge Menschen einen Studienplatz suchen werden. Diesen Trend berücksichtigt die Planung für die zweite Phase des Hochschulpakts bisher nur unzureichend.

2. Der Fachkräftemangel, von dem jetzt schon so viel die Rede ist, wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 60er Jahre aus dem Berufsleben auszusteigen beginnen. Daher müssen wir alles daran setzen, eher noch zusätzliche junge Menschen für ein Studium zu motivieren.

3. Um den Akademikerbedarf mittel- und langfristig zu sichern, müssen wir daher auch bisher unterrepräsentierte Gruppen für die Hochschulen gewinnen und zum Studienerfolg führen. Die extreme soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems ist nicht nur eine nicht länger akzeptable Ungerechtigkeit, sondern sie wird mit Blick in die Zukunft auch erhebliche volkswirtschaftliche Probleme provozieren.

Kürzungen von Hochschuletats und Untertunnelungs-Strategien können angesichts dieser Herausforderungen nicht das Gebot der Stunde sein. Sie können nicht helfen, das gegebene Versprechen einzulösen, der jungen Generation ein quantitativ und qualitativ angemessenes Bildungsangebot verfügbar zu machen.

Ansprechpartner:
Gunvald Herdin
05241 2117955
Gunvald.Herdin@CHE-Consult.de

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Britta Hoffmann-Kobert idw

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