Mehr, schneller und besser Lesen

„Wer nicht flüssig lesen kann, arbeitet sich mühsam Wort-für-Wort durch einen Text und schafft es kaum Zusammenhänge zu erfassen. Diese Schülerinnen und Schüler empfinden das Lesen als permanente Anstrengung und Bedrohung – so schließt sich ein Teufelskreis des Nicht-Lesens“, beschreibt die Frankfurter Literaturdidaktikerin Prof. Cornelia Rosebrock das Dilemma, in dem sich besonders viele Jugendliche in Hauptschulen befinden. Wirksame Fördermaßnahmen für diese Schülergruppe zu entwickeln und ihre Effizienz auch zu überprüfen, ist das Ziel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts „Leseflüssigkeit“, dessen erster Teil am Mittwoch abgeschlossen wurde.

Über 400 Schüler von 17 Hauptschulen im Rhein-Main-Gebiet wurden zum Abschluss auf den Campus Westend eingeladen. Sie haben seit September 2006 an dem Projekt „Leseflüssigkeit“ teilgenommen, das von Literaturdidaktikern und pädagogischen Psychologen unter Leitung von Prof. Dr. Cornelia Rosebrock und Prof. Dr. Andreas Gold initiiert wurde. Am heutigen Mittwoch wurden im Festsaal des Casinos die Klassen ausgezeichnet, die bei der „Lese-Reise“ und der „Lese-WM“ am meisten und am genauesten gelesen haben. Zudem konnten die Hauptschüler auch Uniluft schnuppern.

Zwar treten bei den Hauptschülern – wie die PISA-Studie ermittelte – die größten Probleme beim Lesen auf, doch ist nach wie vor kaum erforscht, wie wirksam Fördermaßnahmen für diese Jugendlichen sind. Dazu Gold: „In der Debatte, wie Lesefähigkeit und Leseverstehen deutscher Schüler zu verbessern sind, fehlt oftmals der realistische Blick auf die tatsächlichen Lernvoraussetzungen der Jugendlichen.“ Das Frankfurter Wissenschaftler-Team hat nun speziell für Hauptschüler zwei Fördermethoden, „Stille Lesezeiten“ und „Lautlese-Tandems“, entwickelt und diese nach einer Fortbildung mit den Lehrern im Unterricht der sechsten Klassen erprobt. Beide Methoden wurden erfolgreich von den Lehrern in den normalen Deutschunterricht an der Hauptschule integriert.

Die Fördermethode „Stille Lesezeiten“, die in 13 ausgewählten Klassen angewandt wurde, greift die gängige These „Lesen lernt man vor allem durch Lesen“ auf. Dreimal pro Woche werden 20 Minuten der Unterrichtszeit für die stille Lektüre von Büchern zur Verfügung gestellt. Die Schüler wählen ihre Lektüre aus einer Lesekiste in der Klasse frei aus, sie enthält 70 unterschiedlich anspruchsvolle Titel der klassischen und aktuellen Kinder- und Jugendliteratur. Die Schüler sind nicht verpflichtet, ein Buch ganz zu Ende zu lesen oder im Unterricht darüber zu sprechen. Allerdings müssen die Schüler jedem Buch eine „Zehn-Seiten-Chance“ geben. „So versuchen wir die Lust am Lesen und an der Entdeckung neuer, fiktionaler Welten zu wecken, ohne gleichzeitig zusätzliche Anforderungen zu stellen“, erklärt Rosebrock. Jeder Einzelne begibt sich gleichzeitig für die ganze Klasse auf „Lese-Reise“, denn es gilt mit dem Eintrag in einen Lesepass möglichst viele „Buch-Meter“ zu erlesen.

In den neun ausgesuchten Lautlese-Klassen wurden Schülerpaare gebildet, die gemeinsam als „Lese-Trainer“ und „Lese-Sportler“ regelmäßig über mehrere Leseetappen hinweg unbekannte Texte lasen. „Dabei wirken sich nachweislich vor allem zwei Prinzipien förderlich auf die Leseflüssigkeit aus: die Wiederholung und die Vorbildfunktion“, so Gold. Dreimal in der Woche für jeweils 20 Minuten bilden bei dieser Methode gute Leser mit schwächeren Lesern ein Lautlese-Tandem: Sie lesen die Texte mehrfach „im Chor“. Verliest sich der Schwächere und korrigiert sich selbst, beginnen beide noch mal am Satzanfang. Findet keine Selbstkorrektur statt, zeigt der Lese-Trainer auf das falsch gelesene Wort, liefert die korrekte Aussprache und versucht, bei unbekannten Wörtern Erläuterungen zu geben. Der „Lese-Sportler“ wiederholt daraufhin das richtige Wort und beide starten wieder am Satzanfang. Wenn der schwächere Partner schon längere Zeit ohne Fehler liest und sich beim Vorlesen – ermuntert vom Lob seines Coachs – zunehmend sicherer fühlt, liest der Trainer nur noch leise mit, bis wieder Fehler auftreten. Um die Motivation zu steigern, wird auch diese Methode in eine Rahmenhandlung eingebunden: Die Klasse nimmt an einer „Lese-WM“ teil, für die die Zweier-Teams gemeinsam das Lesen trainieren.

In der nun bevorstehenden Projektphase wird ermittelt, wie sich diese beiden Methoden auf die Lesegeschwindigkeit ausgewirkt haben – und was sich im Vergleich zu den Kontrollgruppen von acht Klassen, die ihren herkömmlichen Deutschunterricht hatten, geändert hat. „Wir vergleichen das Lesetempo vor und nach der viermonatigen Förderphase sowie am Ende des Schuljahres. Darüber hinaus werden wir auch Daten zum Leseverständnis und -motivation erheben und auch die individuellen Unterschiede berücksichtigen“, ergänzt Gold. Mit den Ergebnissen dieser empirischen Auswertung wird das Team, zu dem als wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Isabel Trenk-Hinterberger, Daniel Nix und Carola Rieckmann gehören, im Frühsommer an die Öffentlichkeit treten. Schon jetzt zeichnet sich aber ab, so Trenk-Hinterberger, „dass die beiden Methoden mit Erfolg in den Unterricht implementiert werden konnten und dass die Projektklassen von den Fördermethoden profitiert haben“.

Nähere Informationen: Prof. Dr. Cornelia Rosebrock, Institut für Deutsche Sprache und Literatur I, Telefon 069/ 798-32559, E-Mail: c.rosebrock@em.uni-frankfurt.de; Prof. Dr. Andreas Gold, Institut für pädagogische Psychologie, Telefon 069/ 798-23243, E-Mail: gold@pvw.uni-frankfurt.de

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Ulrike Jaspers idw

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