Sind wir alle erbkrank?


Priv.-Doz. Dr. Wolfram Henn vom Institut für Humangenetik der Universität des Saarlands im Schwerpunktheft „Biowissenschaften“ der UNIVERSITAS.

Die monatlich erscheinende Wissenschaftszeitschrift startete im Januar dieses Jahres mit einem Relaunch und präsentiert sich ihren Lesern jetzt mit einem modernen Design, das dem wissenschaftlichen Inhalt ein ästhetisches Umfeld bietet. Die traditionsreiche Publikation, die seit 1946 den Dialog zwischen Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften fördert, will gemäß dem neuen Untertitel „Orientierung in die Wissenswelt“ bringen.

Trotz seiner Unzulänglichkeit schon im medizinischen Alltag hat sich das simplistische Verständnis von Normalität mit großer Hartnäckigkeit auch in der Wissenschaft gehalten. Besonders deutlich wird dies bei der Beurteilung der Rolle von Erbfaktoren für die Entstehung von Krankheiten.

Gesund – krank – normal – abnorm: Unser intuitives Verständnis von Gesundheit, und in seiner Folge die Tradition der wissenschaftlichen Medizin, ist durch dichotome Einstellungen geprägt. Im Sprachgebrauch wird der Gesundheit die Krankheit oder die Behinderung gegenübergestellt unter der impliziten Annahme, für jede Struktur und jede Funktion gebe es einen definierbaren, keine Abweichung zulassenden Normalzustand. Das ist eine unzulässige Vereinfachung, da es gerade für komplexe, von mehreren Einflussfaktoren bestimmte Merkmale zum einen Abweichungen von der statistischen Norm nach oben, zum anderen fließende Übergänge zwischen Regelzustand und Defekt gibt. Wo beispielsweise die Grenzen der normalen Intelligenz zur Hochbegabung auf der einen Seite und zur Minderbegabung und geistigen Behinderung auf der anderen Seite liegen, ist keineswegs objektiv beschreibbar. Nicht umsonst befasst sich mit dem Gutachterwesen ein ganzer Zweig der Medizin damit, den Schweregrad von Krankheiten oder Behinderungen zu quantifizieren.

Dr. Henn, der als genetischer Berater am Institut für Humangenetik an der Universität des Saarlands tätig ist und seit dem Jahr 2000 die Arbeitsgruppe „Reproduktionsmedizin und Embryonenschutz“ der Akademie für Ethik in der Medizin koordiniert, stellt in seinem UNIVERSITAS-Beitrag fest, dass es mehrere tausend, meist sehr seltene, monogene Erbleiden gibt, und wohl jeder Mensch mit hoher Wahrscheinlichkeit mischerbiger Anlageträger für eine oder mehrere Erbkrankheiten ist, ohne es zu wissen. So versagen unsere intuitiven Begriffe von Gesundheit und Krankheit bereits bei den scheinbar einfachen biologischen Zusammenhängen der klassischen Erbleiden.

Henn sieht in dem Reservoir an genetischen Varianten für die Menschheit, wie für jede Tier- und Pflanzenart auch – eine Manövriermasse für die Evolution, die unter sich ändernden biologischen Umweltbedingungen den Bestand der Art sichern kann. Diese evolutionäre Notwendigkeit genetischer Vielfalt ist, jenseits aller ethischen Überlegungen, ein schlagendes naturwissenschaftliches Argument gegen jeden Versuch gezielter Vereinheitlichung des menschlichen Genbestands durch Eugenik. Was heute als nutzlose oder schädliche genetische Variante erscheinen mag, kann sich morgen durch eine globale biologische Katastrophe als Schlüssel zum Fortbestand der Spezies Mensch erweisen.

Weitere Beiträge im Schwerpunkt „Biowissenschaften der UNIVERSITAS stammen von der Biologin und Wissenschaftsjournalistin Claudia Eberhard-Metzger („Die Macht der Gene), von Axel W. Bauer von der Universität Heidelberg (Ethik in der Biomedizin), von Dr. Britta Urmoneit (Was ist Gentechnik?, Methoden und Werkzeuge der Molekularbiologie) und von Dr. Andreas Schrell und Nils Heide, die über die Patentierung genetischer Information schreiben.

Ein kostenloses Probeheft oder ein kostenloses Probeabo (2 Hefte) der UNIVERSITAS kann man bei der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft Stuttgart anfordern.
E-Mail: universitas@wissenschaftliche-verlagsgesellschaft.de

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Tamara Weise idw

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